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Bunte Aushänge erinnern die Kinder an Verhaltensregeln für den Unterricht.

Interview

"Hervorragender Beitrag zur Inklusion"

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Die Pädagogik-Professorin Elisabeth von Stechow spricht über Familienklassen aus Sicht der Wissenschaft.

Wie effektiv sind Familienklassen aus wissenschaftlicher Sicht, wenn es um eine bessere Teilhabe der Familienklassen-Schüler am Regelunterricht und eine bessere Schule-Eltern-Beziehung geht? 
Es liegen bislang noch keine Langzeitstudien zur Effektivität von Familienklassen vor, es gibt jedoch seit 2013 etliche kleinere Studien, die die Wirksamkeit der Familienklassen belegen. 
 
Und was besagen diese Studien?
In einer Studie von 2013, die eine Familienklasse an einer Berliner Grundschule in Neukölln untersuchte, wurden die positiven Verhaltensveränderungen der Kinder hervorgehoben und die positive Entwicklung des Eltern-Schule-Verhältnisses betont. Die Eltern lernten die Schule und die Ansprüche der Lehrer besser kennen, und die Lehrer konnten einen besseren Einblick in die familiären Strukturen und Belastungen bekommen. Diese Ergebnisse wurden auch von mehreren Grundschulen im Kreis Schleswig-Flensburg bestätigt. 

Gibt es Erkenntnisse über die Famlienklassen in Hessen?
An der Uni Gießen wurde in einer Examensarbeit zur Effektivität der Familienklassen im Lahn-Dill-Kreis gezeigt, dass die Familienklasse ein wichtiges Instrument zur Prävention von Schwierigkeiten in der emotionalen und sozialen Entwicklung darstellt. 

Aus Ihrer Sicht also ein Erfolgsmodell?
Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Ergebnisse sehr ermutigend; es müssen jedoch weitere Studien folgen, die auch die Entwicklung der Schulleistungen oder die Fragen der Nachhaltigkeit fokussieren. 

Sollte es mindestens an jeder Grundschule eine Familienklasse geben?
Familienklassen sind immer dann sinnvoll, wenn es an einer Schule mehrere Kinder mit sehr herausfordernden Verhaltensweisen gibt und die normale Kooperation mit dem Elternhaus nicht gelingt. 

Familienklassen sollen also dabei helfen, dass Eltern und Lehrer ihre jeweiligen Bedürfnisse hinsichtlich des Kindes besser kennenlernen?
Dem Modell der Familienklasse liegt ein theoretischer Ansatz zugrunde, der die Familie und die Schule als System erklärt. Aus dieser Sichtweise sind „Problemschüler“ Mitglieder in Systemen, in denen die Interaktionsprozesse gestört sind; das schwierige Verhalten der Kinder ist ein Ausdruck für Kommunikations- und Interaktionsstörungen. Solche Störungen in den Familien liegen häufig bereits vor Schuleintritt vor; sie können sich aber verstärken, wenn das Kind in das System Schule eintritt. Ursachen können eine unzureichende Elternarbeit von Seiten der Lehrer, aber auch negative oder unzureichende Erfahrungen der Eltern mit dem System Schule sein. In den Familienklassen wird diese fehlende Kopplung bearbeitet und neu aufgebaut. 

Welchen Einfluss haben die Größe der Familienklasse und die Homogenität der Problemlagen auf den Erfolg einer Familienklasse?
Familienklassen können ungefähr acht Kinder und ihre Familien betreuen. Die jeweils unterschiedliche Problematik der Familien stellt kein Problem dar. Es geht um die grundlegende Bewältigung familiärer und schulischer Probleme; dabei sind die Lösungsstrategien zwar sehr individuell, aber letztendlich nicht grundverschieden. 

Warum gibt es nicht längst schon mehr Familienklassen? 
Die Einrichtung einer Familienklasse erscheint erst mal teuer, denn dort ist immer ein Multifamilientherapeut an einem Vormittag tätig und ein/e Förderschullehrer/in, der/die fest an die Schule abgeordnet ist. Die Befürworter der Familienklassen haben in der Vergangenheit große Schwierigkeiten gehabt, eine Finanzierung zu realisieren. Betrachtet man die hohe präventive Wirkung und die Folgekosten, wenn Interventionen für schwer belastetete Familien und Kinder zu spät einsetzten, ist eine Familienklasse indes relativ kostengünstig.

Ist die Familienklasse ein geeignetes Instrument für Inklusion an Schulen?
Die Familienklasse ist ein hervorragender Beitrag zum Gelingen einer inklusiven Beschulung. Gerade die Kinder mit Beeinträchtigungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung werden von den Regelschullehren und -lehrerinnen häufig als Überforderung wahrgenommen. Familienklassen entlasten die Lehrer und die Mitschüler dieser schwer belasteten Kinder und geben vor allem den Kindern mit Beeinträchtigungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung eine hochwertige Förderung, so dass eine Beschulung an einer Förderschule vermieden werden kann.

Aber man könnte es auch für das Gegenteil von Inklusion halten? Die Schüler werden durch die Familienklasse ja aus dem Regelunterricht herausgeholt.
Es ist gewissermaßen eine Exklusion in der Inklusion für einen Vormittag. Aber solche Hilfsangebote, bei denen die Kinder zeitweise den Klassenverband verlassen, können sinnvoll sein, damit sie grundsätzlich darin verbleiben können. 

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