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Odenwaldschule

Eliteinternat

Heppenheim: Ärger über Buch zur Odenwaldschule

Die Odenwaldschule ist schon längst dicht – doch der Missbrauch wird weiter aufgearbeitet. Jetzt liegen die Ergebnisse einer Studie vor.

Vor dreieinhalb Jahren kam das endgültige Aus für die Odenwaldschule: Die zahllosen Missbrauchsfälle und die einhergehende Geldnot machten im September 2015 den Fortbetrieb des Eliteinternats nicht mehr möglich. Seit wenigen Tagen liegt nun die erste wissenschaftliche Untersuchung zum Skandal an einer der bekanntesten deutschen Reformschulen vor.

In einem mehrere Hundert Seiten langen Buch charakterisiert das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) die Schule als „Gefährdungsmilieu“. Die Schüler seien dort in familienähnlichen Intimräumen emotional und sexuell ausgebeutet worden, heißt es. Dabei habe sich das einstige Vorzeigemodell als Alternative zur „Pädagogik der Untertanenerziehung“ verstanden.

Der damalige Schulleiter Gerold Becker hatte sich nach dem Urteil der Untersuchung den liberalen Zeitgeist der 1970er Jahre zunutze gemacht – und vom Verschweigen und den Schamgefühlen der Jugendlichen profitiert. Bei der Auseinandersetzung mit schulinternen Kritikern habe ihm ein Netzwerk von Unterstützern von innen und außen geholfen, urteilen die Wissenschaftler, die auch Zugang zu den Archiven hatten. Zentrale Ergebnisse haben die Autoren der Studie, die das hessische Sozialministerium finanziert hat, vorab in der vergangenen Woche in der „Zeit“ veröffentlicht.

Becker, der von 1969 bis 1985 an dem renommierten Privatinternat arbeitete, gilt als die zentrale Figur des Skandals. Der Reformpädagoge starb 2010 in Berlin im Alter von 74 Jahren. Zuvor hatte er sich in einem Schreiben an die Schule für seine Übergriffe entschuldigt.

Eine offizielle Untersuchung zweier Juristinnen sprach vor acht Jahren von „einem Nest von Pädophilen“ in der Vorzeigeschule und bezifferte die Zahl der missbrauchten Schüler auf 132 zwischen 1965 und 1998. Die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher liegen. Der Opfer-Verein „Glasbrechen“ sprach dagegen von mehr als 500 Fällen. „Ich sehe nichts Falsches, aber auch nichts Neues“, sagt nun dessen Vorstandsmitglied Johannes von Dohnanyi in einer ersten Stellungnahme zur vorliegenden Untersuchung.

Verärgert ist „Glasbrechen“ aber darüber, dass der Verein über die vorliegende Veröffentlichung des Buchs nicht informiert worden sei. Dabei hätten die Opfer den Psychologen schonungslos Rede und Antwort gestanden, sagt Dohnanyi. „Wir hätten uns mehr Respekte im Umgang mit den Betroffenen gewünscht“, sagt der ehemalige Odenwaldschüler. Er war auch in der Wohngruppe Beckers, gehörte aber nach seinen Worten nie zu den Opfern.

Das IPP hat mit 36 Betroffenen des Missbrauchs sowie 19 früheren Mitarbeitern der Odenwaldschule Interviews geführt. Geschäftsführer Florian Straus äußert Verständnis für etwaigen Unmut von Betroffenen. Das Manuskript für das Buch sei schon im Sommer fertig gewesen, sagt Straus. Dann habe das hessische Sozialministerium für den 20. Oktober eine Pressekonferenz geplant, die dann jedoch verschoben worden sei.

Im Sozialministerium heißt es dazu im Bürokratendeutsch, vor einem „öffentlichkeitswirksamen Termin“ habe man das Buch abwarten wollen. Jeder Betroffene werde ein Exemplar bekommen. Jetzt werde „zeitnah“ ein Termin zur Vorstellung beider Studien gesucht. Auch die Universität Rostock arbeitet noch an einer Untersuchung, die jedoch eher historisch angelegt ist.

So viel scheint klar: Bei der öffentlichen Präsentation der Studie scheint im Vorfeld einiges schiefgelaufen zu sein. (dpa)

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