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Helge Braun hat als Moderator in der Coronavirus-Pandemie an Präsenz gewonnen.
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Helge Braun hat als Moderator in der Coronavirus-Pandemie an Präsenz gewonnen.

Helge Braun

Der Strippenzieher

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Kanzleramtsminister Helge Braun rückt in der Corona-Pandemie in den Vordergrund. Er könnte ein Kandidat für die Nachfolge von Ministerpräsident Bouffier werden. Ein Porträt.

Wer ist Helge Braun? Es ist noch nicht lange her, dass der Christdemokrat aus Gießen nur politischen Insidern ein Begriff war. Als Kanzleramtsminister in Berlin zog er die Strippen im Hintergrund, etwa wenn die Bundeskanzlerin Beratungen mit den Bundesländern vorbereitete.

Doch seit einigen Wochen hat sich das Bild verändert. Braun, ein freundlicher Bär von einem Mann, tritt häufig vor die Kameras. Es fällt auf, dass er immer ein breites Lächeln auf den Lippen hat, selbst in der tiefsten Corona-Krise, und dass er immer bedächtig spricht, auch in aufgeregten Zeiten. Helge Braun wird bekannt, als besänftigender Krisen-Moderator, der als promovierter Intensivmediziner derzeit besonders geeignet erscheint für kompetente Stellungnahmen. Ist er verstärkt präsent, weil er Merkels Mann für den Krisenmodus ist und als Vermittler zwischen Bund und Ländern auftritt? Oder steckt mehr dahinter? Hat der 48-Jährige möglicherweise Ambitionen auf die Nachfolge von Volker Bouffier in Hessen?

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die hessische CDU bei der nächsten Landtagswahl 2023 nicht mehr mit Bouffier antritt. Der Ministerpräsident wäre dann fast 72 Jahre alt. Zwar hat der Christdemokrat vor der Landtagswahl 2018 verkündet, er wolle im Amt bleiben, „wenn der liebe Gott und meine Frau mich lassen“. Zudem hat er eine Krebserkrankung im Jahr 2019 offenbar gut überstanden. „Ich bin sehr dankbar, dass der Krebs nicht wiedergekommen ist“, äußerte er sich am Wochenende. Das sei nicht selbstverständlich. Es ermögliche ihm, sehr intensiv zu arbeiten. Doch in der Union wird erwartet, dass er bis zur Wahl Platz macht für Jüngere – nach mehr als 20 Jahren in Regierungsämtern und über einem Jahrzehnt in der Staatskanzlei. Ohnehin ist Bouffier der am längsten regierende Ministerpräsident Deutschlands.

Doch wer soll auf ihn folgen? Bis vor einem Jahr schien klar, dass es auf Thomas Schäfer hinauslaufen würde, den hessischen Finanzminister. Beliebt in der Partei, umgänglich und fleißig unterstützte er zudem als Finanzminister die Kommunen beim Schuldenabbau – wichtig, um die christdemokratischen Kommunalpolitiker für sich zu gewinnen. Doch Schäfer nahm sich im März das Leben. Das war ein Schock für die Christdemokraten – und ein herber Verlust. Bis dahin lautete die Frage, wann Bouffier Platz für Schäfer machen würde. Seitdem ist ungewiss, auf wen die Nachfolge hinausläuft. Da kommt Helge Braun ins Spiel.

Bisher wurden nur Landespolitiker gehandelt. Michael Boddenberg vor allem, ehemals hessischer CDU-Fraktionschef und Nachfolger von Thomas Schäfer im Amt des Finanzministers. Oder Boris Rhein, der Erfahrungen als Innen- und Wissenschaftsminister mitbringt und sich derzeit als ausgleichender Landtagspräsident profiliert. Auch der Name von Innenminister Peter Beuth wird gelegentlich genannt. Er hat aber mit seinem missglückten Krisenmanagement bei der Aufklärung der rechtsextremen „NSU 2.0“- Drohserie Chancen eingebüßt.

Boddenberg gilt als Favorit. Doch keiner der drei Landespolitiker kann sich in der Union auf eine so breite Basis stützen wie Bouffier oder Schäfer. Auch in der öffentlichen Wirkung stehen alle im Schatten des Ministerpräsidenten. Einer aber hat in den vergangenen Wochen an Profil gewonnen: Helge Braun. Dabei hilft ihm seine Glaubwürdigkeit als Arzt, der „in beiden Welten zu Hause“ ist, wie seine Partei formuliert, in der Medizin und in der Politik.

Braun schildert, dass er die Situation von Ärzten und Pflegern aus seiner Zeit im Krankenhaus kenne und wisse, wie es denen gehe, wenn eine Intensivstation stark belastet werde. „Es ist eine schreckliche Vorstellung für mich, wenn wir Patienten nicht die bestmögliche gesundheitliche Versorgung zukommen lassen könnten, weil die Ressourcen zu knapp werden.“

Braun spricht aus, was im Haus der populären Kanzlerin Merkel gedacht wird. Unpopuläre Sätze schaden nichts, wenn sie gut begründet und ehrlich daher kommen. Corona-Einschränkungen werde es den ganzen Winter über geben, sagte er in einem Interview. „Das geht bis März.“ Erst dann seien mehr Menschen geimpft und die Lage könne sich wieder entspannen. Andere trauen sich nicht, solche harten Sätze auszusprechen. Braun kann sie so freundlich aussprechen, als sei nichts dabei.

Ob es den langjährigen Bundespolitiker und Merkel-Intimus Braun allerdings in die hessische Landespolitik zieht, ist bisher nicht erkennbar. Doch für die Zeit nach der Bundestagswahl im September könnte er auf der Suche nach neuen Aufgaben sein. Dann zieht im Kanzleramt eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger von Angela Merkel ein und dürfte sich eine Vertrauensperson für die Leitung suchen. Braun wäre frei für etwas Neues und jung genug, den Generationenwechsel der CDU in Hessen einzuleiten. Zudem könnte er auf das Vertrauen Bouffiers zählen. Immerhin ist Braun schon einmal in dessen Fußstapfen getreten. In Gießen, Heimatstadt der beiden, löste Braun 2004 den damaligen Innenminister Bouffier als Kreisvorsitzenden der CDU ab.

Ausgerechnet in Gießen leisteten sich beide in der Corona-Krise gemeinsam einen peinlichen Fauxpas. Mitte April hatten sich der Kanzleramtschef und der Ministerpräsident mit anderen Politikern und Ärzten beim Besuch der Uniklinik in einen Aufzug gezwängt – dicht an dicht und ohne Abstand. Nachher war es allen unangenehm, dass sie nicht an die Corona-Regeln gedacht hatten und der Vorgang auch noch von einem Pressefotografen abgelichtet wurde.

Auf unglückliche Weise illustrierte das Bild, wie nahe sich Bouffier und Braun stehen. In der Corona-Krisenpolitik ziehen beide jedenfalls häufig an einem Strang in die gleiche Richtung. In Hessen hat Bouffier etwa die Schulen nicht geschlossen, als der harte Lockdown im Dezember kam – anders als andere Bundesländer. Braun sieht das genauso. Bildung genieße die höchste Priorität, betonte er. Schulen seien „das Letzte, das wir schließen, und das Erste, das wir öffnen“. Da sprach er schon nicht mehr wie ein Bundes-, sondern wie ein Landespolitiker. In deren Zuständigkeit fällt nämlich die Schulpolitik.

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