+
Hinweisschilder weisen den Weg zum Haus des Jugendrechts, das sich im ehemaligen Goldpfeil-Gebäude an der Kaiserstrasse befindet.

Offenbach

Haus des Jugendrechts Offenbach: Positiver Effekt bei Ersttätern

  • schließen

Vor einem Jahr wurde das Haus des Jugendrechts in Offenbach offiziell eröffnet. Das Modell wird gelobt, aber es ist nicht völlig unumstritten.

Die Erwartungen an das vor gut einem Jahr eröffnete Haus des Jugendrechts in Offenbach waren groß. Ziel sei es, kriminelle Karrieren im Keim zu ersticken, sagte damals Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Die FR hat nun zu den bisherigen Erfahrungen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendhilfe nachgefragt.

Die Bilanz fällt überwiegend positiv aus. Gerade bei Ersttätern könne man von einem positiven pädagogischen Effekt ausgehen, sagt die Polizei. Es gibt aber auch vereinzelt Kritik und Vorbehalte, dass die fehlende räumliche Distanz zwischen Jugendhilfe und Strafverfolgungsbehörden zu einem Vertrauensverlust bei den jungen Leuten führen könne.

Die behördenübergreifende Zusammenarbeit wird fast durchweg gelobt. Sie soll die Verfahren beschleunigen. Nach Einschätzung der Polizei ist das gelungen, die Justiz konnte die Frage nicht beantworten. Wolfgang Malik, Präsident des Boxclubs Nordend, in dem auch Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen verkehren, sagte, er habe den Eindruck, auf strafbares Verhalten junger Menschen werde nun schneller reagiert. Das sei wichtig, weil der Bezug zwischen Fehlverhalten und Bestrafung klarwerde.

Das Konzept

Das Haus des Jugendrechts  in Offenbach wurde im April 2019 offiziell eröffnet. Es ist die vierte Einrichtung in Hessen nach Wiesbaden und Frankfurt (mit zwei Häusern). Ziel ist, die Jugendgerichtsverfahren zu beschleunigen.

Unter einem Dach  arbeiten dort Justiz, Staatsanwaltschaft, Polizei, Jugendgerichtshilfe und die Diakonie zusammen. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen sind in Offenbach auch Jugendrichter mit eigenem Büro vor Ort.

Die Polizei  ist mit 22 Beamten vertreten, die Jugendhilfe mit zwei Sozialarbeitern, die Staatsanwaltschaft mit 2,5 Stellen plus Wachtmeister und zwei Sekretariatskräften sowie der Täter-Opfer-Ausgleich mit halber Stelle. 

Nach Angaben von Alexander Homm, Sprecher der Staatsanwaltschaft, wurden 2019 rund 150 Ermittlungsverfahren monatlich im Haus des Jugendrechts bearbeitet. Die Zusammenarbeit mit Polizei und Jugendamt laufe reibungslos. Auch die Polizei zieht ein positives Resümee. Sprecher Rudolf Neu verweist auf die Kriminalitätsstatistik für 2019. Danach ist die Zahl der registrierten Straftaten Jugendlicher um 3,6 Prozent auf 1345 Delikte gesunken. 2018, als es noch kein Haus des Jugendrechts gab, betrug der Rückgang sogar 20 Prozent.

Die Polizei unterscheidet im Haus des Jugendrechts zwischen allgemeiner Jugendkriminalität (850 Vorgänge im Jahr 2019) und Delikten durch Mehrfach-/Intensivtäter oder besonders auffällige Straftäter unter 21 Jahren (750 Vorgänge). Im ersten Fall geht es um einfache Körperverletzung oder Diebstahl, im zweiten um schwere Körperverletzung, Einbrüche und Raubstraftaten.

Kritik am Konzept der Häuser des Jugendrechts gibt es vor allem wegen der räumlichen Nähe von Jugendhilfe und Polizei. In Offenbach sind alle Institutionen im selben Stockwerk des ehemaligen Goldpfeil-Gebäudes an der Kaiserstraße, aber räumlich voneinander getrennt untergebracht.

Die Linke befürchtet, die Jugendhilfe könne ihre Aufgaben, die auf dem Vertrauensverhältnis zum Klienten basierten, nicht erfüllen. Ihr Stadtverordneter Sven Malsy sieht strukturelle Probleme. Die Polizei müsse Straftaten verfolgen, dagegen habe die Jugendgerichtshilfe einen Hilfeauftrag.

Jugendamtsleiter Roberto Priore sagte, die räumliche Nähe sei von Vorteil, weil sie zu einem besseren Verständnis des jeweiligen Aufgabenbereichs führe. Die Kontakte zu den Staatsanwältinnen seien intensiver geworden. Er räumte aber ein, die Zusammenlegung und das Entbinden von der Schweigepflicht (die städtischen Mitarbeiter informieren die Staatsanwaltschaft über ihre Beratungsgespräche mit Eltern und Jugendlichen) könnten den Eindruck erwecken, dass die Grenzen zwischen Jugendhilfe und Strafverfolgungsbehörden zu stark verwischten. Ob das tatsächlich der Fall ist, sagte er nicht. Nur soviel: Bislang gebe es dazu keine seriöse Untersuchung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare