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Hauptverdächtiger Stephan E.

Prozess gegen Stephan E.

Hauptverdächtiger im Mordfall Lübcke beschuldigt Bekannten

Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke wird auf seiner Terrasse erschossen. Der Hauptverdächtige gesteht, widerruft dann aber. Nun erzählt er eine ganz andere Version der Tatnacht.

Stephan E. (46), mutmaßlicher Mörder von Regierungspräsident Walter Lübcke, hat bei seiner Vernehmung gestern in Kassel eine neue Tatversion präsentiert. Er beschuldigt seinen Komplizen, den 43-jährigen Neonazi Markus H. aus Kassel. Der soll Lübcke versehentlich erschossen haben.

So schilderte es E.s Anwalt Frank Hannig am späten Mittwochnachmittag bei einer Pressekonferenz im Kasseler Hotel Reiss. Zuvor war E. mehrere Stunden von einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes und der Bundesanwaltschaft im Kasseler Polizeipräsidium vernommen worden. In dieser Vernehmung habe E. auch erklärt, dass der Regierungspräsident versehentlich bei einem Streit auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha in der Nacht zum 2. Juni von H. erschossen worden sei. Am Tattag hätten E. und H. über Lübcke nachgedacht. Am Abend hätten sie dann den Entschluss gefasst, zu Lübcke nach Hause zu fahren, um ihm dort „eine Abreibung zu verpassen“.

Während der Autofahrt habe E. die Tatwaffe an H. übergeben. Auf der Terrasse des Hauses der Familie Lübcke seien die Männer auf den Regierungspräsidenten getroffen und mit ihm in Streit geraten. Während dieses Streitgesprächs sei Lübcke aufgestanden und habe um Hilfe gerufen, schilderte Hannig den weiteren Verlauf. Dann habe sich aus Versehen ein Schuss aus der Waffe gelöst. Es sei allerdings zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt gewesen, dass Lübcke habe sterben sollen.

Lübcke war durch einen Kopfschuss über dem rechten Ohr getötet worden. Die Bundesanwaltschaft hatte von Heimtücke gesprochen. Nach der Tat habe E. die Waffe wieder an sich genommen, gereinigt und versteckt.

Björn Clemens, der Anwalt von Markus H., äußerte sich gestern nicht zu den Anschuldigungen. Er erklärte nur: Jeder Beobachter könne sich fragen, wie glaubwürdig jemand sei, der im Laufe des Verfahrens ständig mit neuen Versionen eines Geschehens aufwarte, zu dem er ursprünglich ein vollständiges Geständnis abgelegt habe.

E.s Verteidiger Hannig lieferte auch eine Erklärung dafür, warum sein Mandant im ersten Geständnis eingeräumt habe, die Tat allein vorbereitet und ausgeübt zu haben. Wenn er Markus H. aus der Angelegenheit raushalte, so bekomme seine Familie Schutz und finanzielle Vorteile. Das habe E.s früherer Verteidiger Dirk Waldschmidt zugesichert. Der allerdings bestritt dies gegenüber dem NDR.

E.s Anwalt Frank Hanning gilt als Anwalt der rechten Szene. Im Dresdner Stadtrat sitzt er zwar für die Freien Wähler, Kenner nennen ihn aber „eine wichtige Stütze“ von Pegida. Unter anderem soll er das Konto der rassistischen Organisation treuhänderisch betreut haben.

Schlagzeilen machte der gebürtige Hallenser, der auch Stasi-Spitzel gewesen sein soll, als er 2010 Anzeige gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel erstattete. Der Ankauf einer CD mit Schweizer Bankdaten von Steuerhinterziehern war seiner Ansicht nach eine „Aufforderung zum Denunziantentum“. Das Verfahren gegen Merkel wurde eingestellt. CDU-Mitglied Hannig trat aus der Partei aus.

Nun macht er selbst die Schlagzeilen – unter anderem mit seinen Internet-Filmchen, die Titel tragen wie „Ihr fahrt einen Diesel? Holt euch die Kfz-Steuer zurück“ und bis zu 190 000 Mal aufgerufen wurden.

Die Nachfrage wird demnächst noch größer werden. Der stets besonnen auftretende Jurist hat angekündigt, den Prozess auf seinem Youtube-Kanal ausführlich begleiten zu wollen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb, Kathrin Meyer, Florian Hagemann, Matthias Lohr und Frank Thonicke

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