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Kann man die Zeitung durch lesen: Wolfgang Lummer mit einem Apfelpapyrus.

Papyrus aus Obst

Hauchdünnes Gemüse

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Wolfgang Lummer macht Papyrus aus Gurken, Zucchini und Äpfeln, weil er’s kann.

Wolfgang Lummer haben Sie schon mal in der Zeitung gesehen. Er ist nämlich ein vielbeschäftigter Mann. Für einen beinahe 82-Jährigen ein sehr vielbeschäftigter Mann. Die ganze Wohnung kündet davon – überall Vögel, überall Fundstücke, die er mit Geschick in Figuren verwandelt, sei es eine Senftube, sei es eine Wurzel im Wald.

„Überall Gesichter“, so titelte die FR einmal über das künstlerische Schaffen des ehemaligen Zootierpflegers. Und jetzt: Obst.

Aktuelles Steckenpferd des einst besten Freundes der Frankfurter Elefanten ist es nämlich, aus frischen Früchten und Gemüsen faszinierend leuchtende, hauchdünne Papyrusblätter zu machen. Und das kam so:

1997 war Sigrid Schraube ihrer Zeit weit voraus: Die Leiterin der Kunstwerkstatt Nidderau gab Papyrus-Kurse. Es wurde auch Papier aus Pflanzenfasern geschöpft. „Ein einzelner Mann ist auch dabei“, berichtete die FR damals, und dass er der Experimentierfreudigste in der Gruppe sei.

Das mag daran gelegen haben, dass er unter anderem Nashornkot mitbrachte. Nicht allen Damen im Seminar gefiel das. „Aber das ist ja auch nichts anderes als getrocknetes Getreide“, verteidigt sich Lummer noch heute mit einem Lächeln. „Elchkacke ist auch sehr gut, die ist richtig fest.“ Er besorgt sie in Schweden.

Apfel in Scheiben schneiden, mittig: der Stern. Dann brühen.

Aber zurück zum Gemüse in hauchdünnen Scheiben. Gelehrt hat ihn also Sigrid Schraube damals in Nidderau. Über die Jahre verfeinerte Lummer seine Technik, auch wenn er dabei immer wieder auf verblüffte Gesichter stieß. „Ich gehe auf den Markt und kaufe eine Rote Bete. Sagt er: Nehmen Sie drei, können Sie einen Salat draus machen. Sage ich: Ich mach Papier draus. Guckt er mich an.“

Los geht’s in der Küche. Da hört die Gattin HR2, Mozart wird gerade gegeben. Frau Lummer muss fürs Foto kurz das Feld räumen. Mozart darf bleiben. Wo ist die Schneidemaschine? „Welche Schneidemaschine?“ Nix Schneidemaschine, Lummer nimmt das Küchenmesser und schneidet per Hand eine verblüffend dicke Apfelscheibe ab. Muss die nicht dünner? Wird sie noch. Nur Geduld. „Da sieht man den Stern in der Mitte“, sagt Lummer beim Schneiden. Tatsächlich, das Kerngehäuse: ein Stern.

Mit Tüchern und Papier ummanteln.

Nächster Arbeitsgang: brühen. „Al dente, sagt Sigi Schraube“, sagt Wolfgang Lummer. Die Apfelscheiben also nur kurz in den Topf, aber auch nicht zu kurz, „gerade so lang, dass die Zellen durch die Hitze getötet werden, sonst hat’s keinen Sinn, dann schimmelt’s“. Anschließend die Scheiben nebeneinander in ein Tuch einschlagen, dann in einen Stapel Zeitungen, und das Ganze in eine schwere Presse geben. Das ziemlich beeindruckende Druckausübungsgerät stammt vom Flohmarkt. „Früher habe ich mal das Auto draufgestellt.“ Auf den Zeitungsstapel mit den vielen Obstscheiben. „Das wurde mir dann aber auf die Dauer zu aufwendig.“

Auspressen.

Lummer schraubt die Presse zunächst nur locker zu. Dann warten. „Schon in einer halben Stunde kann man eine zusätzliche ganze Drehung machen, so viel Saft ist dann schon raus.“ Den Vorgang wiederholt er zwei Tage lang und legt die Obst- oder Gemüseringe in dieser Zeit bis zu acht Mal trocken mit immer neuen Zeitungsschichten.

Dann ist das Papyrus fertig. „Das Schönste, was ein Apfel werden kann“, sagt der Künstler in Anlehnung an einen legendären Saftwerbespruch. In Tüten hat der Sachsenhäuser unzählige Beispiele gesammelt. Kalender macht er daraus, Postkarten verziert er damit. Hauchdünne Radieschen, superschlanke Zwiebelringe hat er gerahmt. „Am schlimmsten war die Erdbeere, da habe ich fünf oder sechs verbraten.“ Bei Erdbeeren nimmt man die ganze Frucht und presst sie. „Aber schaut euch diese Zucchini an – das ist doch ein Kirchenfenster!“

Wenn Wolfgang Lummer seine Papyrusfrüchte auf den Lichtkasten legt, von hinten beleuchtet und von vorn mit seiner Lumix fotografiert: wunderschön. Und falls hier Kinder mitlesen: Mit dem Essen spielt man nicht.

Fertig.

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