Der Rockmusiker Lou Reed wird hinter der Bühne nach dem desaströs und abrupt endenden Konzert von der Polizei festgenommen. Foto: Detlef Kinsler
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Der Rockmusiker Lou Reed wird hinter der Bühne nach dem desaströs und abrupt endenden Konzert von der Polizei festgenommen.  

Interview

„Das hatte weniger mit Musik als mit Rock’n’Roll und dieser Fuck you-Haltung zu tun“

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Oliver Augst erlebte als 17-Jähriger das Lou Reed-Konzert in der Stadthalle Offenbach, das mit einer Saalschlacht endete. Im Gespräch erzählt er, wie ihn das Erlebnis als Künstler prägte.

Sie haben das Lou Reed-Konzert in der Offenbacher Stadthalle, das im Tumult endete, als Initialzündung bezeichnet. Wieso? Das war doch kein tolles Erlebnis..

Doch. Fand ich schon. Ich war damals 17, und es ist mir bis heute präsent. Sicher, es war verstörend. Aber es war der Einbruch der großen weiten Welt, die in meine behütete kleine Offenbacher Realität krachte. Dieses Erlebnis hatte mit Musik gar nicht viel zu tun, aber mir Rock’n‚Roll und dieser Fuck you-Haltung. Da habe ich gemerkt, es geht auch anders. Man muss nicht in seiner Spießigkeit schon mit 17 an die Rente denken. Man kann den Schritt wagen.

Wie hat es Sie geprägt?

Viele Kolleginnen und Kollegen meiner Generation sind im Gegensatz zu mir in den Metropolen der Welt aufgewachsen, haben die wichtigen Bewegungen der Zeit direkt vor der Haustüre erlebt, die Anfeindungen, den Clash der Kulturen und Sprachen. Das gab es bei mir nicht. Für mich hieß das: Wenn das Problem nicht da ist, musst du es suchen. Denn es ist der Motor für Kunst. Das bedeutete für mich zunächst mal ganz einfach: raus hier!

Wie war Offenbach 1979?

Offenbach war halt Provinz. Ich bin behütet im Stadtteil Bürgel aufgewachsen. Das Thema ‚Normalität‘ ist die Reibefläche für meine künstlerische Arbeit als Sänger, Komponist und Hörspielmacher geworden. Bei anderen Künstlern sind extreme Situationen die Quelle ihrer Arbeit. Bei mir ist es anders.

Wie anders?

Oliver Augst (Mitte) mit den Berliner Musikern Francoise Cactus und Brezel Göring bei der Produktion in Frankreich.  

Man kann auch aus der Reibung mit der Normalität und seiner Herkunft, und sei sie noch so langweilig und behütet, seine Inspiration ziehen, indem man sie in der Geschichte spiegelt.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Du musst nicht selbst, wie Lou Reed, in einer Elektroschocktherapie, dem Monster der Therapeutik, gewesen sein, um die Notwendigkeit zu kennen, gegen ein etabliertes bis verkrustetes und reaktionäres Denken ordentlich aufmotzen zu müssen. Bei mir zum Beispiel war es ein von Anfang an vorhandenes Misstrauen meiner Großelterngeneration gegenüber. Was hatte der gute Deutsche früher alles bejaht und bejubelt, bevor er dann ganz kleinlaut das Entnazifizierungsschreiben unterschrieb. Und ab ging es in Richtung Wirtschaftswunder. Dann hieß es: „Jetzt muss aber auch mal gut sein mit der Vergangenheit.“ Und: „Wir wussten ja von nichts.“

Die deutsche Geschichte ist also Ihr Thema.

So ist es. Ich habe mich zum Beispiel mit Ernst Neger beschäftigt, dem Karneval-Sänger, der mit seinem „Heile, heile Gänsje“ und, bezugnehmend auf den Zweiten Weltkrieg, vor allem mit seiner Zeile „Mainz, du warst doch gar net schuld!“ die normalen, anständigen, guten Deutschen via Fernsehen zum Weinen brachte. Diese verlogene Rührseligkeit einer Generation, die eben noch versucht hatte, die Welt in Schutt und Asche zu legen, ist ein Motiv, mit dem ich mich immer beschäftigt habe.

Sie haben sich intensiv mit Lou Reed befasst. Finden Sie ihn sympathisch oder unausstehlich?

Ein Bild der Verwüstung: Die Stadthalle Offenbach nach dem Abbruch des Konzerts in der Offenbacher Stadthalle.  

Da muss ich etwas ausholen. Im Zusammenhang mit meinem genreübergreifenden Projekt „Archiv Deutschland“ habe ich mich immer wieder mit großen Figuren der Kunst- und Weltgeschichte befasst. Zum Beispiel mit dem Komponisten Kurt Weill. Mit jedem Tag, an dem ich mich mit seinem Werk und seinem Leben beschäftigt habe, wurde er mir irgendwie immer unsympathischer. Bei Lou Reed ging es mir genau anders herum. Man weiß viel Negatives über ihn, über seine Gewaltausbrüche, seine Arschigkeiten seinen Mitmenschen gegenüber, die er belogen und ausgenutzt hat.

Das klingt jetzt nicht nach einem großen Sympathieträger.

Das stimmt. Doch das ist nur die eine Seite von Lou Reed. Wenn man sich intensiv mit ihm beschäftigt, lernt man einen Menschen kennen, der ein Resultat seiner Umwelt ist. Der auch aus einer Kleinstadt kommt und mit 17 Jahren einer Elektroschock-Therapie unterzogen wurde, weil die Eltern glaubten, man müsse seine Homosexualität und sein rebellisches Wesen auf diese Art und Weise bekämpfen. In Andy Warhols Factory in New York fand er ein kulturelles Umfeld, das ihm künstlerischen Freiraum und das Ausleben seiner Sexualität bot. Er hat sich zu einem ganz großen Künstler und Menschen entwickelt, vor dem ich allergrößten Respekt habe.

Offenbachs Kulturamtsleiter schreibt im Programmheft: Wer sein komplettes Saalmobiliar durch die Siebziger gerettet habe, sei im Zeitalter von Sex, Drugs & Rock’n‘ Roll definitiv unwichtig gewesen. Hat der Lou Reed-Auftritt Offenbach quasi geadelt?

Ich will keine Gewalt verherrlichen. Aber diese Energie, es einfach mal drauf ankommen zu lassen, das ist doch heute in unserer aalglatten Pop-Welt einer durchkapitalisierten Musikindustrie komplett verschwunden. Da wird alles durchgetaktet. Diese Riesenshows sind nur noch perfekte Ablieferungsmaschinen. Damals war es anders.

Interview: Agnes Schönberger

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