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Hast du die alle gelesen?

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Bücher, die online gelesen werden können, erzielen eine höhere Auflage.
Bücher, die online gelesen werden können, erzielen eine höhere Auflage. © dpa

Im Wohnzimmer stehen hunderte. In der Stadtbibliothek tausende. Wer schafft all diese Bücher bis zur letzten Seite? Keiner. Aber wie viele davon passen in ein Leben? Unsere Autorin hat nachgerechnet.

Der meistbenutzte und zugleich meistkritisierte Satz, der zwischen Erwachsenen und ihnen nur flüchtig bekannten Kindern fällt, ist dieser: „Bist du aber groß geworden.“ Man lehnt ihn auf das Schärfste ab, bis er einem zum ersten Mal selbst über die Lippen kommt. Versehentlich. Die wachsen aber auch wirklich dermaßen schnell. Unter Erwachsenen fällt in diese Kategorie die Frage: „Hast du die alle gelesen?“ Denn das sind Nicht-Eltern- und Nicht-Leser-Äußerungen. Sie geben einer echten Überraschung Ausdruck. Sie sind nett gemeint. Sie sind ohne Arg und ohne Ahnung. Kleine Kinder wachsen noch. Keiner liest eine Bibliothek durch.

Selbstredend wird sich jeder kulturell engagierte Mensch für das neue Jahr vorgenommen haben, mehr Bücher zu lesen. Das ist machbar und wünschenswert. Jedoch führen Berechnungen zu ernüchternden Resultaten. Viele Interessierte gehen dabei von der Grundannahme 300 wpm aus, 300 Wörter pro Minute. Wenn circa 300 Wörter auf eine Buchseite passen, heißt das: 60 Seiten in 1 Stunde, 60 sh, aber ehrlich gesagt: Das will ich mal sehen. Geht man von weit realistischeren 40 sh aus, sind das 120 Seiten in 3 Stunden, ein 360-Seiten-Buch in 9 Stunden. Wäre man von Beruf Leser und würde bei einer 37,5-Stunden-Woche 7,5 Überstunden pro Woche in Kauf nehmen (und würde der Überhang in diesem Fall finanziell ausgeglichen, nicht in Freizeit), dann käme man auf 5 Bücher pro Woche, 5 bpw, sagen wir vorsichtig 4, damit Ü-400-Seiter nicht per se abgewiesen werden müssen. Das wären also abzüglich 6 Wochen Ferien 184 Bücher pro Jahr, 184 bpj.

Ein Berufsleser könnte niemals die Romane der Stadtteil-Bibliothek Bornheim auslesen

Wäre das ein Ausbildungsberuf, in den man mit 22 voll einsteigen kann, sind das bis 67 also 45 Berufsjahre. 8280 Bücher für Erwachsene. Das ist eine erkleckliche Menge. Aber allein in der Stadtteilbibliothek von Frankfurt-Bornheim stehen 30.000 „Medien“, darunter 10.000 Romane. Ein Berufsleser könnte nicht einmal die Romane der Stadtteilbibliothek von Frankfurt-Bornheim auslesen. Auch wollen wir aufhören zu träumen. Elke Heidenreich wird damit zitiert, sie lese 400 Seiten am Tag. Außer ihr schafft das keiner. Kaum einer.

Gehen wir also von 2 Lesestunden am Tag aus, sind das 80 Seiten am Tag, sind das 560 Seiten in der Woche (ein Freizeitleser liest natürlich auch am Wochenende!), 2 bpw, wenn es sich um U-300-Seiter handelt. Aber viele Leute wollen ja auch mal ins Kino oder, äh, mit Freunden kochen.

Gehen wir also von 1 Lesestunde am Tag aus, sind das 40 am Tag, sind das 280 Seiten in der Woche, 1 bpw, 52 bpj. Wenn man das zwischen seinem 20. und 80. Lebensjahr betreibt sind das 3120 Bücher im Leben. Ich meine: immerhin. Obwohl es zum Verzweifeln ist. Um noch eine Vergleichszahl zu nennen: Der Literaturexperte Rainer Schmitz, Autor des Buches „Was geschah mit Schillers Schädel?“, meint, dass ein eifriger Leser 4000 bis 5000 Bücher in seinem Leben lesen kann.

Bei 62 bpj ist das kein Fernziel mehr. 72 bpj müssten doch auch zu machen sein. Arno Schmidt (der von 15.000 Lesetagen im Leben ausging) bestand auf einer sorgfältigen Auswahl der Bücher. Tatsächlich hassen viele Leser es, wenn wohlmeinende Bekannte sie mit zweitklassiger Ware versorgen („mal was zur Entspannung“). Ein weites Feld.

Manchmal hilft es nicht einmal, ein Buch gelesen zu haben

Gegen solche Rechnungen kann man einwenden, dass Bücher unterschiedlich rasch zu lesen sind. Das mittelt sich aber, wie die systematische Auswertung von Taschenkalendern zeigt. Schwerer wiegt der Einwand, dass es manchmal nicht hilft, ein Buch gelesen zu haben. Der Redaktion ist eine Person namentlich bekannt, die eine Leistungskursarbeit über „Homo faber“ dank Kindlers Literaturlexikon mit 13 Punkten absolvierte. Dass ich hingegen das „Nibelungenlied“ seinerzeit praktisch auswendig konnte, verhinderte nicht eine totale Niederlage in der entsprechenden Übersetzungsklausur.

Kinder lesen Unkenrufen zum Trotz mehr als Erwachsene. Die kleine Nichte, die aber wirklich groß geworden ist, liest durchaus einen Abenteuer-Band von Enid Blyton an einem Tag. Wie sollen Eltern da hinterherkommen? Wie gut, dass es die Stadtteilbibliothek von Frankfurt-Bornheim gibt. Auch wissen Kinder noch, dass der wahre Spaß erst beim Mehrfachlesen entsteht. Kein Erwachsener, der mit seinen 52 bpj kämpft, wird sich auf solche Spielchen einlassen.

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