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Stefan Füll geht seine neue Aufgabe als Präsident des Hessischen Handwerkstags mit Schwung an. Im Büro seines Wiesbadener Malerbetriebs sitzt er vor einer Abbildung des Kurhauses.
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Stefan Füll geht seine neue Aufgabe als Präsident des Hessischen Handwerkstags mit Schwung an. Im Büro seines Wiesbadener Malerbetriebs sitzt er vor einer Abbildung des Kurhauses.

Interview

„Wir haben einen drastischen Einbruch bei der Ausbildung“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Handwerkstag-Präsident Stefan Füll spricht über den Zwang zur Digitalisierung und die Schwierigkeiten von Betrieben und Auszubildenden, zueinander zu finden.

Stefan Fülls schulische Karriere nahm ihr jähes Ende an einem Sonntag. Füll, noch keine 18, beschloss, das Gymnasium Gymnasium sein zu lassen. Am nächsten Morgen trat er in Wiesbaden eine Malerlehre im Betrieb seines Vaters an. „Ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut“, sagt der heute 55-Jährige. Den väterlichen Betrieb mit seinen knapp 20 Beschäftigten, wo wir ihn zum Interview getroffen haben, führt er seit 1997. Anfang November wurde er einstimmig zum Präsidenten des Hessischen Handwerkstags gewählt.

Herr Füll, das hessische Handwerk hat zuletzt ein Boomjahr nach dem anderen erlebt. Geht das so weiter?

Ich hätte mir das gewünscht, aber wir werden wohl eine Delle zu spüren bekommen.

Warum eigentlich? Das Handwerk gehört doch großteils zu den Corona-Gewinnern. Die Menschen ziehen sich in ihr Zuhause zurück, renovieren, bauen aus, lassen energetisch sanieren. Das hat doch auch bisher die Auftragsbücher gut gefüllt.

Das ist schon richtig. Aber selbst dort gibt es einen Knick, wie ja zum Beispiel der Run auf die Baumärkte gezeigt hat. Die Menschen sind zu Hause, häufig im Homeoffice, und da wird viel selbst gemacht statt dass der Handwerker bestellt wird. Die größere Delle aber entsteht, weil viele unserer Kunden gerade im privaten Bereich gar nicht mehr die Mittel zur Verfügung haben, größere Projekte anzugehen. Viele sind von Kurzarbeit betroffen, fürchten um ihren Arbeitsplatz oder haben diesen sogar schon verloren. Da ist auch die Zukunftsperspektive ungewiss.

Handwerk in Zahlen

Knapp 370 000 Beschäftigte in gut 75 000 Betrieben haben in Hessen zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 38 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Auf 100 Betriebe in der Elektro- und Metallsparte kommen 76 Auszubildende. Bei Bekleidung, Textil und Leder sind es nur 3,6.

Mehr als 25 000 junge Frauen und Männer absolvieren zurzeit eine Ausbildung im hessischen Handwerk. Der Anteil der weiblichen Auszubildenden liegt bei 18 Prozent.

Der Hessische Handwerkstag (HHT) ist die Spitzenorganisation des Handwerks in Hessen. Er wird gebildet von den drei Handwerkskammern und den Landesfachverbänden, den Landesinnungsverbänden und Landesinnungen sowie den hessischen Kreishandwerkerschaften. pgh

Welche Folgen hat die Corona-Krise auf die Betriebe, wenn man sich den Bildungsbereich und die Ausbildung ansieht?

Den Nachwuchsmangel in vielen Berufen gab es vor Corona schon, er ist jetzt noch einmal verschärft worden. Wir haben das bereits dieses Jahr durch den deutlichen Rückgang der Ausbildungszahlen gespürt, weil einfach nicht genug Bewerber und Bewerberinnen da waren. Wir liegen hessenweit mehr als elf Prozent unter den Zahlen des Vorjahres.

Warum ist das so?

Es gab so gut wie keine Berufsorientierung an den Schulen, die Schulen waren ja seit März zeitweise zu. Es gab kaum Praktika, die Jugendlichen konnten die Berufe gar nicht kennenlernen und die Betriebe nicht die Jugendlichen. Hinzu kommt, dass angesichts der hohen Infektionszahlen die Betriebe unsicher sind, ob sie überhaupt Leute von außen aufnehmen können und sollen. Bei den eigenen Mitarbeitern hat sich das eingespielt, da sitzen zum Beispiel immer die gleichen Zweierteams im Auto. Wenn nun alle Woche jemand Neues durch den Betrieb geschleust wird, lässt man das lieber, damit nicht am Ende alles lahmgelegt wird.

Welche Auswirkungen hat das auf die Betriebe?

Das hat große Auswirkungen. Wir sind schon in den letzten Jahren immer mehr geschrumpft, weil uns die Fachkräfte gefehlt haben. Und jetzt noch mal so ein drastischer Einbruch bei der Ausbildung mit 1200 Stellen weniger, das hat dann in drei Jahren die Auswirkungen auf die Zahl der Mitarbeiter, und in fünf Jahren sehen wir es bei rückläufigen Zahlen der Meisterkurse, was spätere Betriebsübernahmen erschwert, wenn dort die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Zumal wir jetzt auch leider nicht mehr die jungen Flüchtlinge haben, die ins Handwerk gekommen sind.

Gefährdet das Betriebe in ihrer Existenz?

Das Handwerk ist ja sehr vielfältig. Die Friseure etwa sind jetzt schon zum zweiten Mal durch die angeordneten Schließungen hart getroffen, da kann ich mir schon vorstellen, dass der eine oder andere nächstes Jahr nicht mehr aufmacht. Auch die Firmen, die auf Messebau spezialisiert sind, sind stark betroffen. Andere kommen sicher besser durch die Krise.

Sie haben es gesagt: Die Schulen waren zeitweise zu, oder es gab Homeschooling. Neben der Berufsorientierung sind da ja auch viele Bildungsinhalte auf der Strecke geblieben.

Sicher. Die Folgen kann man sich ausmalen, wenn ein ganzes Unterrichtsjahr mehr oder weniger verpufft. Die Defizite werden wahrscheinlich vor allem im nächsten Ausbildungsjahr sichtbar. Es hilft ja auch nichts, die Anforderungen zu senken, damit die Noten besser werden, wenn dann das Schreiben oder Rechnen leidet. Auch wenn Eltern das vielleicht begrüßen würden. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass wir in den Betrieben selbst gefordert sind, das Versäumte nachzuholen, auch wenn das schwierig wird.

Wie ist die Situation an den Berufsschulen? Auszubildende besuchen diese normal im Wechsel mit der Ausbildung im Betrieb.

Im März haben wir gesehen, dass nach den Schließungen der Schulen wochenlang erst einmal überhaupt nichts passiert ist. Dann haben die Schulen angefragt und wollten die E-Mail-Adressen der Auszubildenden haben. Dennoch wissen wir, dass rund 30 Prozent keinen Kontakt mehr mit der Schule hatten. Und der digitale Unterricht sah dann so aus, dass Seiten aus dem Buch eingescannt und verschickt wurden, oft ohne jede Anleitung, was damit zu tun sei. Als es dann mit dem Unterricht weiterging, wurden die Versäumnisse kaum aufgearbeitet. Da sind Lücken geblieben. Das alles aufzuholen, wird sicher lange dauern.

Ist denn das hessische Handwerk in Sachen Digitalisierung besser aufgestellt?

Wir haben da die gleichen Hausaufgaben zu machen wie die Schulen. Und das muss schnell geschehen. Ich habe da das Beispiel vom Sohn eines Mitarbeiters vor Augen. Der lernt Triebwerksmechaniker und hat am ersten Ausbildungstag ein Tablet bekommen, auf dem der ganze Unterrichtsstoff drauf ist. Er lernt damit häufig selbstständig zu Hause, wann immer es ihm passt. Der Ausbilder kann dabei den Lernstand verfolgen, und wenn dann der nächste Berufsschulblock kommt, wird der junge Mann gezielt dort unterrichtet, wo er das nötig hat. Das läuft auch trotz Corona sehr gut. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das auch für viele Handwerksbetriebe ein Modell sein könnte, zumal auch immer mehr Hersteller und Lieferanten digitale Formate zur Aus- und Weiterbildung anbieten.

Und ein Tablet zum Ausbildungsstart könnte ja auch ein zusätzlicher Anreiz für den Weg in einen Handwerksberuf sein.

Ja, das ist wohl so. Wir sehen es ja auch auf Baustellen, wie dynamisch das vorangeht mit der Digitalisierung. Da wird heute schon das WLAN installiert, bevor der Rohbau steht. Die Pläne beim Bau ändern sich heute oft so schnell, dass das anders kaum noch funktionieren würde.

Interview: Peter Hanack

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