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Azubi Benjamin lässt sich von Kollegin Svenja in die Schuhe helfen, Tatjana Astachov passt auf.

Karben

Mit Handicap gegen den Pflegenotstand

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Das Berufsbildungswerk in Karben kombiniert zwei Ausbildungen und will so jungen Menschen mit einer Lernbehinderung eine neue Chance eröffnen.

Benjamin liegt im Bett und ist umringt von anderen Auszubildenden. Er soll einen älteren Herrn spielen, der im Pflegeheim lebt. Neben dem Bett sitzt eine Übungspuppe im Rollstuhl, ein paar Meter entfernt hängt ein Alterssimulationsanzug. In dem Übungsraum des Berufsbildungswerks (BBW) Südhessen in Karben möchte die erfahrene Altenpflegerin Tatjana Astachov den jungen Menschen zeigen, wie man jemanden im Bett bewegt, der kürzlich einen Schlaganfall hatte. Vorsichtig bringt die Leiterin der Altenpflegeschule Ortenberg (Wetteraukreis) den 16-Jährigen in eine stabile Seitenlage. Jeden der Schritte erklärt sie. „Ich werde Sie jetzt aufrichten.“ Svenja, eine andere Auszubildende, hilft. Sie hält die Beine fest. Langsam wird anschließend das Bett heruntergefahren. „Ich ziehe Ihnen jetzt die Schuhe an“, sagt Svenja. Astachov gefällt, wie die 20-Jährige das macht. „Das war sehr gut. Immer sprechen!“ Benjamin hat wieder festen Boden unter den Füßen.

Er und Svenja absolvieren eine besondere Ausbildung. Sie hat den etwas umständlichen Namen „Fachpraktiker/-in Hauswirtschaft mit Zusatzqualifikation Altenpflegehelfer/-in“ und dauert drei Jahre. Seit 2016 bietet das BBW sie in Kooperation mit der Pflegeschule in Ortenberg an.

Die Azubis bekommen Grundkenntnisse in der Pflege vermittelt, lernen Krankheiten des Alters kennen sowie den Umgang mit Arznei- und Hilfsmitteln für ältere Menschen. Einen noch größeren Teil der Lehre macht die Hauswirtschaft aus. Wie bereite ich Speisen vor, wie stelle ich sie her und richte sie an? Es wird gebacken, gekocht, gebraten. Überdies sollen die Azubis nachher wissen, wie Räume und Textilien gereinigt und gepflegt werden.

Bestehen sie die Prüfungen, haben sie gleich zwei Berufsabschlüsse: Fachpraktiker in Hauswirtschaft und Altenpflegehelfer. Absolvierten sie die beiden Ausbildungen einzeln, wären sie insgesamt vier Jahre beschäftigt. Das BBW hat sie für Menschen, die wie Benjamin und Svenja einen besonderen Förderbedarf haben, kombiniert. Die Kombination sei damals ein Novum in Deutschland gewesen und immer noch relativ selten, sagt Projektleiterin Sabine Tomm.

Vor kurzem ist die private Bildungseinrichtung noch einen Schritt weiter gegangen: Seit Juli können auch Jugendliche ohne Hauptschulabschluss die Ausbildung am Berufsbildungswerk in Karben absolvieren. Das hessische Sozialministerium erteilte dem BBW dafür bereits im Juni 2017 die Erlaubnis. Dies sei möglich, weil die Teilnehmer mit der erfolgreichen Abschlussprüfung bei der IHK einen der Hauptschule gleichwertigen Abschluss erwerben würden, erklärt ein Ministeriumssprecher.

Benjamin und Svenja nutzen diese Chance. Beide verfügen über keinen Hauptschulabschluss und müssen mit einer Lernbehinderung zurechtkommen. Der junge Mann aus Magdeburg hat eine Lese- und Schreibschwäche, Svenja zusätzlich noch eine Rechenschwäche. „Ich bin sozial aufgewachsen“, sagt die junge Frau aus dem Odenwald. Sie habe ihre Mutter, eine Physiotherapeutin, früher häufiger ins Altenheim begleitet.

Benjamin mag es, viel mit Menschen zu tun zu haben. Spazierenzugehen, zu kochen und zu reden. Dass alte Menschen sehr schwierig sein können, weiß er. „Man muss viel Geduld und Verständnis haben.“. Das lerne man mit den Jahren, ist Benjamin überzeugt. Er hat schon vor Beginn der Ausbildung mehrwöchige Praktika in Altenheimen gemacht.

Außer den beiden haben vor einigen Wochen noch drei weitere junge Menschen die Ausbildung begonnen, deren praktische Anteile in Einrichtungen der stationären Altenhilfe stattfinden 2016 und 2017 waren es insgesamt acht Azubis, die mussten aber noch einen Hauptschulabschluss vorweisen. Voraussetzung, die Lehre zu beginnen, ist aber weiterhin, dass der zuständige Leistungsträger wie die Agentur für Arbeit einen Anspruch auf berufliche Teilhabe nach dem Sozialgesetzbuch feststellt.

Der Bedarf an qualifiziertem Personal in der Altenpflege werde größer, sagt Astachov, die Leiterin der Pflegeschule in Ortenberg. Examinierte Altenpfleger seien besonders wichtig, aber auch Helfer würden gebraucht. „Wir haben kein Problem, Einrichtungen zu finden“, so Tomm. „Der Notstand bezieht sich auf alle Kategorien.“ Bei der Agentur für Arbeit in Gießen sind zurzeit 59 unbesetzte Stellen für Altenpfleger und 20 für Altenpflegehelfer gemeldet. Die tatsächliche Zahl liegt wohl höher. „Es ist damit zu rechnen, dass noch deutlich mehr Vakanzen in den jeweiligen Bereichen vorhanden sind“, äußerte ein Sprecher.

Unabhängig vom BBW reagierte der Landtag in diesem Sommer auf die Entwicklung. Mit großer Mehrheit beschloss er, die Altenpflegehelfer-Ausbildung in Hessen für Menschen ohne Schulabschluss zu öffnen.

Zwar dürften etliche Tätigkeiten, zum Beispiel die Wundversorgung und die Medikamenten-Dosierung, nur von examinierten Altenpflegern erledigt werden, sagt Astachov. Dennoch entlasteten die Helfer die Pfleger bei einfachen Dingen. Wo Gefahren bestehen, sagt sie, müsse immer eine examinierte Kraft tätig werden.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe sieht es kritischer. Solche Projekte trügen nicht dazu bei, den Pflegenotstand in den Altenhilfeeinrichtungen zu mildern, sagt die Vorsitzende des Regionalverbandes Südwest, Andrea Kiefer. Um die Versorgung der Bewohner zu gewährleisten, benötige man ausgebildete Altenpfleger. Die Leiterin des Hessischen Instituts für Pflegeforschung, Ulrike Schulze, spricht von „kleinen Bausteinen“. Man müsse aber viel stärker das „große Ganze“ in den Blick nehmen. Pflegeberufe müssten besser bezahlt und attraktiver gestaltet, Personalschlüssel in den Heimen sichergestellt sowie die Professionalisierung und Akademisierung in der Pflege vorangetrieben werden, sagt Schulze. Gleichwohl diene eine Ausbildung wie am BBW dazu, die Inklusion zu fördern und die Gesellschaft für Diversität zu sensibilisieren.

Menschen wie Benjamin profitieren von derartigen Projekten. In seiner Heimat fand er nichts Vergleichbares. „Ich kann mir sehr gut vorstellen in der Altenpflege zu bleiben“, sagt der Jugendliche aus Sachsen-Anhalt.

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