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Terror in Hanau: Angst und Hoffnung am Tag nach dem Anschlag

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Nach dem Terror von Hanau mischen sich Fassungslosigkeit und Angst mit der Hoffnung, dass weiterhin ein friedliches Miteinander möglich ist.

  • Rechtsextremer, rassistisch motivierter Terror-Anschlag in Hanau (Hessen)
  • Neun Tote in Hanau haben Migrationshintergrund, Mutter des mutmaßlichen Täters zehntes Opfer
  • Am Tag nach dem Anschlag: Sorge um friedliches Miteinander in Hanau

Hanau - Am Morgen nach dem Terror gibt sich Claus Kaminsky kämpferisch. Gezeichnet von der schlimmsten Nacht seit seinem Amtsantritt vor 17 Jahren, sagt der Hanauer Oberbürgermeister, seine Stadt werde sich das „gewachsene Miteinander“ verschiedener Kulturen „durch keine noch so irre Tat infrage stellen“ oder gar zerstören lassen. „All diejenigen in unserer Stadt, die aus anderen Kulturkreisen oder Ländern stammen, können sich darauf verlassen, dass wir an ihrer Seite stehen“, betont der SPD-Politiker.

Die vergangenen Stunden gehörten zu den traurigsten und bittersten Stunden, die die Stadt Hanau in Friedenszeiten erlebt habe, sagt Kaminsky. „Unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme gilt zuallererst den Angehörigen und Freunden.“ Nach einer Zeit der Trauer und des gemeinsamen Aufarbeitens „bleiben wir so beieinander, wie es in Hanau in Jahrhunderten gewachsen ist“. Schon jetzt gebe es eine Welle der Solidarität für die Betroffenen, dazu gehöre auch der Besuch des Bundespräsidenten. „Wir werden alle zusammenstehen. In unserer Gesellschaft darf kein Platz für Hetze und Rassismus sein.“

Terror in Hanau: Der Tag danach

Hanau am Tag danach. Wie geht es weiter nach der Nacht des Terrors? Werden Menschen mit und ohne Migrationshintergrund weiterhin so friedlich zusammenleben, wie sie es – weitgehend – in den vergangenen Jahrzehnten getan haben? Oder besteht nun die Gefahr, dass das soziale Klima in der knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt östlich von Frankfurt kippt? Auch über diese Fragen wird am Tag nach der Tat in Hanau gesprochen.

Da ist zum Beispiel die Frau in der Winterjacke. Sie wohnt etwa zehn Minuten vom Tatort entfernt und ist mit ihrem Hund herüber zum Kiosk im Hanauer Stadtteil Kesselstadt gekommen. Die Nachricht von der Bluttat hatte sich schnell herumgesprochen. „Wir hatten selbst gar nichts bemerkt, bis unser Sohn aus Innsbruck anrief und fragte, ob alles okay sei“, erzählt sie. Kurz darauf hätten auch schon die Bekannten aus Australien angeklingelt.

Angst vor Gewalt nach Anschlag in Hanau

„Ich dachte erst, das ist vielleicht wieder so eine Ballerei unter meinen Türken“, sagt die Frau, die selbst türkische Wurzeln hat. Die Weststadt sei eigentlich „nicht so meine Gegend, das ist ein schwieriges soziales Umfeld“. Wenn die Tat aber tatsächlich einen rechtsradikalen Hintergrund habe, dann mache ihr das Angst. „Was, wenn dann auch vor meiner Tür einer steht?“, fragt sie. „Das politische Klima macht mir große Sorgen, das provoziert Gewalt.“

Terror in Hanau: Rassismus als Motiv des Täters

Und da ist der junge Mann, der sich im Internet mit Aliasnamen „denerfun“ nennt. Er hat die nächtlichen Schüsse gehört. Seine gelockten Haare sind tiefschwarz, er trägt einen Siebentagebart und Sonnenbrille. „Ich hätte zu 100 Prozent in das Schema des Täters gepasst, der war ja wohl fremdenfeindlich“, sagt der 21-Jährige. Er selbst ist das beste Beispiel dafür, dass diese oft gehörte Zuschreibung falsch ist. Der Täter handelte offenbar aus rassistischen Motiven, nicht aus fremdenfeindlichen, denn „denerfun“ ist alles andere als fremd in Deutschland. Er hat einen deutschen Pass und sagt: „Ich bin gebürtiger Hanauer, mache gerade eine Ausbildung zum Elektroniker, aber so was wäre dem ja egal gewesen“.

Auf Twitter berichtet er von den Ereignissen, wie er sie erlebt hat: „Einfach nur krank, was sich hier abspielt, viele Trauernde und Einsatzkräfte“, lautet einer seiner Tweets. Und: „Was für eine Scheißnacht.“

Hanau: „Wir leben hier alle gut zusammen“

Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, „aus persönlichem Schutz“, wie er erklärt. Angst habe er zwar keine, der Täter sei ja ein Verrückter gewesen, nicht normal. Aber etwas besser aufpassen, vorsichtiger sein will er dennoch. „Gucken, was drum herum passiert“, sagt er. Dass die Bluttat das Zusammenleben in der Weststadt verändert, glaubt er aber nicht. „Deutsche, Türken, Kurden, Afghanen, Russen, wir leben hier alle gut zusammen“, erzählt er, der selbst türkisch-kurdische Wurzeln hat. Und das Zusammenleben, das soll auch gut bleiben. Hofft er.

Terror in Hanau: Fassungslosigkeit und Hoffnung

Und schließlich sind da noch die beiden älteren Damen. Auch für sie gibt es heute nur ein Thema: die Schüsse und die Toten der Nacht. „Wie kann man nur darauf kommen, andere Menschen umzubringen, nur weil die vielleicht keine Deutschen sind“, empört sich die eine. Sie sitzen ganz in der Nähe eines der beiden Tatorte bei zwei Tassen Cappuccino zusammen, wie fast jeden Nachmittag, wie sie erzählen. „Es wird immer mehr mit dem Hass und der Hetze“, sagt die andere. Wirklich wundern, dass so etwas passiere, müsse man sich nicht. Aber dass so etwas tatsächlich vor der eigenen Tür geschehe, „das habe ich nicht geglaubt“.

Und so bleibt vor allem eines am Donnerstag in der Hanauer Weststadt: Fassungslosigkeit – und daneben die Hoffnung, dass die Tat die Gesellschaft in der Stadt nicht weiter zerrüttet.

Terror in Hanau: Kondolenzbuch

Die Stadt Hanau hat im Stadtladen im Rathaus am Marktplatz ein Kondolenzbuch ausgelegt. Das Buch ist seit Donnerstagmittag bis auf weiteres während der Öffnungszeiten des Stadtladens zugänglich. Nach den ersten Stunden gab es ein gutes Dutzend Einträge. Erste Unterzeichner waren Ministerpräsident Bouffier (CDU) sowie die Minister Beuth (CDU) und Al-Wazir (Grüne). Es sei ein Tag der Trauer, aber auch der festen Entschlossenheit, Rassismus, Hass und Hetze entschlossen entgegenzutreten, schrieben sie. 

Zu einer Mahnwache am Freitag (21.02.2020) hat ein Bündnis aufgerufen, dem unter anderem Aktivisten des Kulturzentrums Metzgerstraße angehören. Das Gedenken beginnt um 17 Uhr am ersten Tatort am Heumarkt.

„Wir trauern mit den Familien und FreundInnen um die Opfer dieser rassistischen Morde“, heißt es in der Ankündigung. „Wir sind wütend über die rechte Stimmungsmache, die solche Taten möglich macht. Wir kämpfen weiter um gleiche soziale Rechte für alle, gegen jede rassistische Hetze und Ausgrenzung und gegen jede Abschiebung“. Es sei „Zeit für eine Migrantifa“. Für Samstag (22.02.2020), 14 Uhr, ist eine Demonstration in der Innenstadt geplant.  

Von Peter Hanack,  Gregor Haschnik und Georg Leppert 

Über den Anschlag in Hanau soll Tobias R. mit niemandem gesprochen haben. Der Attentäter hat in zwei Shisha-Bars neun Menschen erschossen. Alle Entwicklungen im Live-Ticker.

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