ARCHIV - 25.01.2011, Niedersachsen, Hannover: Die Statue Justitia ist im Amtsgericht Hannover zu sehen.
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Eine Justitia-Statue.

Justiz

Gericht hält Zeugen für glaubwürdig

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Im Mordprozess gegen Sektenchefin Sylvia D. am Landgericht Hanau werden die allermeisten Beweisanträge der Verteidigung abgelehnt. Das Urteil könnte in einem Monat fallen.

Kaum ist die Verhandlung beendet, folgt ein emotionaler Wortwechsel zwischen Sylvia D. und ihren Verteidigern Matthias Seipel und Peter Hovestadt. Was sie einander sagen, ist nicht zu verstehen. Aber die 73-Jährige, die ein buntes Blumenkleid trägt, ist eindeutig aufgebracht, schüttelt den Kopf, spricht schnell. Sie ist mit dem Verlauf dieses Prozesstages ganz und gar nicht einverstanden.

Der Mordprozess am Landgericht gegen die Sektenchefin geht auf die Zielgerade. Am Freitag hat die erste große Strafkammer die allermeisten der rund 40 Beweisanträge, welche die Verteidigung Anfang August kurzfristig eingereicht hatte, zurückgewiesen. Den Großteil wegen „Bedeutungslosigkeit“ für die Beweisaufnahme. Gleichzeitig hat das Gericht um den Vorsitzenden Peter Graßmück unmissverständlich mitgeteilt, dass es die Belastungszeugen – deren Glaubwürdigkeit viele Anträge erschüttern sollten – für glaubwürdig hält, zumindest nach einer „vorläufigen Würdigung“ der Aussagen.

D. soll am 17. August 1988 den in einen Sack eingeschnürten Jan H., den Sohn ihrer Anhänger Claudia und Helmut H., ermordet haben. Sie habe den Jungen ersticken lassen, obwohl sie seine Hilfeschreie hörte. Die Verteidiger weisen den Vorwurf zurück. Ihre Mandantin sei Opfer einer Hetz- und Rufmordkampagne.

Im Fokus der Anträge stand der ältere leibliche Sohn der Angeklagten, Martin D. Auch weil er in den 90er Jahren straffällig geworden war, versuchen die Anwälte, ihn als Lügner darzustellen und wollten hierzu etwa prüfen lassen, ob im Ausland Verfahren gegen ihn liefen. Im Bundeszentralregister hat er keine Einträge.

Schreie des Jungen gehört

An dem Nachmittag, als Jan H. starb, war Martin D. im Haus. Vor Gericht sagte der 46-Jährige unter anderem aus, er sei oben gewesen und habe die Schreie des Jungen gehört, etwas „gedimmt“. So habe es sich angehört, wenn Jan H. – den Sylvia D. als Reinkarnation Hitlers betrachtet habe – in den Sack gesteckt und im Bad hingelegt worden sei. Martin D. ging nach eigenen Angaben hinunter, wurde aber von seiner Mutter wieder hochgeschickt. Sie habe die Schreie wahrgenommen, jedoch nicht darauf reagiert.

Graßmück erklärte nun, es gebe derzeit „keinen durchgreifenden Zweifel“ daran, dass Martin D.s Angaben richtig seien. Sie würden durch andere Beweismittel nachhaltig bestätigt. Der Richter verwies beispielsweise auf Tagebucheinträge und Aussagen von Claudia H., in denen steht, Jan H. habe damals „provokativ“ getobt und in dem Sack geschlafen. Zudem hatte Sylvia D., für die nach wie vor die Unschuldsvermutung gilt, in einem abgehörten Telefonat selbst geäußert, Jan H. habe „bockig“ gebrüllt. Sie habe Fenster und Tür geschlossen und ihm gesagt, ihn könne keiner hören. Alle seien weg. Wenig später seien die Schreie verstummt.

Bereits im Juni hatte die Kammer den rechtlichen Hinweis erteilt, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes durch Unterlassen oder versuchten Mordes durch Unterlassen infrage komme.

Mit anderen, ebenfalls abgelehnten Anträgen wollten Hovestadt und Seipel ihre These untermauern, es handele sich um ein Komplott von Aussteigern. Diese hätten in Bezug auf physische und psychische Gewalt, die Sylvia D. ausgeübt haben soll, gelogen. Dem stellte Graßmück etwa die Aussage des früheren Pflegekindes Klaus B. entgegen, der in den 70ern bei den D.s lebte und keinen Kontakt zur Hanauer Aussteigergruppe hatte. Wie die anderen berichtete auch B., wie er aus dem Schlaf gerissen, angeschrien und schwer misshandelt wurde und Verfehlungen zugeben musste, die er nicht begangen hatte.

Am 7. September will die Kammer über weitere Beweisanträge der Verteidiger entscheiden. Die Plädoyers werden voraussichtlich am 16. September gehalten, das Urteil am 24 September verkündet – fast ein Jahr nach Prozessauftakt.

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