Gedenkstaette02_210920
+
Sieben Monate nach der Tat gedenkt die Stadt Hanau dem besonderen Einsatz von Vili-Viorel Paun.

Rassismus

Nach rassistischen Morden in Hanau: Ein Denkmal für Vili-Viorel Paun

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Der 22-Jährige wollte den rassistischen Mörder vom 19. Februar in Hanau aufhalten. Nun ist seine Zivilcourage posthum gewürdigt worden.

Lulia Paun streichelt ihrem Sohn liebevoll übers Gesicht, aber es ist zu ihrem Leid nur eine Fotografie von Vili-Viorel. Diese ist an einem weißen Steinkreuz angebracht über der Inschrift „Dieses Kreuz wird errichtet im Namen Jesus Christus für den Helden Vili-Viorel Paun“. Der 22-Jährige ist am Abend des 19. Februar mit acht weiteren Personen Opfer eines rassischsten Mörders geworden, der zunächst in der Innenstadt in einer Shishabar und dann im Stadtteil Kesselstadt in einem Kiosk Menschen erschoss. Vili-Viorel Paun versuchte Letzteres zu verhindern. Er verfolgte den Täter im Auto und versuchte die Polizei zu alarmieren. Auf einem Discounterparkplatzes am Kurt-Schumacher-Platz, in der Nähe des zweiten Tatortes, erschoss Tobias R. den jungen Mann. Den Ort markiert nunmehr das Kreuz.

Die Gedenkstätte samt einer Erinnerungstafel mit Porträtfotos der neun Ermordeten enthüllten am Samstag – am Tag der Zivilcourage – im Beisein der Familie Paun Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck (beide SPD) vor vielen Anwohnern, darunter auch einige Angehörige der anderen Opfer. Anwesend waren zudem die Eltern des Hanauers Alptug Sözen, der 2018 in Frankfurt einen Betrunkenen vor der S-Bahn rettete und selbst dabei starb.

Die Ereignisse vom 19. Februar ließen sich nicht wieder zurückdrehen, so Kaminsky. Doch die Stadtgesellschaft könne versprechen, das Gökhan, Sedat, Said Nesar, Mercedes, Hamza Kenan, Vili-Viorel, Fatih, Ferhat und Kaloyan nie vergessen würden. Das Kreuz und die Tafeln am Kurt-Schumacher-Platz sowie am Heumarkt in der Innenstadt seien nur die ersten Bausteine des Gedenkens. Zu Form und Ort sollen wie bei Vili-Viorel Paun die Hinterbliebenen gehört werden. Aber auch die Bürger sollen sich daran beteiligen.

Kaminsky forderte eine intensive Diskussion. Entscheidend sei nicht allein das Ergebnis, auch der Weg dorthin sei wichtig.

Schnelle Hilfen gefordert

Mit dem Gedenken ist es aus Sicht mehrerer Opferberatungsstellen und -initiativen nicht getan. In einem offenen Brief forderten sie Bund, Land und Stadt auf, mehr „soziale Sicherheit und Gerechtigkeit für die Angehörigen“ zu leisten. Die materielle Absicherung der Hinterbliebenen müsse nun „oberste Priorität“ erhalten, heißt es. „Auch sieben Monate nach der Tat ist die soziale Lage der Opferangehörigen inakzeptabel und ungewiss“, heißt es. Eine erste Soforthilfe über eine Million Euro sei unter „sehr vielen Opferangehörigen sowie physisch und psychisch Verletzten und Überlebenden aufgeteilt worden“.

Das Land habe nun zudem ein Sonderprogramm mit 600 000 Euro gestartet, aus dem jedoch auch Projekte gegen Rassismus finanziert würden.

Die Unterzeichner wie die Hanauer Hilfe, Welle gGmbH oder die Initiative 19. Februar begrüßen die Vorhaben, kritisieren aber, dass mehr Geld für die Hinterbliebenen nötig sei, auch weil einige von ihnen wegen der Tat aus traumatischen Gründen ihre Arbeit hätten aufgeben müssen und somit langfristig Einkünfte fehlten. Die Hilfen müssten unbürokratisch erfolgen, ebenso der Ausgleich einer teureren Miete nach einem Wegzug aus dem belastenden Tatortumfeld.

Für das Ehepaar Paun gibt es weder in Hanau noch in Deutschland Halt. Sobald die restlichen Formalitäten erledigt sind, wollen sie zurück nach Rumänien, wo nun auch Vili-Viorel begraben liegt. „Wir gehen nun dorthin, wo unser Sohn ist“, sagt der Mann, dessen Schmerz über den Verlust auch nach sieben Monaten nicht geringer geworden ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare