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Hanau-Überlebender im Ausschuss: „Ich wurde nicht wahrgenommen“

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Von: Gregor Haschnik, Yağmur Ekim Çay

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Ein Überlebender kritisiert im Hanau-Untersuchungsausschuss den Umgang mit Betroffenen der Terrornacht. Er hatte Angst, dass ihn die Attentäter finden.

Hanau – Wo sind deine Eltern? Brauchst du jemanden zum Reden? Sollen wir dich irgendwohin fahren? Solche Fragen hätten die Polizist:innen einem 18-Jährigen stellen sollen, der gerade „ein Blutbad erlebt“, „seine Freunde verloren“ hat und völlig aufgelöst war, sagt Piter Minnemann. Doch stattdessen hätten die Beamten nur gesagt, er könne jetzt zur Polizeistation am Hanauer Freiheitsplatz gehen, um seine Aussage zu machen. Es war Nacht und die Wache etwa drei Kilometer entfernt.

Direkt nach dem Terroranschlag von Hanau machte Minnemann sich auf den Weg, lief durch dunkle Gassen und blieb irgendwann stehen. Die Angst ließ ihn nicht los. Was ist, wenn der Attentäter ihn findet? Er rief einen Freund an, damit dieser ihn abholt. Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau hat am Montag Piter Minnemann ausgesagt, der das Attentat am zweiten Tatort, der Arena-Bar, knapp überlebte, weil die Schüsse ihn nicht trafen. Der 21-Jährige übte Kritik am Umgang mit ihm und weiteren Betroffenen.

Nach seiner Flucht aus der Bar habe er sich von einer der ersten angekommenen Polizeistreifen und auch später „nicht wahrgenommen“, geschweige denn geschützt gefühlt. Also sei er wieder rein, zurück zu seinen schwerverletzten Freunden Said Etris Hashemi und Mohammed. Für letzteren, den eine Kugel in der Nähe der Wirbelsäule traf, hätten die überforderten Einsatzkräfte zunächst keine Zeit gehabt. „Alles war sehr chaotisch.“ Auch danach wurden teils gravierende Fehler begangen. Bei Minnemanns Vernehmung am 20. Februar 2020 ging der Beamte nicht darauf ein, dass der Zeuge berichtete: „Es gab keinen Fluchtweg, alle Türen waren zu.“

Zeuge von Terror in Hanau: „Ich fühlte mich provoziert“

Laut vielen Zeug:innen war die Tür stets verschlossen. Minnemann bestätigte dies. In Kesselstadt sei von Absprachen zwischen Betreiber und Polizei die Rede gewesen, damit diese es bei Razzien leichter gehabt habe. Etwa eine halbe Stunde vor der Tat habe er versucht, durch die Fluchttür zu gehen, um draußen zu rauchen. Vergeblich. Als sie den Täter bemerkten, wäre bestimmt noch Zeit gewesen, durch den Notausgang zu entkommen, so Minnemann. Aber weil er von der versperrten Tür gewusst habe, seien sie „reflexartig“ in die andere Richtung gerannt, zu einer anderen Tür, die jedoch ebenfalls zu gewesen sei.

Viele Opfer-Angehörige und Überlebende berichten von mangelnder Fürsorge der Behörden. Michael Schick
Viele Opfer-Angehörige und Überlebende berichten von mangelnder Fürsorge der Behörden. © Michael Schick

Außerdem kritisierte Minnemann, dass er nach der Entlassung des Attentäter-Vaters aus der Psychiatrie eine Gefährderansprache von der Polizei erhielt. „Ich fühlte mich provoziert. Als ob die Gefahr von mir ausging“. Dabei stelle sich der Vater – der sich rassistisch äußerte und forderte, die Bekenner-Webseite seines Sohnes zu reaktivieren – mit seinem „scharfen“ Schäferhund auf die Straße und provoziere.

Hanau-Ausschuss: LKA-Beamter spielte wesentliche Rolle

Als zweiter Zeuge wurde ein LKA-Beamter befragt, der bei den Ermittlungen zum Notausgang eine wesentliche Rolle spielte. Seine Aussage in Wiesbaden warf Fragen auf. So betonte er, unter dem Strich habe es größere Widersprüche bei den Aussagen zu der Frage gegeben, ob der Notausgang geschlossen war. Doch diejenigen, die dies bejahen, überwiegen ziemlich deutlich. Auch zwei Polizeibeamt:innen hatten nach dem Anschlag eine versperrte Tür festgestellt.

Weiterhin sprach er davon, dass die Tür bei einer Durchsuchung Ende 2020 geklemmt habe, bis sich der Eigentümer dagegengestemmt habe. Zumindest für den Tatabend kann ein Klemmen jedoch nahezu ausgeschlossen werden, wie die FR kürzlich belegte: Es handelt sich um eine leichte, metallische Brandschutztür, die sich kaum verformt. Zudem wurde der Notausgang vor dem Anschlag von Mitarbeitenden regelmäßig geöffnet, um Müll rauszubringen.

Anhaltspunkte auf eine Zusammenarbeit zwischen Wirt und Polizei habe es nicht gegeben, so der Polizist. Die Sache sei „ausermittelt“ worden. Auf die Frage von Saadet Sönmez (Linke), ob bei den Razzien anwesende Polizist:innen befragt wurden, antwortete er: „Da muss ich in meiner Erinnerung kramen.“ Das könne er nicht mehr sagen, meinte der Polizeioberkommissar kurz darauf. Nach den der FR vorliegenden Unterlagen wurden diese Befragungen versäumt.

Anschlag in Hanau: Ordnungsamt gab Informationen nicht weiter

Am Montag wurde im Landtag auch ein Mitarbeiter vom Ordnungsamt der Stadt Hanau gehört. Von 2012 bis 2019 habe das Amt 15 Kontrollen durchgeführt, drei weitere mit der Polizei. Dabei sei es vor allem darum gegangen, Spielautomaten zu kontrollieren. Die Fluchtwege seien nicht extra kontrolliert worden, weil sie nach dem hessischen Gaststättengesetz nicht in die Zuständigkeit des Ordnungsamtes, sondern des Bauamtes fielen. Der Betreiber sei der einzig Verantwortliche für die Tür.

2017 stellte die Polizei bei einer Kontrolle eine verschlossene Fluchttür fest und informierte nach eigenen Angaben das Ordnungsamt. Kurz zuvor hatte das Amt dem Inhaber mitgeteilt, dass beabsichtigt sei, ihm die Ausübung des Gaststättengewerbes zu untersagen – wegen Unzuverlässigkeit. Die Information über den versperrten Notausgang sei jedoch nicht an das Bauamt als zuständige Behörde weitergeleitet worden. Der Polizei habe das Ordnungsamt in dieser Sache keine Rückmeldung gegeben.

Ein Polizeioberkommissar, der 2017 bei der Kontrolle anwesend war, bestätigte dies: Die Polizei habe nicht erfahren, ob die Stadt und ihre Behörden Maßnahmen ergriffen haben oder nicht. Dass mehrere Türen in der Bar verschlossen waren, hätten er und weitere Polizeibeamte 2017 festgestellt und das an die Stadt Hanau weitergeben, damit diese Kontrollen durchführt. Normalerweise müsse das Amt zurückschreiben, wenn es nicht zuständig sei. Das sei aber nicht geschehen. Offenbar war nicht bekannt, wer genau für den Notausgang zuständig war, und niemand hat sich verantwortlich gefühlt. (Yağmur Ekim Çay, Gregor Haschnik)

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