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„Ich fühle mich bedroht“: Attentäter-Vater ängstigt Hinterbliebene

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Von: Gregor Haschnik

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Serpil Unvar hat die nach ihrem Sohn benannte, antirassistische Bildungsinitiative gegründet.
Serpil Unvar hat die nach ihrem Sohn benannte, antirassistische Bildungsinitiative gegründet. © ROLF OESER

Serpil Temiz Unvar hat Hans-Gerd R., der sie mehrfach zu Hause aufsuchte, wegen Bedrohung angezeigt. Es geht um mehrere aktuelle Vorfälle.

Hanau – Serpil Temiz Unvar hat Angst. „Was passiert als Nächstes?“, fragt sie. „Sein Sohn hat meinen Sohn ermordet. Und dann geht der Vater zu meinem Haus, steht vor meinem Küchenfenster und macht mir Angst“, sagt die Mutter von Ferhat, der während des rassistischen Anschlags von Hanau erschossen wurde. „Ich mache mir Sorgen um die Sicherheit meiner Kinder. Er wohnt keine 100 Meter von uns entfernt.“

Es geht um mehrere aktuelle Vorfälle, bei denen Hans-Gerd R., Vater des Attentäters, das Haus der Unvars aufsuchte. Kurz nach dem ersten Mal hielt Serpil Temiz Unvar in einem Gedächtnisprotokoll das Geschehen fest: Demnach war sie am Sonntagvormittag in der Küche, als er, der seinen Schäferhund dabeihatte, sie zweimal von draußen beobachtete, nachdem er auf die Klingel geschaut hatte.

Hanau: Mutter von Getöteter mehrfach von Vater des Attentäters belästigt

Sie erkannte ihn nicht und machte schließlich das Fenster auf: „Ich wollte nie Fotos von ihm sehen, weil ich mich nicht aufregen wollte.“ Ferhats Mutter erinnert sich, dass R. etwa fragte, wieso sie nach Deutschland gekommen sei, obwohl die Kurden ein schönes Land hätten, wie sie sich das Haus leisten könne, wo sie arbeite. Auf die Antwort, dass ihn dies nichts angehe, soll er entgegnet haben, dass er dies rausfinden werde.

Da vor dem Haus ein Roller und ein kleiner Wagen standen, habe er gefragt, ob man in Kurdistan auch alles vor die Tür schmeiße. Und er soll mehrfach von Halle gesprochen haben – der Stadt, in der am 9. Oktober 2019 ein rechtsextremer Anschlag verübt wurde. R. sagte laut Protokoll zum Beispiel, sie würden sich vielleicht „von Halle“ kennen. Kürzlich war dort eine Gedenkveranstaltung. Serpil Temiz Unvar war nicht dort, steuerte aber einen Audiobeitrag bei.

Nach dem Gespräch ahnte sie, wer der Mann gewesen sein könnte, ließ sich von einem Bekannten ein Foto zeigen und erkannte R. Am Sonntagabend und am Montag kam er wieder und stellte sich mit seinem Hund erneut vor ihrem Zuhause auf, wie Aufnahmen belegen, die der FR vorliegen. Serpil Temiz Unvar machte das Fenster nicht mehr auf.

Hanau: Polizei verfügt Kontaktverbot für Vater des Attentäters

Die Polizei bestätigte auf Anfrage, dass „eine Information der Opfer-Angehörigen“ stattfand. Zu Schutzmaßnahmen mache sie aus polizeitaktischen Gründen keine Angaben. Nach FR-Informationen gehen Ermittler:innen nach einer Anzeige von Unvar dem Verdacht der Bedrohung nach. Zudem hat die Polizei unter anderem für 14 Tage ein Kontakt- und Näherungsverbot gegen R. verfügt. Über längere Verbote entscheidet die Justiz.

R. hat eine FR-Anfrage zu den Zwischenfällen bisher nicht beantwortet. In der Vergangenheit wies er alle Vorwürfe stets zurück. Er sieht sich und seine Familie als Opfer und tue niemandem etwas Böses. Sein Sohn habe die Morde nicht begangen, sondern eine weltweite Geheimorganisation. Der Generalbundesanwalt hat Ermittlungen wegen möglicher Mittäter- oder Mitwisserschaft eingestellt, weil es dafür keine Beweise gebe. Doch welche Rolle Hans-Gerd R. genau spielte, ist noch nicht aufgeklärt. Auffällig ist beispielsweise, dass er ein ganz ähnliches Weltbild wie sein Sohn hat und ein paar Jahre vor der Tat den zweiten Tatort fotografierte.

Vater des Attentäters provoziert Freunde der Getöteten

„Ich fühle mich bedroht“, sagt Serpil Temiz Unvar. Er betreibe Psychoterror, habe gezielt von Halle gesprochen. Junge Leute aus Kesselstadt, die bei dem Anschlag in Hanau Freunde verloren haben, berichten, er habe sie mit seinem Hund verfolgt und provozieren wollen, was er zurückwies. Auch hier wurde Anzeige erstattet.

Die jüngsten Alarmsignale sind nicht die ersten: Nach dem Anschlag forderte R. etwa, die Bekenner-Webseite seines Sohnes zu reaktivieren und ihm die Tatwaffen auszuhändigen. Die Hinterbliebenen wurden deshalb nicht von den Sicherheitsbehörden gewarnt, sondern erfuhren es erst aus dem „Spiegel“. Teilnehmer:innen einer Mahnwache in der Nähe seines Hauses, darunter Hinterbliebene, beleidigte er als „wilde Fremde“, weshalb er wegen Beleidigung verurteilt wurde. Im Laufe des Prozesses nannte er mehrfach die Anschrift von Opfer-Angehörigen. (Gregor Haschnik)

Zuletzt wurde bekannt, dass es bei den Ermittlungen zum Anschlag in Hanau Widersprüche und versäumte Vernehmungen gibt.

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