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Dank Schneekanonen kann die Skisaison in Willingen beginnen.

Skigebiet Willingen

Zur Not wird Gras-Ski gefahren

Die Saison startet in Willingen mit viel Grün. Die Skigebiete setzen auf Kunstschnee und Biker.

Im Skigebiet Willingen haben die milden Temperaturen am Samstag zu einem wenig winterlichen Saisonauftakt geführt. Zur Eröffnung am Ritzhagen waren die Skifahrer auf Kunstschnee unterwegs, bei Wind und Regen und mit viel Grün drumherum. Die Bedingungen seien dennoch gut, teilte das Skigebiet Willingen mit. Mit dem Förderband Ritzhagen und der 6er-Sesselbahn Ritzhagen wurden zwei der insgesamt 18 Liftanlagen des Skigebiets Willingen in Betrieb genommen.

Die erst kürzlich neu eröffnete Sesselbahn „K1“ hat ihren Betrieb noch nicht aufgenommen. Das soll den Angaben zufolge nach den Weihnachtstagen geschehen.

Der 1500 Meter lange „K1“ – der längste Lift Hessens – ist ein ehrgeiziges Projekt. Es handele sich um „die erste Sesselbahn nördlich der Alpen, die sowohl Wetterschutzhauben als auch eine Sitzheizung hat“, sagte Jörg Wilke, Geschäftsführer der Liftgemeinschaft Köhlerhagen. Der 8er-Sessellift hat zehn Millionen Euro gekostet. Er kann 3000 Menschen pro Stunde auf den Ettelsberg in 838 Meter Höhe bringen.

Die Millioneninvestition in einem Mittelgebirge mit nun 16 Liften ist angesichts des Klimawandels nicht unumstritten. Doch in Willingen ist man sich sicher, dass es sich lohnt. Berechnungen des schlimmsten Falls hatten ein Grad Erwärmung in 25 Jahren ergeben. Dann läge man bei 78 Prozent des bisherigen durchschnittlichen Skibetriebs. Zuletzt lief es gut mit dem Willinger Wintersport. 110 Betriebstage hatte die Saison 2017/2018. Und die Durchschnittstemperatur in den Wintermonaten sei in den vergangenen 30 Jahren nur um 0,2 Grad gestiegen.

Doch auf den Winter und Schneekanonen verlässt man sich in Willingen nicht allein. „Parallel bemühen wir uns aber grundsätzlich, alle Attraktionen nicht nur auf eine Saison auszurichten, sondern verfolgen einen ganzjährigen Ansatz“, sagt Marina Kiewig, Sprecherin der Liftgemeinschaft. Der neue „K1“ hat wechselbare Sitzgarnituren. An den Sommersesseln lassen sich Mountainbikes anbringen – das Geschäft mit den Bikern wachse.

Dabei ist laut Hessischem Skiverband (HSV) Hessen durchaus ein Land der Skifahrer – was aber die wenigsten wüssten, erklärt Präsident Werner Weigelt. Mit 35 000 Mitgliedern sei der HSV das fünftgrößte Mitglied im Deutschen Skiverband. Neidisch auf südliche Nachbarn sei man nicht: „Die haben die gleichen Probleme wie wir.“ Mit dem Willinger Upland und der Wasserkuppe habe Hessen Höhen wie im Alpenvorland. Dennoch sagt auch der HSV: Skifahrer haben es im Hessen von Jahr zu Jahr schwerer, geeignete Bedingungen zu finden.

Dass die Winter wärmer und schneeärmer werden, bestätigen Meteorologen. „Der Klimawandel schlägt auch hier zu Buche“, sagt Gerhard Lux, Sprecher des Deutschen Wetterdienstes. 1,4 Grad wärmer ist es in den vergangenen 100 Jahren geworden. Dadurch ist die mittlere Schneefallgrenze um 140 Meter gestiegen. Sie liege bei 150 bis 200 Metern. In niedrigen Lagen wird Wintersport schwerer. „Immer mehr Flächen und Gebiete können nicht mehr als schneesicher gelten“, erklärt Lux. Auch die Zahl der schneereichen Winter habe abgenommen.

Neben Willingen gilt die Wasserkuppe als beste Anlaufstelle für Wintersportler. Trotz der Einschätzung der Meteorologen sieht der Liftbetreiber dort der Zukunft entspannt entgegen. Der Wintersport auf Hessens höchstem Berg (950 Meter) sei zukunftssicher, sagt Betriebsleiter Martin Kirchner.

Zuversicht geben ihm die technischen Möglichkeiten, künstlich Schnee zu erzeugen. Mit Maschinen kann bei entsprechenden Minusgraden aus in Auffangbecken gesammeltem Wasser Kunstschnee produziert werden. „Ohne diese Beschneiung ist Wintersport in deutschen Mittelgebirgen nicht mehr möglich.“

Deswegen sei auch Geld in die Beschneiungsanlagen investiert worden, um für die Skisaison Planungssicherheit zu bekommen, erklärte Kirchner. Als nächstes sollen die Wasserspeicher erweitert werden. „Wir wollen unsere Kapazitäten verdreifachen, auf rund 21 000 Kubikmeter“, sagte er. Im Frühjahr sollen die Arbeiten beginnen.

Denn zu Beginn dieses Winters klagte der Liftbetreiber über Wassermangel auf der Wasserkuppe und konnte nicht mal an die Schneeproduktion denken – ungeachtet der zuweilen noch zu milden Temperaturen. Doch nach den Niederschlägen der vergangenen Tage hat sich Wasser gesammelt. „Wir hoffen, zu Weihnachten eine Ski- und eine Rodelpiste herrichten zu können. Doch dazu muss es jetzt erstmal richtig kalt werden“, sagte Kirchner.

Was ohne verstärkte Möglichkeiten zur Kunstschneeproduktion passiert, konnten die Skifahrer im vergangenen Winter auf dem Hoherodskopf (760 Meter) beobachten. Denn auf einem der höchsten Gipfel des Vogelsbergs summierten sich 2017/2018 wesentlich weniger Lifttage als zum Beispiel auf der Wasserkuppe. Daneben gibt es einige kleine Skigebiete. Im hessischen Odenwald beispielsweise spielt der Wintersport traditionell eine untergeordnete Rolle. Zwar gibt es eine Handvoll Skilifte in dem Mittelgebirge, das sowohl zu Hessen als auch zu Baden-Württemberg und Bayern gehört. „Aber die meisten der Anlagen werden von Vereinen und Clubs ehrenamtlich betreut“, sagt Kornelia Horn, Geschäftsführerin der Odenwald-Tourismus-Gesellschaft.

Alternativen für schneearme Winter gibt es ohnehin: Mit Grasski – Ski mit rollenden Ketten – trainierten Skifahrer im Sommer, sagte HSV-Präsident Weigelt. Das helfe den Verbänden, Sportler „bei der Stange zu halten“.   (dpa)

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