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Papageien sind keine Einzelgänger, sondern Schwarmtiere. Sie einzeln zu halten, ist nicht artgerecht.

Vogelburg in Hasselbach

Ab und zu ein "Hallo" von oben

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Bizarre Bauten, gewundene Pfade und viele, viele bunte Vögel. Seit fast 40 Jahren ist die Vogelburg in Hasselbach ein Refugium für Papageien und Kakadus, die dort dauerhaft mit Artgenossen zusammenleben.

Ganz geheuer ist dem jungen Mann die Sache nicht. Mit aufgerissenen Augen schielt er nach oben, auf seinem Kopf türmt sich ein kunterbunter, wuseliger Balg aus Flügeln und Federn. Fünf Kleinpapageien hocken dort, balgen sich, zwirbeln ihm die Haare und zerzausen mit ihren Schnäbeln seine Fönfrisur. „Die mögen deinen Haarfestiger“, sagt lachend seine Partnerin, die mit Kleinkind im Buggy draußen vor der Voliere wartet. Plötzlich flattern die Vögel auf, der Mann nutzt die Chance und flüchtet hinaus. „Wow, war das krass.“

Mit Außergewöhnlichem müssen Gäste der Vogelburg praktisch überall in der Anlage rechnen, die versteckt im Wald nahe Hasselbach in Weilrod liegt. Vögel in sämtlichen Farben und Größen gibt es dort, aus Südamerika, Afrika, Asien, Australien. Alles in allem etwa 700 Aras, Amazonen, Sittiche und Kakadus leben in den Volieren und Steinbauten. Sie kreischen, pfeifen und krächzen, ab und zu schallt sogar ein „Hallo“ aus den Ästen, von den Stangen und Podesten, auf denen die Papageien teils frei ohne Gitter oder Ketten sitzen.

Türmchen und Erker aus Schieferbruchstein säumen den kopfsteingepflasterten Pfad, der sich windet wie in einem riesigen Labyrinth. Hier steht ein fantastischer Brunnen, dort ein Pflanzenpavillon, da eine skurrile Statue. Das warme Oktoberwetter tut ein Übriges, man fühlt sich wie irgendwo in den Tropen, in einem bizzaren, surrealen Märchenparadies, einer anderen Welt. Und das im tiefsten Hintertaunus. 

Schöpfer dieser Welt ist Hans Steiner. Er hat vor fast 40 Jahren begonnen, die Burg zu errichten, eigens und allein für Vögel, genauer: für Papageien. Aus ganz Deutschland hat er Baumaterial von Abbruchhäusern ankarren lassen, Steine, Türen, Rahmen. „Das ist weniger eine architektonische Leistung, mehr ein Modellieren in der Landschaft“, sagt der 77-Jährige. Und das alles für Papageien, die ihn faszinieren, seit er Kind war. „Da muss man schon ein bisschen bekloppt sein.“ 1981 hat er das Gelände gekauft, „eigentlich nur für meine Vögel“. In der Nähe von Mainz betrieb er eine Papageienzucht, unter anderem wegen des Lärms wollte er aus Rücksicht auf die Anwohner dort fort. „Es war nicht meine Absicht, einen Vogelpark zu bauen.“ Doch die Behörden hätten ihm nur eine Genehmigung erteilt unter der Bedingung, „dass ich das öffentlich mache“. 1986 öffneten die Pforten für das Publikum, ein Vogelpark im klassischen Sinne war die Vogelburg aber nie. „Sie ist einzigartig in Deutschland.“

Einzigartig auch deswegen, weil Steiner keinen einzigen Vogel erworben hat. „Sie sind alle aus privater Haltung aufgenommen.“ Die Besitzer haben die Tiere in Steiners Obhut gegeben und zahlen für ihre dauerhafte Unterbringung.  Gründe dafür gibt es viele. „Die meisten Papageien werden sehr alt“, manche Arten bis zu 80 Jahre. Oftmals überleben sie ihre Besitzer, wandern von einem zum nächsten. Manchmal entwickeln Menschen eine Allergie gegen ihr Haustier, mitunter beschweren sich Nachbarn über den Krach. Oft aber wollen die Halter ihrem Vogel einfach ein möglichst artgerechtes Leben in Gesellschaft von Artgenossen ermöglichen. Für die Pension müssen sie Mitglied im Vogelburg-Club werden, über die Vereinsbeiträge und Spenden finanziert sich die Einrichtung hauptsächlich, das Eintrittsgeld schlägt weniger zu Buche – zumal die Vogelburg von November bis März nur an Sonn- und Feiertagen für Besucher geöffnet ist. 

Mitte Oktober sind noch viele Menschen unterwegs zwischen den Volieren und Gebäuden, sie füttern die Papageien mit den Kernen und Körnern, die man in Automaten ziehen kann, futtern selbst Kuchen im lauschigen Café-Garten. Und sie schauen sich in der Papageienschule Kunststücke an. Vier Aras und sechs Unzertrennliche fahren Fahrrad, spielen Fußball, drehen sich an Reifen und necken das russische Zirkuspaar, das mit ihnen die Show einstudiert hat. 

Die Frage eines achtjährigen Jungen, ob den Tieren so etwas denn Spaß mache, beantwortet Hans Steiner freundlich: „Papageien sind gefiederte Affen. Sie machen das aus Freude heraus.“ Wenn sie etwas nicht wollten, „dann machen sie es auch nicht“. Papageien seien hochintelligente Tiere, die viel Zuwendung, Beschäftigung, Artgenossen und Platz bräuchten. In puncto Freiheit ist der Achtjährige noch nicht überzeugt: Vögel müssten doch fliegen können. „Die meisten Papageien sind Waldbewohner“, entgegnet Steiner. „Sie klettern lieber als zu fliegen.“ Und: „Papageien müssen hier leben wollen.“ 

Auch den Kontakt zu Menschen müssen sie wollen, da ist Obacht geboten in der Vogelburg, wo überall Schilder zur Vorsicht mahnen. Weißhaubenkakadu Nelson zum Beispiel ist nicht nur ein „Ohrringe-Fetischist“, sondern auch wählerisch im Umgang mit dem Homo sapiens. Während er sich von einem Gast wild kraulen lässt, zwickt er ein Kind, das dies ebenso versucht, rabiat in die Wade.         

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