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Wenn man wissen will, welche Leistungen Grundschüler bringen werden, ist es entscheidend, ihre bisherigen Leistungen zu kennen.

Interview

„Gutes Zureden nutzt wenig“

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Jan-Henning Ehm hat erforscht, ob positives Feedback Schülern beim Lernen wirklich hilft.

Hilft es, Kinder und Jugendlichen gut zuzureden, damit sie beim Lernen vorankommen? Jein, sagt Jan-Henning Ehm. Er hat mit einem Team von Mitarbeitern zahlreiche Schülerinnen und Schüler beobachtet, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was etwa der Satz „Du kannst doch gut rechnen“ tatsächlich bewirkt.

Herr Ehm, wenn Lehrkräfte ihre Schüler ermuntern und sagen „Du bist doch gut in Deutsch“ oder „Du kannst schön malen“, ist das völlig nutzlos?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Wenn Lehrkräfte so mit ihren Schülern reden, finde ich das durchaus motivierend und würde das auch überhaupt nicht als falsch bezeichnen.

Jan-Henning Ehm (36) hat die Untersuchung zur Selbsteinschätzung bei Grundschulkindern geleitet. Der Diplom-Psychologe arbeitet beim Leibniz-Institut für Bildungsforschung (Dipf) in Frankfurt. Er hat eine Tochter im Kindergartenalter. Die Studie hat die Leseleistung und das Selbstkonzept von mehr als 2000 Grundschülern über einen Zeitraum von drei Schuljahren hinweg untersucht.

Ihre Forschungsergebnisse legen doch nahe, dass diese Ermunterung nicht allzu viel bringt.
Nicht ganz. Wir haben uns ja nicht das Verhalten der Lehrkräfte angeschaut, sondern gefragt, wie das Selbstkonzept der Kinder, also die Selbsteinschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten, ihre künftigen Leistungen beeinflusst. Die Kommentare der Pädagogen haben natürlich Einfluss auf das Selbstkonzept. Aber das Selbstkonzept hat anscheinend in der Grundschule viel weniger Auswirkungen auf künftige Leistungen, als dies bisher angenommen worden ist. Den Effekt hat man wohl überschätzt.

Was genau haben Sie herausgefunden?
Wenn man wissen will, welche Leistungen Grundschüler bringen werden, ist es entscheidend, ihre bisherigen Leistungen zu kennen. Daraus lässt sich viel über die zu erwartenden Ergebnisse im Verlauf der Grundschule schließen. Ob der Schüler oder die Schülerin nun glauben, sie seien in dem Fach besonders gut oder eben nicht, hat für künftige Ergebnisse unseren Erkenntnissen nach keine messbare Bedeutung.

Ist das eine gute oder schlechte Nachricht?
Über konkrete Einzelfälle lässt sich nur spekulieren. Es kann eine gute Nachricht sein für Schülerinnen und Schüler, die sich für schlechter halten als sie sind. Deren Lehrkräfte und Eltern müssen sich keine großen Sorgen machen, dass deshalb auch künftige Leistungen schlechter werden als erhofft. In der Regel passt sich auch die Selbsteinschätzung den tatsächlichen Fähigkeiten an. Eine eher schlechte Nachricht kann es für jene sein, die in einem Fach nicht so gut sind.

Warum?
Bisher glaubte man, durch positives Feedback eine direkte Leistungssteigerung erreichen zu können. Dieser Hebel funktioniert ja nun anscheinend nicht so wie gedacht. Eine Stärkung der eigentlichen Kompetenzen scheint in jedem Fall vielversprechender.

Und es ist dann auch nicht so schlimm, wenn Mädchen hören, sie müssten in Mathe nicht so gut sein, weil sie ja ein Mädchen sind? Oder man Jungs sagt, sie könnten halt nicht so kreativ schreiben wie die Mädchen?
Aus anderen Forschungsarbeiten weiß man, dass sich dies negativ auf Kinder auswirkt. Für die weitere Leistungsentwicklung ist das Aktivieren von Stereotypen durchaus bedeutsam. Spätestens wenn es dann in der weiterführenden Schule um die Fächer- oder Kurswahl geht, trauen sich Mädchen vielleicht nicht, sich für Mathe oder Naturwissenschaften zu entscheiden – trotz gleicher oder sogar besserer Leistung. Und Jungen glauben, der Deutsch-Leistungskurs sei ohnehin nichts für sie. Das kann in der Tat Entwicklungsmöglichkeiten verbauen.

Interview: Peter Hanack

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