Gut gebrüllt

Gurkenkönigin im Raumschiff

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Der Höhepunkt in der Amtszeit von Landtagspräsident Rhein. Die Kolumne aus dem Landtag. 

Ein Gurkenkönig ist ein unsympathischer, arroganter Geselle. Das wissen wir seit fast 50 Jahren, genau genommen seit Christine Nöstlingers Kinderroman „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“. Ihr Gurkenkönig Kumi-Ori ist grün, ganz schön hässlich, immer missgelaunt, und vor allem hat er etwas gegen Demokratie. Er will nämlich alles alleine bestimmen.

Eine Gurkenkönigin ist hingegen das genaue Gegenteil: sympathisch, gut gelaunt und überhaupt nicht herrschsüchtig. Das haben wir in dieser Woche gelernt. Während eine Debatte im Landtag vor sich hin plätscherte – es wurden zum wiederholten Mal bekannte Positionen zur Wohnungspolitik ausgetauscht –, wanderten die Blicke der Abgeordneten zur Zuschauertribüne, wo Gurkenkönigin Paula mit Prinzessin Larissa und Gefolge in der ersten Reihe Platz nahm.

Seltsam, wie so ein bisschen royaler Glanz die Stimmung unter untadeligen Republikanern verändert. Schon draußen im prachtvollen Musiksaal und im modernen Landtagsfoyer hatten sich Abgeordnete mit den beiden jungen Frauen in ihren wallenden Roben – Larissa in Grau, Paula in Blassrosa – ablichten lassen und die Bilder über soziale Netzwerke verbreitet. Prompt wurde Sozialdemokrat Turgut Yüksel auf Facebook gescholten, warum er sich um Gurkenköniginnen statt um Wohnungsnot kümmere – dabei lässt sich das eine mit dem anderen vereinbaren, was Yüksel für sich in Anspruch nahm.

Nun also betraten die Damen mit ihren glänzenden Krönchen die Tribüne des Parlaments, samt dem Bürgermeister von Biblis, wo Gurkenköniginnen Tradition haben. Sie mussten sich nur zeigen – eine Rede war nicht vorgesehen -, um Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) zu einer wahren Lobeshymne zu bewegen. Rhein, der andere gerne mit übertriebenen Komplimenten neckt, begrüßte die Gäste und sprach vom „vorläufigen Höhepunkt meiner Amtszeit“. Die hat allerdings erst im Januar begonnen. „Lauschen Sie der nächsten Debatte, auch die verspricht, eine spannende zu werden“, empfahl der Präsident den Gästen.

Doch die blieben nicht allzu lange sitzen, als in der nächsten Debatte die AfD gegen Gendersprache höhnte. Man kann’s verstehen.

Vielleicht hat die Begeisterung für den Besuch aus Biblis mit dem Gefühl mancher Abgeordneten zu tun, dass es sonst zu trocken im Landtag zugeht. Nach dem Motto: Wir können noch so klug über Wohnungsmangel, Klimawandel oder Ladenöffnungszeiten debattieren – trotzdem erreichen wir die Menschen nicht so gut wie eine Gurkenkönigin, die nicht einmal den Mund aufzumachen braucht.

Viele Abgeordnete leiden darunter, dass man sie für abgehoben halten könnte – und dass die Art, wie im Landtag debattiert wird, tatsächlich nicht selten abgehoben ist. Die SPD-Abgeordnete Elke Barth pries dagegen die Arbeit in der Kommunalpolitik, wo sie sich wie viele Landtagskollegen engagiert. „Manchmal sind die näher an den Menschen als wir hier in unserem Raumschiff“, urteilte sie.

Ja, in einem Raumschiff treffen Astronauten wochenlang nur jene Kollegen, die mit in die Kapsel gekommen sind. Kein Wunder, dass Begeisterung ausbricht, wenn mitten im All eine leibhaftige Gurkenkönigin dazustößt.

Aber wehe, ein Gurkenkönig ginge an Bord! Dann wäre der Landtag hoffentlich stark genug, sich von dem anmaßenden Eindringling zu befreien – wie die Familie in Nöstlingers Buch.

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