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Ein Güterzug rattert heran. Christian Rüßler sieht auf dem Messgerät, wie laut er ist.

Bahnverkehr in Hessen

Güterzüge rauben den Schlaf

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Auf der Kostheimer Bahnstrecke steigt der Bahnverkehr. Eine Bürgerinitiative misst jetzt den Lärm

Das Mikrofon klemmt zwischen Geländer und Balkonboden, sein Kabel führt unter der Balkontür an einen Computer und ein Messgerät im Haus. Christian Rüßler hat sein Schlafzimmer im Dornfelderweg im Wiesbadener Stadtteil Kostheim zu einer kleinen Lärmmessstation umfunktioniert. Seit Ende 2016 misst der selbstständige Steuerberater, wie viel Krach die Züge auf den etwa 20 Meter von seinem Reihenhaus entfernten Gleisen machen. Rüßler ist der Vorsitzende der 2011 gegründeten Bürgerinitiative Schutz vor Bahnlärm AKK (Amöneburg, Kastel und Kostheim). „Wir sind selbst überrascht, wie viele Züge hier tatsächlich fahren,“ sagt Rüßler. In manchen Nächten seien es über 40 Züge, vor allem Güterzüge.

Die Bahnstrecke, die sich östlich von Kostheim von der Hauptstrecke abspaltet und im Bogen um Kostheim herumläuft um bei Amöneburg über den Rhein nach Mainz zu führen, ist eine Nebenstrecke der Deutschen Bahn. Als Nebenstrecke werden Strecken bezeichnet, die nur bis zu einer Geschwindigkeit bis 60 Kilometer pro Stunde befahren werden dürfen. Seit einigen Jahren stellt Rüßler eine erhebliche Zunahme des Zugverkehrs fest. „Als wir 1997 das Haus bauten, war dieser Lärm nicht absehbar“, sagt er. Er ist in einem Haus in der Nachbarschaft aufgewachsen und kennt auch aus seiner Kindheit nicht solchen Bahnlärm.

Gerade fährt ein Regionalzug vorbei. Das Messgerät gibt eine Lautstärke von 72 bis 75 Dezibel an. Nachts würden jedoch vor allem Güterzüge auf dieser Strecke rattern, manchmal im Zehn-Minuten-Takt  wie in einer Julinacht dieses Jahres. Das Messgerät registriert jeweils bis zu 90 Dezibel und mehr. Die Spitzen der Ausschläge lassen sich auf den Dokumentationen nachvollziehen, die Rüßler auf der Website der Bürgerinitiative veröffentlicht. In der Nacht vom 10. auf den 11. September sind zwischen 22 und 6 Uhr 29 „Lärmereignisse“ bis zu 90 Dezibel verzeichnet. Dazu muss man wissen, dass eine Zunahme um zehn Dezibel eine Verdoppelung des Lärms bedeutet. Die Tiefschlafphasen würden immer wieder gestört, klagt Rüßler. Schlafen bei geöffnetem Fenster sei unmöglich.

Nun rollt ein Güterzug heran. Es ist 10.45 Uhr, die Lok fährt langsam, das Messgerät schlägt auf 82 Dezibel aus. „Nachts sind die Züge schneller unterwegs, weil es weniger Personenverkehr gibt, auf den Rücksicht genommen werden muss, und es ist lauter“, sagt Rüßler.

Dass diese als Nebenstrecke ausgewiesene Trasse nun viel häufiger genutzt wird, das möchte Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) im Oktober mit einem Bevollmächtigten der Deutschen Bahn zum Thema machen. Diskutiert werden müsse, heißt es aus dem Dezernat, wie sich der Lärm verringern lasse.

Die Bürgerinitiative möchte ebenfalls erreichen, dass es leiser wird. „Wir haben ja nichts gegen Züge“, sagt Rüßler. Er fordert jedoch, dass besonders laute Güterzüge nachts ein Fahrverbot erhalten, dass Züge die Ortschaften mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde passieren und moderne Technik an den Bahnen zum Einsatz kommt. Bis 2020 sollen zwar alle Güterwagen in Deutschland mit sogenannten Flüsterbremsen ausgestattet werden. Aber bislang weise noch nicht einmal die Hälfte die neue Bremstechnik auf. Deshalb hat es sich Rüßler zur Aufgabe gemacht, die Menschen über die Lärmbelastung aufzuklären. Um auch über den Krach an der Hauptstrecke besser zu informieren, sucht er Anwohner, die so eine kleine Messstation in ihrem Schlafzimmer aufstellen möchten.

Die Deutsche Bahn teilt auf Anfrage mit, dass vermehrt Züge des Fern-/Nah- und Güterverkehrs über Mainz-Kostheim umgeleitet werden. Die Strecke werde benötigt, um bei Bauarbeiten oder sonstigen Störungen den Betriebsablauf zu sichern. Aktuell werde an einer Brücke bei Bischofsheim gearbeitet.

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