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Guck mal, was im Taunus wächst

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Von: Thomas Stillbauer

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Die Herausgeber in ihrem Element: Andreas König, Wolfgang Ehmke, Rüdiger Wittig und Michael Uebeler (von links nach rechts).
Die Herausgeber in ihrem Element: Andreas König, Wolfgang Ehmke, Rüdiger Wittig und Michael Uebeler (von links nach rechts). © Monika Müller

Das ist Ausdauer: Forscher haben 25 Jahre lang den Taunus kartiert. Sie wollen, dass die Natur dort besser geschützt wird.

Am Anfang war die Eleganz. Wenn die Herren einst loszogen, den Taunus zu erkunden – und es waren tatsächlich sämtlich Herren, hält Rüdiger Wittig fest –, dann sahen sie nach der Exkursion genauso aus wie zuvor. Wittig hat ein altes Foto mitgebracht, zum Beweis, in Schwarzweiß: Hut und Stock, Anzug mit Bügelfalten. „Und geputzte Schuhe – nach vier Stunden Exkursion!“

Gelächter im Palmenhaus des Palmengartens. So sehen Naturforscher heute nicht mehr aus, auch dazu hat Wittig, Biologe und ehemals Botanik-Professor an der Goethe-Uni, ein Foto dabei: von den Leuten, die den Taunus kartiert haben. 25 Jahre lang. Bis ins Detail. Das Ergebnis liegt nun vor: „Taunusflora“ heißt es und ist auch in Buchform erschienen, jedoch in kleiner Stückzahl, berichten die vier Herausgeber bei der Präsentation im Palmengarten.

Pflanze für Pflanze - was für eine Fleißarbeit

Das Werk ist groß und schwer, das war zu erwarten nach 25 Jahren, nach 4168 Begehungen, bei 1706 Arten und Unterarten, die die Forscher gefunden, verortet und beschrieben haben, viele mit Fotos. Etwa das Schwertblättrige Waldvögelein (Cephalantera longifolia), das auf mäßig sauren Böden wächst, in lichten Waldmeister-Buchenwäldern, „manchmal in Herden von 200 bis 300 Individuen“. Es ist im Taunus gefährdet durch Intensivierung, Umbruch und Verbuschung von Magerwiesen, notieren die Wissenschaftler. Ihr Rat: „In Buchenwäldern sollte in der Umgebung der Wuchsorte jede Nutzungsänderung vermieden werden.“ So geht es weiter, Pflanze für Pflanze, Kraut für Kraut, alphabetisch geordnet. Was für eine Fleißarbeit.

Und was für eine wichtige. „Sehr, sehr beeindruckend“, lobt Simon Bruhn vom hessischen Umweltministerium die Pflanzenkundler. Angesichts der existenziellen Nöte, in denen der Planet stecke, angesichts der Klimakrise, die jeden Tag in der Zeitung stehe, und angesichts dessen, dass der Verlust der Biodiversität dagegen oft stiefmütterlich behandelt werde, so Bruhn, „brauchen wir eine Kehrtwende, das ist offensichtlich. Und da legen Sie einen wichtigen Baustein vor.“ Am Ball geblieben, sagt er, Mammutwerk, sagt er, Gratulation: „Feiern Sie sich!“ Gastgeberin Katja Heubach, die Direktorin des Palmengartens ist ebenfalls voll des Lobes. Und auch Beteiligte: Rüdiger Wittig war ihr Doktorvater bei der Promotion. „Ohne Sie wäre ich heute nicht hier“, sagt sie.

„Wir dachten, wir sind in fünf Jahren fertig“

Für die „Taunusflora“, so wie sie jetzt erstmals vorliegt, begann alles am 16. Mai 1997, also fast genau vor 25 Jahren. Da trafen sich sieben Herren, auch hier wieder zunächst eine reine Männergesellschaft, bei Wolfgang Ehmke im Wohnzimmer und beschlossen, eine botanisch-floristische Gebietsmonografie über den Taunus zu erstellen. „Wir haben gedacht in unserer Naivität, wir wären in fünf Jahren fertig“, sagt Ehmke, Agrarbiologe, ehemaliger Grünen-Bundestagsabgeordneter und Abteilungsleiter im hessischen Umweltministerium. „Wir wollten den ganzen Taunus kartieren und haben auch Kollegen aus Rheinland-Pfalz dazu eingeladen“, erzählt er launig. „Die haben sich bis heute nicht gemeldet.“ Wieder Gelächter.

Erst mussten Methoden, Anleitungen und Formulare entwickelt werden, um alles genau festzuhalten, was den Forschern im bergigen Gelände unter die Lupe kam. Kaum zu glauben, aber der Taunus war bis dahin weitgehend botanisch unerforscht, „und es gibt bis heute keine Flora von Hessen“, sagt Ehmke. Flora meint in dem Zusammenhang: systematische Beschreibung. Anfangs liefen die Daten alle in Ehmkes Computer daheim zusammen, bis das Gerät vor den Mengen kapitulierte. Im Jahr 2000 verlagerte die Taunus-AG also ihre gesamte EDV in die Goethe-Uni und hatten dadurch nicht nur viel bessere Bedingungen, sondern auch Mitstreiter vor Ort, darunter den Biologen Michael Uebeler und Andreas König, heute stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens, beide Mitherausgeber der Taunusflora.

TAUNUSFLORA

„Floristisch unterbelichtet“ fanden Naturforscher den Taunus in den 90er Jahren vor. Also begannen sie, unermüdlich zusammenzutragen, was das Rhein-Main-Mittelgebirge an Pflanzenreichtum zu bieten hat.

Das Buch der Botanischen Vereinigung für Naturschutz in Hessen (BVNH) mit den akribisch aufgelisteten Details hat 520 Seiten im DIN-A-4-Format und ist in erster Linie für die BVNH-Mitglieder und die an der Entstehung Beteiligten gedacht, außerdem für alle deutschen Universitäten und die Naturschutzbehörden. Etwa 200 Bücher könnten am Ende übrigbleiben – die werden dann zum Selbstkostenpreis abgegeben, der um die 25 Euro plus Versand liegen dürfte. Wer sich dafür interessiert, kann an die BVNH schreiben, Schiffenberger Straße 14, 35345 Wettenberg.

Wie aber geht man das an – ein ganzes Gebirge kartieren? Michael Uebeler erklärt es. Die Karte im Maßstab 1: 25 000 wird in 64 gleich große Rasterfelder eingeteilt, und dann gehen die Forscher in jedes dieser etwa zwei Quadratkilometer großen Felder, um aufzuschreiben und zu fotografieren und per GPS zu verorten, was da wächst. Zur Dokumentation unterteilen sie die 64 Rasterfelder in noch kleinere Quadrate. Und am Ende haben sie etwa 25 000 Datensätze, die auf höchstens 50 Meter genau zeigen, wo etwas Interessantes zu finden ist; davon etwa 23 500 auf maximal zehn Meter genau.

Das Publikum, etwa 50 Naturbegeisterte, ist angemessen beeindruckt. „Jedes Raster wurde mindestens drei Mal begangen“, sagt Uebeler, manche noch deutlich häufiger, auch Studierende gingen mit, bei Praktika im Projekt. Spezialisten halfen, bei „bestimmungskritischen Funden“ herauszufinden, was es genau ist.

14 von 24 Naturräumen haben die Wissenschaftler vollständig erfasst, andere „ankartiert“, also nicht buchstäblich den gesamten Taunus Qaudratzentimeter für Quadratzentimeter abgesucht. Mehr als 10 000 Herbarbelege sammelten sie zwecks Nachprüfbarkeit. Dieses „Taunus-Herbarium“, ein Archiv der gesammelten Pflanzen, kann bei Senckenberg eingesehen werden.

Charakteristische Arten im Blick behalten

Die meisten Arten fanden die Forscher im Vordertaunus, die wenigsten in der Höhe. Aber: „Viel ist nicht gleich ein Qualitätsmerkmal“, sagt Wittig. Und plädiert dafür, statt „biologische Vielfalt“ lieber „Biodiversität“ zu sagen, auch wenn es schwerer über die Lippen geht. „Vielfalt ist irritierend“, sagt er. „Wir sollten besser die charakteristischen Unterschiede im Blick behalten.“ Als Beispiel zeigt er „eine sogenannte Wildwiese“, die angeblich der Natur dienen solle, aber oft aus einjährigen Arten bestehe und alle drei Jahre umgebrochen werde. „Das sind keine Wiesen, das sind Äcker“, kritisiert Wittig. „Eine verpasste Chance für den Naturschutz.“

Die meisten schützenswerten Arten fanden die Projektteilnehmer in den Naturschutzgebieten (NSG) Rabengrund, Hünerbergwiesen sowie Saubach und Niedgesbach. Nur noch selten seien mehrere schützenswerte Arten außerhalb von Naturschutzgebieten zu finden. Schlimmer Befund im NSG Prügelwiesen bei Wiesbaden: Dort, so Wittig, sei das letzte Kalkflachmoor des Taunus vernichtet worden, indem jemand einen Amphibientümpel anlegte.

Die Forderung der Taunus-Kartierer: Naturschutzgebiete konsequent schützen, am besten durch Gebietsbetreuer:innen und mit Biologischen Stationen vor Ort. Der Ausblick fällt dennoch düster aus: Abgesehen vom Baumsterben, das schon weite Taunusgebiete hat kahl werden lassen, dürften bis 2050 große Areale ungeeignet sein für Charakterarten wie etwa den Storchschnabel.

Die wenigsten invasiven, also zugewanderten Arten hat der Wispertaunus aufzuweisen. Dort, schlägt Rüdiger Wittig vor, könnte ein Nationalpark oder Biosphärenreservat entstehen. Der Taunus könnte es gut gebrauchen.

So ein schöner Name, und doch gefährdet: das Schwertblättrige Waldvögelein.
So ein schöner Name, und doch gefährdet: das Schwertblättrige Waldvögelein. © Wittig
Akut bedroht: die Grüne Hohlzunge.
Akut bedroht: die Grüne Hohlzunge. © Wittig
Geht stark zurück: Mücken-Händelwurz im Rabengrund.
Geht stark zurück: Mücken-Händelwurz im Rabengrund. © Wittig

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