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Nachdem 10 der 18 Lehrerkollegien der Darmstädter Grundschulen Überlastungsanzeigen eingereicht haben, beteiligten sich auch rund 120 Lehrkräfte an der landesweiten Protestaktion der GEW.

Hintergrund

Grundschullehrer in Hessen auf der Straße

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Gewerkschaften riefen am Mittwoch hessenweit zum Protesttag. Sie fordern mehr Geld und Wertschätzung.

Sie fühlen sich überlastet und nicht wertgeschätzt: Hessenweit sind am Mittwoch Lehrkräfte von Grundschulen auf die Straße gegangen, um für eine bessere Bezahlung zu demonstrieren und auf die inzwischen sehr schwierigen Arbeitsbedingungen in den Schulen aufmerksam zu machen. Zu dem Protesttag hatten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) aufgerufen.

In Darmstadt kamen am Mittwoch nach Ende des Unterrichts fast ausschließlich Lehrerinnen – etwa 120 – mit Ratschen und Trillerpfeifen auf den Luisenplatz, um dort lautstark und auch singend Aufmerksamkeit zu erregen. Auf Protestplakaten zum Umhängen, Bannern und Buttons war die Forderung „A13 für alle“ zu lesen. Konkret geht es darum, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Primarstufe genauso bezahlt werden wollen wie die in anderen Schulformen. Die Gewerkschaften fordern eine einheitliche Eingruppierung in den Tarif A13. Bisher erhalten Grundschullehrkräfte A12.

In Darmstadt demonstrierten die Grundschullehrkräfte zum fünften Mal seit 2014. Grundschullehrerin Sabine Joa von der GEW erinnerte auf der Kundgebung an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der im September beim Festakt „100 Jahre Grundschule“ in der Frankfurter Paulskirche die Bedeutung der Grundschulbildung betont habe, weil dort „die Weichen für die Zukunft unserer Demokratie“ gestellt würden. Eine Politik, die die tatsächlichen Belastungen jedoch ignoriere, könne nicht erfolgreich sein, sagte Joa. Wer Lehrkräften Jahr für Jahr neue Aufgaben und Themengebiete aufdrücke, sie immer vor neue große Herausforderungen stelle, ohne sie angemessen zu bezahlen, „der verliert auf Dauer jegliche Akzeptanz“, sagte die Lehrerin. „Eine solche Politik schadet uns Lehrkräften, den Kindern, und damit auch dem Land.“

Grundschullehrkräfte werden in Hessen nach der Besoldungsstufe A 12 bezahlt. Ein Berufsanfänger erhält danach ein Grundgehalt von 3373 Euro im Monat.

Andere Lehrkräfte erhalten die Besoldungsstufe A 13. Das entspricht einem Grundgehalt von 3926 Euro.

Vom 13. November an arbeiten Grundschullehrer nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) quasi umsonst. pgh

Auch in Offenbach demonstrierten am Mittwoch vor dem Staatlichen Schulamt rund 80 Lehrkräfte: Edeltraud Trinowitz vom GEW-Kreisvorstand überreichte einen Brief mit Forderungen an die Amtsleitung und an Katy Walther, Landtagsabgeordnete der Grünen aus Obertshausen. Die stellte sich hinter die Forderungen, dämpfte zugleich aber die Erwartungen: Eine Tariferhöhung sei in Hessen „im Moment nicht finanzierbar“.

Die Zahlen sind in der Tat dramatisch. Bis Ende 2025 würden in Deutschland 105 000 neue Grundschullehrer gebraucht, rechnet die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie vor. Bis dahin gehen 60 000 Lehrkräfte in Pension, die ersetzt werden müssen. Steigende Schülerzahlen, ein höherer individueller Förderbedarf und der Ausbau von Ganztagsangeboten kommen hinzu. Die Universitäten aber können höchstens 70 000 Lehrkräfte ausbilden. Bleibt eine Lücke von 35 000 Lehrerstellen.

Auch eine bessere Bezahlung könnte daran kurzfristig nichts ändern. Doch könnte sie die Zufriedenheit der Grundschullehrkräfte erhöhen, die einen immer schwierigeren Job erledigen. Und sie könnte den Beruf für künftige Bewerber attraktiver machen. Einige Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein haben sich schon für die höhere Besoldung entschieden, andere werden wohl nachziehen. Hessen könnte da ins Hintertreffen geraten, argumentieren der VBE und die GEW. Bundesweit konnten nach GEW-Angaben zuletzt 2000 Stellen an Grundschulen nicht besetzt werden.

Um die Lücken zu stopfen, sind die Schulen auf Quereinsteiger angewiesen – Menschen, die über keine oder nur geringe pädagogische Qualifikationen verfügen. Mancherorts, gerade in Schulen in sozialen Brennpunkten, stellen sie fast die Hälfte des Kollegiums. Die Bertelsmann-Stiftung warnt, diese Kräfte seien oft überfordert und könnten mangels Unterstützung durch Kollegen „verbrannt“ werden.

Vertreter des Grundschulverbands mahnen, es gebe eine „verheerende Entwicklung“. Der Verband fordert, Seiteneinsteiger dürften nicht in der ersten und zweiten Klasse unterrichten, wo Grundlagen des Lernens gelegt würden. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien litten unter Lehrermangel, da dort zu Hause Defizite kaum ausgeglichen werden könnten. 

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