+
Grüttner 2017 beim Enthüllen des "70 Jahre Hessen"-Löwen in Wiesbaden.

Stefan Grüttner in Hessen

Grüttners verpatzter siebter Anlauf

  • schließen

CDU-Sozialminister Stefan Grüttner gehört dem nächsten Landtag in Hessen nicht mehr an. Wohl auch nicht dem neuen Kabinett.

Es sprach viel dafür, dass Sozialminister Stefan Grüttner bei der Landtagswahl im vergangenen Oktober erneut das Direktmandat holen würde. Schließlich war das dem Offenbacher Christdemokraten mit Wiesbadener Wurzeln schon sechsmal in Folge gelungen. Doch im siebten Anlauf bescherte dem heute 62-Jährigen ausgerechnet ein Kabinettskollege eine Niederlage. Der ebenfalls in Offenbach lebende Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von den Grünen eroberte mit gut fünf Prozentpunkten Vorsprung das Direktmandat. 

Grüttner kann sich nicht einmal mit dem Abgeordnetenmandat trösten. Der eigentlich als sicher geltende Listenplatz 4 reichte ihm nicht, weil die CDU mehr Direktmandate holte, als ihr nach dem Zweitstimmenergebnis zustehen würden. 

Zwar gibt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Namen seiner Ministerinnen und Minister erst in der nächsten Woche bekannt. Doch es gilt als unwahrscheinlich, dass Grüttner sein Amt behält. „Sein“ Sozialministerium geht an den erstarkten grünen Koalitionspartner.

So wie es derzeit aussieht, wird Grüttner also dem neuen Kabinett nicht mehr angehören. Es sei denn, es geschieht noch ein kleines Wunder. Auch bei vergangenen Wahlen hatten ihn manche schon auf dem Abstellgleis gesehen, um dann zu erleben, dass Roland Koch und auch Bouffier auf den erfahrenen Politiker doch nicht verzichten wollten. 

Im Januar 2017 hatte Grüttner nach fast 20 Jahren Zugehörigkeit zur Offenbacher Stadtverordnetenversammlung dieses Amt niedergelegt. Dem Minister, der seit 2014 auch als Integrationsminister für die Flüchtlinge zuständig ist, fehlte die Zeit für das aufwendige Stadtverordnetenmandat. 

Der Diplom-Volkswirt, der 1979 in die CDU eingetreten war und 1986 als Referent im Sozialministerium in Rheinland-Pfalz die Politik zum Hauptberuf gemacht hatte, muss sich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass seine politische Karriere zu einem jähen Ende gekommen ist. Finanzielle Sorgen muss er sich aber nicht machen. Nach Angaben des Steuerzahlerbunds erhielte er bei einem Ausscheiden drei Monate lang jeweils 12 860 Euro. Da er mit 62 Jahren pensionsberechtigt ist, stünde ihm ab Mai die Ministerpension in Höhe von 6950 Euro monatlich zu.

Allem Anschein nach bleibt Grüttner nur noch das Amt als Parteivorsitzender der Offenbacher CDU, in dem er nicht immer glänzte. Bei der Wahl seiner Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahlen bewies er keine glückliche Hand. 2005 teilte ihm die Parteifreundin Karin Wolski zwei Tage vor ihrer Nominierung ihren Verzicht mit. Grüttner wurde damals Unprofessionalität im Umgang mit der Bewerberin vorgeworfen. Bei der jüngsten OB-Wahl sollte die aus Glashütten stammende Jutta Nothacker den Offenbacher Rathaussessel erobern. Die bereits gekürte CDU-Kandidatin sagte im März 2017 aus Krankheitsgründen ab. Stadtrat und Kämmerer Peter Freier sprang für die CDU ein. Die OB-Wahlen gewann die SPD mit Felix Schwenke. 

Grüttners Wahlheimat ist seit fast 30 Jahren Offenbach, wo er 1991 zum Sozialdezernenten gewählt wurde. 1994 übernahm er den Vorsitz der CDU. 1995 zog er zum ersten Mal als Direktkandidat in den Landtag ein, 1997 in die Stadtverordnetenversammlung. 2003 wurde er die „rechte Hand“ des Ministerpräsidenten. Roland Koch machte den bisherigen Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion und Obmann im CDU-Schwarzgeld-Untersuchungsausschuss zum Chef der Staatskanzlei.

Seine Aufgabe war es fortan, dafür zu sorgen, dass es im Regierungsapparat möglichst wenig Reibungsverluste gab. Ihm wurde zwar bescheinigt, seine Arbeit effizient, aber wenig öffentlichkeitswirksam zu erledigen. Bouffier setzte 2010 einen anderen an die Schaltstelle der Macht. Grüttner stieg zum Sozialminister auf. Das ergab Sinn, weil er schon vor seinem Wechsel nach Offenbach fünf Jahre lang im rheinland-pfälzischen Sozialministerium tätig gewesen war. 

Seit 2014 ist Grüttner auch für Integration zuständig. Bei dieser Aufgabe waren ihm wohl auch seine Offenbacher Erfahrungen nützlich. Die Stadt steht nach seinen Worten für eine gelungene Integration. In Offenbach würden die Menschen lernen, dass Vielfalt ein Geschenk und eine Bereicherung sei, sagte er einst im Zeitungsinterview. Für ein Gespräch mit der Frankfurter Rundschau hatte er aktuell trotz frühzeitiger Anfrage „leider“ keine Zeit, hieß es aus seinem Büro.

Grüttner ist verheiratet, er hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Die Familie sei ihm sehr wichtig, sagt er, räumt aber ein, es sei nicht immer einfach gewesen, die Balance zwischen Politik und Familie zu finden. Er ist übrigens über seine Frau zur Politik gekommen, ist seiner Homepage zu entnehmen. Sie habe ihn zu CDU-Parteiveranstaltungen mitgenommen, als er noch in Mainz studiert habe. Sohn Simon kam während seines Studiums zur Welt. Er habe oft auf ihn aufgepasst, schreibt Grüttner. 

Als Hobbys nennt er das Wandern, Kochen und Kartenspielen (Skat und Doppelkopf). Grüttner drückt den Offenbacher Kickers die Daumen. Musikalisch ist er Rolling-Stones-Fan, der, so seine Aussage, kaum ein Deutschlandkonzert der Band verpasst hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare