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Gartenzwerge.

Saisonstart für Gärtner

Grüne Welle

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Gartenzwerge sind schon längst gesellschaftsfähig und hip: Das Gärtnern boomt. Unsere Autorin spürt zum Saisonstart schon das Kribbeln in den Fingern.

Jetzt. Die Weiden strecken samtweiche Kätzchen in die Luft, Schneeglöckchen und Krokusse malen bunte Kleckse ins Spätwintergrau, auf meinem Küchentisch lacht eine Primel und das Kribbeln in den Fingern lässt sich einfach nicht mehr ignorieren: Jetzt fängt es an, das Gartenjahr. In unserem Garten könnte man zurzeit zwar höchstens Reis anbauen, weil er wie jedes Frühjahr zum Feuchtgebiet mutiert ist. Aber es fängt ja auch alles in der Küche an, mit grünen Plastikschalen, einem Sack Anzuchterde und der Frage, welche Blumen, Kräuter und Gemüse ich zu Hause vorziehen will. Klar ist nur: Es werden wie immer zu viele sein.

Bringe ich die Anzuchtkisten mit den harmlos wirkenden Saatreihen noch problemlos an meinen zwei Südfenstern unter, fängt das Chaos an, sobald der Nachwuchs die ersten Blättchen hat und nach Ein-Pflanzen-Wohnungen schreit. Bald wird jeder verfügbare Platz im Licht mit Mini-Blumentöpfen bedeckt sein. Täglich werden Dutzende von Löwenmäulchen, Glockenwinden, Cosmeen und Radieschen auf Feuchtigkeit überprüft, gegossen und angepustet (Wind-Imitat, macht Stengel stabil).

Während ich dann in meiner eng gewordenen Wohnung ein misstrauisches Auge auf die Katzen habe, damit sie keine Blumentöpfe umwerfen, werde ich nicht jammern, sondern mir sagen: Das ist es doch, was du willst? Nun ...

Als wir vor sieben Jahren anfingen, ein Stückchen Land zu beackern, dachten wir an Selbstversorgung, Blumenpracht, Wildpflanzenanbau: an einen Naturgarten, ein Paradies für uns und alle möglichen Tiere.

Fast alles hat auch geklappt. Tiere zum Beispiel. 2010 sticht in meiner Gartenchronologie ganz besonders heraus – alles war im Übermaß gediehen: Blattläuse, Stechmücken, Schnecken. Ich bereitete literweise übelriechende Pflanzenjauchen zu, wir gaben ein Vermögen für Schneckenzäune aus, und am Ende des Sommers floss Mückenspray statt Blut in meinen Adern.

Oder Wildpflanzen zum Beispiel. Wir mögen Brombeeren. Es gibt bei uns auch einen gepflegten Strauch an einem Gerüst. Und es gibt eine gigantische, wuchsfreudige Hecke an der einen Grundstücksgrenze und eine verdeckt arbeitende Brombeerguerilla auf der anderen Seite. Mehrmals in der Saison greift mein Mitgärtner nach Hacke, Sense, Heckenschere, strafft die Muskeln, fletscht die Zähne und nimmt den Kampf auf. Zerstochen und zerkratzt hadern wir manchmal mit diesem Zeitvertreib.

Gärtnern ist cool geworden

Drei Dinge sind uns dann ein Trost: Erstens, das Gemüse gedeiht prächtig (manchmal). Zweitens, es gibt auch Grünspechte, Igel, Schwanzmeisen und wunderbare Schmetterlinge bei uns. Und drittens wird immer deutlicher, dass wir, statt wie früher misstrauisch beäugt zu werden, wenn wir unseren Garten erwähnen („Ach sooo? So in ’nem Kleingartenverein?“), mittlerweile Trendsetter geworden sind.

Nicht nur, weil wir tatsächlich nicht auf einer Vereinsparzelle ackern, sondern weil Gärtnern so cool geworden ist. Statt dass wir der Gartenzwergefraktion zugeordnet werden, sind Gartenzwerge gesellschaftsfähig geworden.

Eigentlich gehörte Gärtnern auch zuvor schon zu den beliebtesten Hobbys in Deutschland. Aber offensichtlich war es nicht das Hobby der richtigen Leute gewesen. Mittlerweile zeigen reihenweise neue, schicke Zeitschriften rund ums ländliche Leben, das der Schrebergartenmief Vergangenheit ist. Und sogar mein altehrwürdiges Lieblingsbiogärtnerblatt gab das Müsli-Image auf und glänzt jetzt mit Bildern von hippen jungen Menschen mit Rüben und Lauch in den Hosentaschen.

Neue Schlagworte machen die Runde: Guerilla Gardening, Urban Gardening und Community Gardening deuten es an: Das Landleben erobert die Städte.

Zwischen Graswurzelaktionen im reinsten Wortsinn und Lohas-Boom hat sich 30 Jahre nach der ersten Ökowelle eine neue Gartenlust etabliert. Ob bei dem Versuch, auf dem Balkon Tomaten und Prunkbohnen zu ziehen oder in Nachbarschaftsgärten mitten in der Stadt gemeinsam anzubauen – alle scheinen nur noch ans Pflanzen und Ernten zu denken.

Und so fülle ich trendbewusst eine weitere Kiste mit Erde, säe eine Reihe hauchzarter Cosmeensamen und freue mich auf die beste selbstgemachte Brombeermarmelade der Welt.

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