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Große Bühne für junge Regie-Talente aus Hessen

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Von: Andreas Hartmann

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Große Gefühle in heimatlicher Landschaft: „Weil ich Leo bin“ von Tanja*Tajo Hurrle (Hochschule Darmstadt).
Große Gefühle in heimatlicher Landschaft: „Weil ich Leo bin“ von Tanja*Tajo Hurrle (Hochschule Darmstadt). © hfma

Die hessische Film- und Medienakademie hilft Studierenden, sich zur Berlinale bei der Messe Europäischer Filmmarkt einem Fachpublikum zu präsentieren.

Zwei Kinder toben ausgelassen im Wald, es ist eine ländliche Idylle wie aus dem Bilderbuch, in weichem Licht gefilmt, die Kamera läuft atemlos mit, Beginn des höchst professionell gedrehten studentischen Kurzfilms „Weil ich Leo bin“. Entstanden ist das sehr sehenswerte, knapp 18 Minuten lange Werk im Corona-Winter 2020/21 an der Hochschule Darmstadt. Die junge Hauptfigur Leo muss darin den Schock der ersten Regelblutung verarbeiten, obwohl sie sich eigentlich als Junge fühlt.

Nachwuchs-Regisseur:in Tanja*Tajo Hurrle hatte großes Glück mit den Darstellerinnen und Darstellern. Die Drehorte sind schön wie in einem Heimatfilm, Kameraführung, Schnitt und Drehbuch absolut professionell. Jetzt können sich Hurrle und das kleine Juwel „Weil ich Leo bin“ auf einem internationalen Parkett beweisen. Es ist einer der Kurzfilme, die in der Reihe „Hessen Talents“ auf der Berlinale laufen.

Denn das internationale Filmfestival, das am Donnerstag begonnen hat, ist auch einer der größten Märkte für Film- und Medienrechte weltweit. Dass der Europäische Filmmarkt (EFM) weniger Aufmerksamkeit erregt als die öffentlichen Kinopremieren, Feste und Stars auf dem roten Teppich, liegt wohl nur daran, dass der EFM nur für Fachleute zugänglich ist.

Da ist es ganz nützlich, wenn man einen Türöffner wie die „Hessen Talents“ hat. Organisiert vom Team um Anja Henningsmeyer, Geschäftsführerin der hessischen Film- und Medienakademie (hFMA) in Offenbach, reist jedes Jahr eine Gruppe von studentischen Kurzfilmer:innen der Hochschulen Darmstadt (h_da), Offenbach (HfG), Rhein-Main Wiesbaden und der Kunsthochschule Kassel nach Berlin und stellt dort die eigenen Kurzfilme Produktionsfirmen, Verleihern und Fernsehsendern aus der ganzen Welt vor.

Netzwerke knüpfen

Anja Henningsmeyer ist Geschäftsführerin der hessischen Film- und Medienakademie (hFMA). Diese ist an die Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) angedockt, sie ist aber eigentlich ein Netzwerk aus allen 13 hessischen Universitäten, Fachhochschulen und Kunsthochschulen. Die 63-Jährige, gebürtige Hamburgerin, hat die im Jahr zuvor gegründete hFMA seit 2008 mit aufgebaut.

Die hFMA soll Studierende, die im weitesten Sinne mit Filmen zu tun haben, mit der professionellen Medienbranche zusammenzubringen und auch die Kontakte der einzelnen Hochschulen untereinander zu verbessern. Henningsmeyer, die lange Jahre für die Berlinale in Berlin gearbeitet hat, begleitet in Nicht-Pandemie-Jahren junge Talente aus Hessen zur Berlinale, die nicht nur ein internationales Festival, sondern auch einer der größten Filmmärkte der Welt ist. aph

Nun findet in diesem Jahr das Filmfestival tatsächlich wieder live statt (und das ist in der Branche nicht unumstritten) – der EFM hingegen nur virtuell. Daher müssen die Studentinnen und Studenten aus Hessen schon im zweiten Jahr in Folge auf einen leibhaftigen Besuch der EFM verzichten. Klar, es sind wohl die meisten längst müde geworden, über Corona und die Auswirkungen der Pandemie zu klagen. Aber das Beispiel Berlinale zeigt ganz eindrücklich, wie schwer es die aktuellen Umstände Studierenden machen können, einen Fuß in die Tür des Filmgeschäfts zu bekommen.

Dabei gäbe es eigentlich phänomenale Beispiele unter den 13 Kurzfilmen, die „Hessen Talents“ nach Berlin geschickt hat: der schon erwähnte „Weil ich Leo bin“ etwa, der wunderbare Puppentrickfilm „Fuchskind“ von Jan Capar von der Hochschule Darmstadt oder der meisterhaft gezeichnete, nachdenklich-kluge Trickfilm von Yiying Gao, Studentin in Offenbach, „Das Verhalten des Tiers“.

Ausgewählt wurden die Filme zum einen nach Vorschlägen der Professorinnen und Professoren, zum anderen durch eine Publikumsabstimmung beim brancheninternen Hessischen Hochschulfilmtag. Die 13 hessischen Beiträge finden hoffentlich alle eine breite Öffentlichkeit - auch wenn es für die Studierenden gerade so schwer wie lange nicht ist, einen Fuß in die Tür zur Filmvermarktung zu bekommen.

Denn ein nur virtueller Besuch in Berlin bedeutet eben auch, dass all die Möglichkeiten, einmal zwanglos mit Branchengrößen zu plaudern, auf den Empfängen interessante Kontakte zu knüpfen oder auf den eigenen interessanten Kurzfilm hinzuweisen, stark eingeschränkt, ja, eigentlich fast unmöglich sind. Wenn man hFMA-Chefin Henningsmeyer begeistert erzählen hört, was den ausgewählten jungen Filmemacher:innen aus Hessen in normalen Jahren geboten wird, kann man erahnen, was alles fehlt. Es gibt aber einen virtuellen Marktplatz, und die hFMA hat schon vor dem Beginn der Berlinale viele Tipps zur Selbst-Vermarktung gegeben, eine Online-Führung angeboten und Fragen beantwortet.

Denn der Sprung, den die jungen Talente machen müssen, ist groß. „Im Studium haben die Studierenden alle Freiheiten“, sagt hFMA-Chefin Henningsmeyer. „Das ist natürlich auch so gewollt, denn es ist ja auch eine künstlerische Ausbildung. Doch am Ende des Studiums geht es plötzlich ums Geld verdienen, um Filmrechte und Vermarktungsfragen.“

Nun hat das Land Hessen zwar keine eigene Filmakademie, aber was in den hessischen Hochschulen medial entsteht, kann durchaus einem Vergleich standhalten. Die frühere HfG-Studentin Brenda Lien beispielsweise gewann unter anderem den Deutschen Kurzfilmpreis 2018 und zeigte „Call of Cuteness“ 2017 beim offiziellen Kurzfilmwettbewerb der Berlinale. Auch 2022 ist ein Student aus Hessen, Mo Harawe von der Kunsthochschule Kassel, mit „Will My Parents Come to See Me“ dort vertreten - das ist ein Riesenerfolg für den 29-Jährigen.

Starke Trick-Bilder: Fuchskind von Jan Capar (Hochschule Darmstadt).
Starke Trick-Bilder: Fuchskind von Jan Capar (Hochschule Darmstadt). © hfma

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