Attac-Zentrale in Frankfurt

Die Gerechtigkeitsarbeiter

Stephanie Handtmann und Andreas van Baaijen leiten die bundesdeutsche Attac-Zentrale in Frankfurt. Sie wurden in unterschiedlichen Welten groß. Von Anita Strecker

Stoppt den Raubzug der G8 steht in dicken, schwarzen Lettern auf dem doppelbettgroßen Leintuch an der Wand im Flur. Daneben Plakate mit globalisierungskritischen Schlagzeilen. Auf dem Linoleumboden stapeln sich Kartons mit Flyern und Prospekten. Hier, im fünften Stock Münchener Straße 48, schlägt das Herz von Attac, die 16 Menschen große Bundeszentrale aller 200 lokalen Gruppen im Land.

Ihr Herzstück: Stephanie Handtmann und Andreas van Baaijen bahnen den Weg zum Zimmer am Ende des Flurs. Zwei Schreibtische, ein Tisch, wacklige Stühle. Sehr viel mehr gibt das Chefzimmer noch nicht her. Die beiden müssen es erst einrichten - wie sie sich selbst erst einrichten müssen in ihrer neuen Rolle: Anfang September haben die beiden die Geschäftsführung von Attac Deutschland übernommen.

Sie, die Frau der ersten Stunde, seit die Attac-Zentrale 2003 mit der Arbeit begonnen hat. Die Attac-Frau für Kampagnen, Aktionen, Veranstaltungen, die lokale Gruppen bei der Arbeit unterstützt.

Er, der Neue, der erst im September zu Attac gestoßen ist. Der Netzwerker, der zuletzt vier Jahre lang Koordinator des Entwicklungspolitischen Netzwerks Hessen war und zuvor im Informationsbüro Nicaragua in Wuppertal Projekte koordinierte, sich um Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit kümmerte. Er kommt aus der Solidaritätsbewegung zwischen Nord und Süd, sagt er. "Das beschäftigt mich bis heute. Sogar in der Wetterau, wo ich wohne, sieht man, wie die mittelständischen Bauern nicht mit den Großen im Norden mithalten können." Nord-Süd-Gefälle im Kleinen.

Schlagworte seit der Jugend

Solidarität, gerechte Verteilung zwischen Arm und Reich, sorgfältiger Umgang mit Umwelt und Ressourcen: Schlagworte, die beide schon als Jugendliche mit alternativen Konzepten zu füllen suchten. Obwohl sie in unterschiedlichen Welten groß geworden sind.

Sie, älteste Tochter aus bürgerlichem Haus, aufgewachsen in einem kleinen Ort am Bodensee. Sie war immer die Rebellische in der Familie, sagt die schlanke Frau im roter Indien-Samtjacke und der schmalen roten Brille auf der Nase. Christliche Jugendarbeit, so hat es angefangen. Als Pfadfinderin hat sie alle Stationen bis zur Landesleitung durchlaufen. "Ich hab immer viel organisiert." Und sich engagiert. Bei der Anti-Atom-Bewegung, sich darüber hitzige Debatten mit dem Vater geliefert. War bei den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss dabei.

Gleich nach dem Abi wollte sie raus aus der Dorfidylle. Studierte Chinesisch in Bonn, ging mit 21 für ein Jahr nach Taipeh, arbeitete schließlich ein Jahr lang als Übersetzerin bei einer Computerfirma und merkte doch schnell, dass diese üblichen Firmenstrukturen nichts für sie sind.

"Attac passt"

So kam sie zu Greenpeace, arbeitete in Berlin, bis die Kinder kamen und sie mit ihrem Mann nach Frankfurt zog. Inzwischen sind die Kleinen elf und acht Jahre, und die 43-Jährige steckt längst wieder bis über beide Ohren in Arbeit. "Das Attac-Büro hat genau gepasst."

"Dass in der Welt nicht alles gut und gerecht zugeht", hat der gebürtige Offenbacher Andreas van Baaijen mit 14, 15 Jahren entdeckt: Friedensbewegung, der Befreiungskampf in Nicaragua. Auch er ist früh aus dem Haus, sagt der Mann mit Silberringen an Fingern und Ohr. Gleich nach dem Abi ging´s nach Lateinamerika, ehe er Soziologie und Pädagogik studierte. Er gab Deutsch für Migranten, arbeitete anderthalb Jahre in Mexiko, für Entwicklungshilfeprojekte bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit. Heute lebt er mit Freundin und der dreijährigen Tochter bei Friedberg.

Beide sind Teamplayer, sagen sie. Keiner mag einsam an der Spitze stehen, und so verstehen sie auch ihre Arbeit. "Wir wollen Positionen zusammenbringen, die Netzwerke zu anderen Initiativen pflegen und den Gruppen von hier aus optimale Rahmenbedingungen für die Arbeit geben."

Auflage 350.000

Die Erkenntnis, dass Globalisierung nicht nur zu Lasten der Armen gehen muss, Finanzströme und Märkte gerechter organisiert werden können, soll zur Massenbewegung werden.

Die Vision einer anderen Welt hat Attac im März in 350.000-facher Auflage in die Welt gebracht. In detailgenauer Kopie der Zeitschrift Die Zeit, haben Attac-Mitglieder und Journalisten ihre "andere Globalisierung" formuliert. Begeistert schildert Stephanie Handtmann, wie unter absolutem Stillschweigen die Artikel verfasst, klammheimlich gedruckt und die Ausgaben mit Transportern eigenhändig in der Republik verteilt wurden. Ein echter Coup. Nichts für Hasenherzen. Aber das, sie müssen es nicht aussprechen, sind sie beide nicht.

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