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Als das Autokino in Gravenbruch Ende April wieder öffnen durfte, war der Andrang groß.

Autokino

„Von einer Renaissance ist nicht zu sprechen“

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Heiko Desch, Leiter der Einrichtung in Gravenbruch, spricht im Interview über nachlassendes Publikumsinteresse, ausbleibende Werbung und Freizeit-Konkurrenz.

Kinos und Schauspielhäuser sind aktuell geschlossen, nur das Autokino ist seit Beginn des Lockdown light geöffnet – und findet wieder dementsprechend großen Zuspruch. Heiko Desch, Theaterleiter des Autokinos Gravenbruch, sieht aber nicht alles durch die rosa Brille.

Herr Desch, heißt es beim Publikum des Autokinos: Wenigstens euch gibt es noch?

So viel Kontakt hat man wegen Corona leider nicht. Die Autofenster sind ja zu, deswegen bekomme ich so was eher nicht mit. Aber die Leute werden wohl so denken.

Wie sind die Besuchszahlen im Lockdown light gestiegen?

Wir haben für November überdurchschnittliche Zahlen. Insbesondere die Wochenendvorstellungen sind sehr stark frequentiert. Die Werktage sind auch überdurchschnittlich besucht, aber nicht so stark wie bei dem Lockdown im Frühjahr. Man merkt deutlich, dass die Kindergärten und Schulen geöffnet sind, dass viele Leute arbeiten und der Einzelhandel nicht komplett geschlossen ist.

Das Autokino in der Pandemie

Das Autokino Gravenbruch ist täglich geöffnet. Wochentags sind um 18 und 21 Uhr je zwei Filme auf zwei Leinwänden zu sehen, samstags laufen zusätzlich um 0.15 Uhr zwei Filme. Der Eintritt kostet acht Euro pro Person, bei überlangen Filmen zehn Euro. Karten gibt es unter www.autokinogravenbruch.de.

Coronabedingt werden maximal 400 bis 450 Autos auf das Gelände gelassen, die im Abstand von zwei Metern aufgestellt werden. Normalerweise ist dort Platz für mehr als 1000 Autos.

Am Wochenende sind die Vorstellungen aktuell teilweise ausverkauft. Pro Abend sind das dann fast 2000 Besucher. Das sei ein Andrang wie im Sommer, so Heiko Desch, der Leiter des Autokinos.

Die Zahlen nach Wiedereröffnung im April im ersten Lockdown werden allerdings nicht erreicht. Damals gab es fünf Wochen lang täglich zwei ausverkaufte Vorstellungen.

Das Einzugsgebiet des Autokinos Gravenbruch ist mehr als 100 Kilometer groß. ann

Kann man von einer Renaissance des Autokinos sprechen?

Nein, von einer Renaissance ist nicht zu sprechen. Natürlich haben wir jetzt mehr Besucher, aber das wird sich alles wieder einpendeln auf einen normalen Wert, sobald die Corona-Verfügungen aufgehoben werden. Wir hatten vorher sehr gute Besucherzahlen und haben jetzt überdurchschnittliche Besucherzahlen. Wir waren vorher genauso auf dem Markt, wie wir es danach sein werden.

Wie sehen Sie den Lockdown für die „normalen“ Kinos?

Das sind Kollegen von mir – auch wenn es Mitbewerber sind. Wir Autokinos können nicht alleine im Markt bestehen, wir brauchen den Gesamtmarkt, brauchen alle Kinos im deutschen Markt, um für die großen amerikanischen Blockbuster sehr gute Besucherzahlen generieren zu können in ganz Deutschland. Deshalb hoffe ich, dass so schnell wie möglich alle deutschen Kinos und alle Multiplexe wieder aufmachen können, so dass wir die neuesten Filme zeigen können. Diese überdurchschnittlichen Zahlen, die wir im Moment im Autokino haben, bringen mir auf Dauer nichts, wenn keine neuen Filme starten.

Haben Sie Probleme, an Filme zu kommen?

Wir kriegen alles, was wir spielen wollen, aus den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren, aber es gibt halt keine Neuware auf dem Markt. Das ist natürlich eine Katastrophe. Deshalb kann man nur hoffen, dass der Impfstoff so schnell wie möglich kommt. Ich hoffe dann im März/April auf eine deutliche Erholung von den Corona-Zahlen und dass sich der Markt spätestens dann wieder normalisiert. So kann es nicht weitergehen.

Sind Netflix & Co. eine Konkurrenz für Sie?

Das ist schwierig zu sagen. Es gibt genug Studien, die behaupten, gerade Leute, die viel Netflix und Amazon Prime schauen, sind sehr filmaffine Leute, die auch noch gerne ins Kino gehen. Das ist auch meine Erfahrung. Ich sehe die Probleme des Kinos auf einer anderen Basis: Das Freizeitangebot in Deutschland ist insgesamt viel größer geworden.

Gibt es aktuell weniger Werbung als vorher?

Ja, auf jeden Fall. Während der ersten Lockdown-Phase haben wir noch sehr gute Werbeeinschaltungen bekommen. Das ist jetzt im Vergleich zum Frühjahr fast auf null zurückgegangen.

Wie finanziert sich eigentlich ein Autokino?

In der Hauptsache über die Eintrittsgelder und durch Nebenumsätze über Essen und Getränke. Nur allein mit den Eintrittsgeldern wären wir dem Tode geweiht. Das geht aber jedem Kino so. Bis zu 53 Prozent der Karte gehen an den Filmverleih zurück, und wir haben Abgaben an die Gema und die Filmförderungsanstalt zu zahlen. Da bleibt von der Karte nicht viel, da werden vielleicht gerade die Personalkosten gedeckt. Ohne die Nebenumsätze – Popcorn, Nachos, bei uns noch Burger und Getränke – könnte kein Kino überleben.

Heiko Desch, 48,

Wie viel Personal haben Sie auf dem Platz?

Das ist auch ein Hauptproblem von Corona. Unsere überdurchschnittlichen Besucherzahlen werden im größten Teil davon aufgefressen, dass wir weit überdurchschnittliche Personalkosten haben. Allein wegen Corona muss ich an gut besuchten Abenden bis zu 15 Ordner auf dem Platz haben, die die Autos einweisen und auf die Abstände achten müssen und darauf, dass die Leute keine Gruppen bilden und dass Mund-Nase-Schutz getragen wird. Die Leute dürfen auch nicht aussteigen und müssen am Platz bedient werden. Das ist ein immenser Personalaufwand.

Interview: Annette Schlegl

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