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Grande Dame der leichten Mädchen

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Rosemarie Nitribitt - 1957 wurde sie in Frankfurt ermordet.
Rosemarie Nitribitt - 1957 wurde sie in Frankfurt ermordet. © Ullstein

Frankfurter Kriminalgeschichte: Der Fall Rosemarie Nitribitt wurde nie gelöst - aber mehrfach verfilmt. In den schillerndsten Farben wird darin ihr Leben und ihr Schicksal erzählt - das scheint ohnehin interessanter als ihr Tod.

Von Christoph Albrecht-Heider

Rosemarie Nitribitt ist kaum 14 Tage tot, da haben schon vier Filmproduktionsgesellschaften Titelrechte für einen Streifen über das Leben und Sterben von „Deutschlands berühmtester Hure“ angemeldet. Zur Kinoreife bringen es damals zwei. 1959 kommt „Die Wahrheit über Rosemarie“ von Rudolf Jugert in die Film-Theater, bereits wenige Monate nach dem Tod der Nitribitt hat „Das Mädchen Rosemarie“ von Rolf Thiele Premiere gefeiert, der zusammen mit dem linken Publizisten Erich Kuby das Drehbuch verfasst hat. Darin gibt Nadja Tiller eine „Rosemarie“, die mit dem realen Vorbild nur den Namen gemein hat.

Von der kriminalistischen Aufarbeitung des Mordes erfährt die Öffentlichkeit Genaueres erst durch das Strafverfahren gegen den Handelsvertreter Heinz Pohlmann. Doch die mediale Verwurstung des Falles – sie summiert sich bis heute auf je ein halbes Dutzend Bücher und Spiel- und Dokumentarfilme – prägt die Vorstellungen weit stärker.

Verschwurbelte Berichterstattung

Von Zeitzeugen wird die Frau, die aus kleinen Verhältnissen stammt und schon als Jugendliche auf dem Strich anschaffte, als geizig, des Lesens und Schreibens kaum mächtig und nicht umwerfend gutaussehend beschrieben. Publizisten und Journalisten malen hingegen das Bild einer mondänen, weltläufigen Kokotte und lassen ihrer Fantasie freien Lauf. So glauben viele Menschen, Nitribitt habe in einem roten Mercedes 190 SL-Cabrio vor dem „Frankfurter Hof“ auf Kunden gewartet, wo es doch ein schwarzes (mit roten Polstern und Weißwandreifen) war. Das Steigenberger-Haus am Kaiserplatz ist übrigens von dieser Art der Werbung überhaupt nicht angetan. Die Filmproduzenten müssen den stadtbekannten Einsatzort der Nitribitt im Film ausdrücklich als „Fiktion“ erkennbar machen.

Noch ein anderer wehrt sich gegen die Nähe zur Nitribitt. Wilhelm Berentzen, berühmter Frankfurter Architekt der 50er Jahre, missfällt, dass die Adresse Nitribitts (Stiftstraße 36) im Film genannt wird. In der von Berentzen entworfenen viergeschossigen Häuserzeile an der Stiftstraße – heutigen Frankfurtern durch die Leuchtreklame des Detektivbüros Tudor geläufig – wohnte die Nitribitt auf 75 Quadratmetern im Obergeschoss. Von Berentzen stammt auch das vis-à-vis gelegene Rundschauhaus und das Junior-Haus am Kaiserplatz. Das Berentzsche Gebäude in der Stiftstraße, längst „Nitribitt-Haus“ genannt, steht seit einigen Wochen unter Denkmalschutz.

Ohne die Prüderie der Adenauerzeit hätte der Fall Nitribitt es nicht zu einem festen Platz in der Chronik bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte geschafft. Der Brotberuf des Mädchens Rosemarie ist in den 50er Jahren noch so anrüchig, dass die Bezeichnung „Prostituierte“ in der Berichterstattung selten auftaucht, wie auch die Tatsache, dass die Nitribitt offenkundig bisexuell und der Hauptverdächtige homosexuell war, nur in verschwurbelten Formulierungen angedeutet wird.

Gerüchte über die Prominenz und den Reichtum ihrer männlichen Kundschaft verstärken den sagenhaften Ruf der Nitribitt, die am Morgen des 1. November 1957 tot in ihrer Wohnung von der Polizei gefunden wird. Die Polizei ermittelt gegen griechische Offiziere, einen Millionär aus der Türkei, gegen Kunden aus England, Spanien und Guatemala. Handfeste Belege dafür, dass Industrielle wie Gunter Sachs oder Harald von Bohlen und Halbach, Abkömmling der Krupp-Dynastie, die Dienste der „Edelhure“ in Anspruch genommen haben, gelangen erst Jahrzehnte später an die Öffentlichkeit. Das Haus Krupp verhindert Ende 1957 mit einer Intervention, dass der Name von Bohlen und Halbach in einer Nitribitt-Serie erwähnt wird, die die Illustrierte „Quick“ aus Informationen Pohlmanns zusammenrühren will.

Fehler in der Polizeiarbeit

Der Verdacht, der Mörder stamme aus den herrschenden Kreisen, bleibt unbelegt. Sehr viel deutet hingegen auf Pohlmann hin, einen guten Freund der Nitribitt, der sie am Nachmittag des 29. Oktober noch besuchte, aber für die zwei darauffolgenden Stunden kein Alibi hat. Pohlmann verfügt nach dem Tod der Nitribitt plötzlich über rund 20.000 Mark, mit denen er ein Auto kauft und Schulden begleicht. Das Geld entspricht etwa dem Betrag, der nach Zeugenaussagen in der Wohnung der Nitribitt fehlt.

Letztlich wird Pohlmann aber im Juli 1960 freigesprochen. Das Haupthindernis bei der Tätersuche ist eine Eigenproduktion der Polizei, denn die Spurensicherung geht in einem entscheidenden Punkt schief. Um den starken Verwesungsgeruch – ganz offensichtlich lag die erschlagene Nitribitt schon länger tot in ihrem Wohnzimmer – zu mindern, lüftet die Polizei und vergisst, vorher die Raumtemperatur zu messen. Mit ihr hätte sich der Todeszeitpunkt – und der 1. November, der auf dem von unbekannt gestifteten Grabstein auf einem Düsseldorfer Friedhof steht, war es definitiv nicht – errechnen lassen. So aber kann das Gericht die widersprüchlichen Aussagen von Zeuginnen nicht aufklären, die die Nitribitt zu unterschiedlichen Zeiten am 29. und 30. Oktober gesehen haben wollen. Ihr Tod bleibt ein Rätsel. Aber die Menschen interessieren sich ohnehin mehr für ihr Leben.

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