NS-Zeit

Ein Gleis für Wehrmachts-Sonderzüge

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Bernd Vorlaeufer-Germer erforscht eine verschwundene Anlage aus der NS-Zeit am Bahnhof Saalburg. Der Historiker sucht Zeugen.

Im Hauptstaatsarchiv des Landes Hessen ist Historiker Bernd Vorlaeufer-Germer ein Dokument vor Augen gekommen, das Fragen aufwirft und seine Forschungslust herausfordert. Datiert ist das Schriftstück auf den 9. April 1946, der Landforstmeister von Wiesbaden hat es an den Regierungspräsidenten adressiert.

Unter der Überschrift „Feststellung des Wehrmachts-Eigentums und dessen geeignete Verwendung“ ist schon unter Punkt 1 von einem „nicht fertiggestellten Abstellgleis“ im Gemeindewald von Köppern die Rede. Ausgehend vom Bahnhof Saalburg erstreckt sich das Provisorium auf einer Länge von 1,7 Kilometern in Richtung des damaligen, von Wehrheim nach Köppern führenden „Bachwegs“. Heute ist die Gleisanlage aus dem Erscheinungsbild der dort verlaufenden Gemeindegrenzen verschwunden, zieht nur noch der Schienenstrang der Taunusbahn seine waldgerahmte Bahn. Auch die Werksbahn des benachbarten Taunus-Quarzit-Werks ist seit langem stillgelegt – die verbliebene Diesellok wurde 1996 verkauft.

Was NS-Erforscher Vorlaeufer-Germer als „ominösen historischen Vorgang“ bezeichnet, wirft Fragen auf: „Wann war die Gleisverlegung, wann wurde es wieder abgebaut?“ Und: „Wer hat die dort abgestellten Züge gesehen, wie sahen diese aus?“

Es sei zu vermuten, dass die Anlage im Zusammenhang mit der Verlegung des Hauptquartiers von Feldmarschall von Rundstedt im Oktober 1944 stehe. Der Oberbefehlshaber West hatte sich damals von seiner Militärzentrale am Rhein in das so genannte Führerhauptquartier „Adlerhorst“ in Ziegenberg zurückgezogen. Eine Einschätzung, die auch von August Will geteilt wird. „Das bis auf den Bachweg reichende Abstellgleis wurde wohl im Jahre 1943 verlegt“, so der Köpperner Lokalhistoriker.

Dort, wo mittlerweile eine stark befahrene Bundesstraße durch das Tal zieht, waren die abgestellten Züge unter dichtem Laubbaumdach geschützt. Die Entfernung zwischen Haltestelle und dem Bunkerkomplex „Adlerhorst“ nebst Schloss Kransberg als dessen Dependance ist durchaus überschaubar.

Vorbehalten war das Gleis einlaufenden Wehrmachts-Sonderzügen. Die habe es, so Vorlaeufer-Germer, in der Umgebung aller Hauptquartiersstandorte gegeben. Himmlers „Steiermark“-Sonderbahn sei beispielsweise zwei Mal im Eisenbahntunnel von Eppstein abgestellt gewesen. Nahe des Bahnhofs Saalburg wurden nach Auskunft von Robert Velte, Archivar des Wehrheimer Geschichtsvereins, kriegswichtige Güter unter die Bäume geschoben. Vorsorge gegen Angriffe aus der Luft war zu treffen. Schon im März 1941 hatten die ersten Flugzeuge ihre Bombenlast im Bereich Köppern abgeworfen – der 4. Oktober 1944 lieferte den Beschuss auf einen Personenzug, bei dem 38 Personen getötet wurden.

Was sich unmittelbar nach Kriegsende auf den 1,7 Gleiskilometern nahe des heutigen Freizeitparks Lochmühle abspielte, wissen die Heimatforscher. Die beiden Geschichtskenner aus Wehrheim und Köppern erzählen von verlassenen Waggons, in denen Kommissbrot aufgehäuft war. Das hätten sich schließlich die Dorfleute geholt. „Wir Buben“, so August Will, „haben die letzten Laibe heimgebracht.“ Etwa zehn Waggons ganz gewöhnlicher Bauart habe er dort gesehen.

Von dem Verschwinden der gusseisernen Schienen berichtet Robert Velte: „Die wurden von hiesigen Handwerkern geborgen und anderweitig neu verbaut.“ Immerhin werden einige Wehrheimer Gebäude bis zur Stunde von den Wehrmachts-Hinterlassenschaften in Form gehalten.

NS-Zeit-Forschung

Bernd Vorlaeufer-Germer bittet um Hinweise zu dem ehemaligen Abstellgleis am Bahnhof Saalburg, Gemarkung Friedrichsdorf-Köppern. Wer zum Thema beitragen kann, erreicht ihn unter der Telefonnummer 06172/921002 oder via bernd.vorlaeufer-germer@online.de

Drei Vorträge des Historikers in der Volkshochschule von Bad Homburg sind für den Herbst terminiert. Am 6. September spricht er zum „Führerhauptquartier Adlerhorst“, am 13. September zum Schloss Kransberg, die 12. SS-Eisenbahn-Baubrigade steht am 27. September im Blickpunkt. Beginn jeweils um 19 Uhr.

Derzeit in Arbeit ist sein Lebenswerk „Der Taunus im Zweiten Weltkrieg“. Bernd Vorlaeufer-Germer ist Lehrbeauftragter von „Arbeit und Leben (DGB/VHS) Hochtaunus“.

www.AuL-Hochtaunus.de

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