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Ein Bild aus glücklichen Tagen.

Türkei

Gießener sitzt seit einem Jahr im türkischen Gefängnis

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Die türkische Justiz wirft Patrick K. vor, Terroristen unterstützt zu haben. Seine Verhaftung ist für seine Familie eine schwere Belastung.

Die wenigsten Menschen mögen Montage. Das Wochenende ist passé, das nächste lässt noch lange auf sich warten. Bei Claudia S. ist das anders. Für sie sind Montage etwas Besonderes. Jeden Montagvormittag klingelt ihr Telefon. Am anderen Ende, 2700 Kilometer entfernt, hält ihr Sohn den Hörer in der Händen. Patrick K., der seit 365 Tagen in einem türkischen Gefängnis sitzt.

Der 14. März 2018 hat das Leben der Gießener Familie für immer verändert. Patrick K. ist in der Türkei, als er sich bei einem Kumpel via Whatsapp meldet. Er sei ausgeraubt worden und wisse nicht wohin. Dann reißen die Nachrichten ab. Später wird bekannt, dass die türkischen Behörden den 29-Jährigen in einem militärischen Sperrgebiet aufgegriffen haben. Sie werfen ihm vor, er hätte die Grenze nach Syrien überschreiten und sich der Kurdenmiliz YPG anschließen wollen. Freunde und Familie betonen hingegen, es müsse sich um ein Missverständnis handeln, Patrick K. habe in der Türkei lediglich wandern wollen. Nachdem sein Hotelzimmer aufgebrochen worden sei, habe ihn ein Mann per Anhalter mitgenommen und in dem Sperrgebiet ausgesetzt.

Am 6. Oktober beginnt der Prozess. Die Richter glauben Patrick K. nicht, dafür aber der Staatsanwaltschaft. Sie spricht von einer „organischen Verbindung“ zwischen dem Gießener und der Terrororganisation. Auch von einer E-Mail auf Patrick K.s Handy ist die Rede, in der er Kontakt mit der YPG aufgenommen haben soll. Das Gericht verurteilt den Gießener daraufhin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten.

Seit seiner Verhaftung hat Claudia S. ihren Sohn nur einmal zu Gesicht bekommen. Im Juni war sie in die Türkei geflogen, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Seither sind die Telefonate die einzige Verbindung zwischen Mutter und Sohn. Sonderlich ergiebig seien sie jedoch nicht, sagt Claudia S.. „Er darf nicht viel sagen. Auch ich muss aufpassen. Vielleicht werden die Gespräche abgehört.“ Patrick K.s Gefängnisalltag, so viel hat seine Mutter erfahren, ist eintönig: „Er darf nicht arbeiten, großartige Freigänge gibt es auch nicht.“ Immerhin teile er sich die Zelle mit zwei weiteren Männern, von denen einer ein wenig Deutsch spreche.

Mutter stellt Veränderung an ihrem Sohn fest

Auch wenn die Gespräche selten und kurz sind, hat Claudia S. eine Veränderung an ihrem Sohn ausgemacht: Er sei religiös geworden. So habe er zum Beispiel nach einer Bibel und einem Kreuz verlangt. „Kürzlich hat ihn auch eine deutsche Pfarrerin besucht, die in Istanbul lebt. Er hat sich darüber sehr gefreut.“ Früher, betont die Mutter, sei ihr Sohn kein religiöser Mensch gewesen. „Er beschäftigt sich erst jetzt damit. In solch einer Situation wird man natürlich nachdenklich. Und außerdem hat er viel Zeit.“

Wenn es nach der türkischen Justiz geht, sitzt Patrick K. noch viele weitere Jahre im Gefängnis. Seine Mutter hofft hingegen auf eine vorzeitige Entlassung. Ihre Hoffnung wird genährt durch einen neuen Anwalt. Veysel Ok kennt man in der Türkei als Verteidiger der Presse- und Meinungsfreiheit, in Deutschland ist er vor allem als Anwalt des WELT-Journalisten Deniz Yücel bekannt geworden. „Wir sind mit seiner Arbeit sehr zufrieden“, sagt Claudia S., „endlich passiert mal etwas.“

Durch Ok wird Claudia S. regelmäßig über den Zustand ihres Sohnes informiert. „Es soll ihm den Umständen entsprechend gut gehen. Das sagt Patrick mir auch immer wieder.“ Das beruhige sie zumindest ein wenig, sagt die Mutter, gänzlich könnten ihr die Sorgen aber nicht genommen werden. „Es ist nicht das Gleiche, wenn andere etwas erzählen. Ich kann es nicht beschreiben, aber ich muss ihn selber sehen.“ Dazu halt Claudia S. bald Gelegenheit. Für April hat sie einen Flug in die Türkei gebucht, ein Kamerateam wird sie dabei begleiten. „Ich hoffe, dass mein Sohn mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Und vielleicht auch der Richter hellhörig wird.“

Claudia S. sagt, sie sei weiterhin von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt. „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände“, betont sie. Den von Zweiflern vorgebrachten Punkt, man wandere nicht in einer Kriegsregion, will sie nicht gelten lassen: „Er wollte dort nicht wandern. Er wurde in der Region abgesetzt und wusste nicht, dass er sich in einem Sperrgebiet befindet.“

Claudia S. wird nicht müde, ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Auch, wenn sie dadurch selbst Anfeindungen ausgesetzt ist. „Manche Leute schreiben mir unschöne Nachrichten und beleidigen mich. Am Anfang war das sehr schwer für mich. Aber ich habe gelernt, damit zu leben.“ Sie will daher auch weiter kämpfen. Egal, ob ihr die Leute glauben oder nicht. „Er ist nun mal mein Sohn“, sagt Claudia S. „Vielleicht verstehen das nur Mütter.“

Berufung eingelegt

Anwalt Veysel Ok hat Berufung eingelegt. Laut Claudia S. können bis zu einer Entscheidung sechs Monate vergehen. Sollte das Berufungsgericht zustimmen, wird der Fall dem Obersten Gerichtshof überstellt. Andernfalls plant Ok den Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Claudia S. selbst erhält Unterstützung von den Freunden ihres Sohnes, die die Facebook-Gruppe „Freepatrick“ betreuen. Auch der Kurdischen Gemeinde Gießen ist die Mutter dankbar.

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