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Ermias Tewolde Keleta fordert Entschädigung vom Land.
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Ermias Tewolde Keleta fordert Entschädigung vom Land Hessen.

Gießen

Verwechslung mit dramatischen Folgen: Ein Dolmetscher aus Gießen wird zu Unrecht angezeigt

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Ermias Tewolde Keleta flüchtet als Jugendlicher nach Deutschland. Er studiert und arbeitet als Dolmetscher in Gießen. Doch dann wird er wegen schwerer Körperverletzung angezeigt. Ein Irrtum, wie sich herausstellt.

  • Als 17-Jähriger flüchtet Ermias Tewolde Keleta aus seiner Heimat Eritrea über den Sudan und Kenia nach Frankfurt.
  • Durch eine Verwechslung gerät Keleta ins Visier der Polizei in Frankfurt und Gießen.
  • An den Folgen des Irrtums der Polizei leidet Keleta noch immer.

Gießen ‒ Es ist etwa 1 Uhr, als Ermias Tewolde Keleta mit seinen Kolleginnen und Kollegen die letzten Teile der Bühne abbaut. Er ist völlig erledigt, denn den ganzen Tag über hat er Würstchen gegrillt und Getränke beim AWO-Wohnbaufest in Gießen verkauft. In dieser Nacht, so erzählt Keleta, habe er in einer Einrichtung der AWO geschlafen. Noch ahnt er nicht, dass sich sein Leben in dieser Nacht verändern wird. Es ist der 19. Juli 2015.

In derselben Nacht, rund 80 Kilometer südlich in Frankfurt, geht Samuel Mathias auf eine eritreische Party ins Gallusviertel. Gegen 6 Uhr sucht er seine Freunde und geht nach draußen. Er beobachtet, wie ein Mann einem anderen eine Flasche auf den Kopf schlägt. Kurz danach passiert ihm dasselbe. Der Täter: Ermias Tewolde.

Die Täter verwechselt: Fataler Irrtum bei der Polizei in Frankfurt

Das berichtet Mathias in einer Zeugenaussage dem 16. Polizeirevier Frankfurt. Laut Ermittlungsakten, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, leitet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen zweifacher schwerer Körperverletzung gegen Ermias Tewolde Keleta ein, der zum Zeitpunkt der Tat in Gießen im Bett liegt und schläft. Erst nach knapp einem Jahr stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Keleta ein. Die Polizei verwechselte die Täter, obwohl mehrere Indizien schon weitaus früher dafür sprachen, dass Keleta unschuldig ist. Darüber hinaus wurde er in seiner Tätigkeit als Dolmetscher über ein Jahr gesperrt, allerdings erst nachdem das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde. Und das nur, weil die Polizei seine Daten nicht aus dem internen Polizeicomputer „POLAS“ löscht.

Mit den psychischen und wirtschaftlichen Folgen hat Keleta bis heute zu kämpfen. Wie konnte es so weit kommen?

Ermias Tewolde Keleta sei ein ruhiger Mann, der nie durch aggressives Verhalten auffällig geworden sei, berichtet eine Betreuerin der AWO Gießen, die als Zeugin aussagt. Anders als Ermias Tewolde, der laut Zeugenaussagen „hochaggressiv“ sei.

Gießen: Keleta ist gut in seiner neuen Heimat angekommen

Keleta lebt seit etwa neun Jahren in Deutschland. Er ist 17 Jahre alt, als er aus seiner Heimat Eritrea über den Sudan und Kenia in Frankfurt ankommt. Erst wohnt er ein halbes Jahr in einer Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Frankfurt. Danach wird er nach Gießen geschickt und wohnt in einem Jugendhilfeprojekt der AWO. Er geht auf eine Schule und macht sein Fachabitur. Er beginnt mit dem Studium, erst Informatik, später wechselt er und studiert bis heute Krankenhausgebäudetechnik an der THM Gießen. Keleta zieht in ein Student:innenwohnheim, findet Freund:innen und arbeitet seit 2015 als Dolmetscher in Flüchtlingsunterkünften. Er spricht fünf Sprachen.

Eigentlich läuft alles für den jungen Eritreer gut in seiner neuen Heimat, bis er wegen zweifacher schwerer Körperverletzung angezeigt wird. Wie es zu den Ermittlungsfehlern gekommen ist, lässt sich anhand einiger Indizien nur erahnen. Hat die Ähnlichkeit der Namen die Ermittler:innen in die Irre geführt? Hat die Polizei möglicherweise die Hinweise der Zeug:innen nicht ernst genommen?

Frankfurt: Polizeibericht verschweigt Drohungen

Klar ist, dass Yoseph Gebremichael, einer der Zeug:innen, beobachtet, wie ein Mann einem anderen eine Flasche auf den Kopf schlägt. Er nennt den Namen Ermias Tewolde Keleta. Zum Zeitpunkt des zweiten Vorfalls war er bereits auf dem Heimweg. Das Opfer eben jener zweiten Tat, Samuel Mathias, teilte hingegen bereits bei seiner ersten Zeugenaussage am 1. August 2015, also rund zwei Wochen nach der Tat, der Polizei mit, dass er den Täter, Ermias Tewolde, seit zehn Jahren kenne. Weiter sagt Mathias, dass er „seit dem Geschehen häufig von gemeinsamen Freunden des Täters Anrufe“ erhalte. Diese drohten ihm, sollte er zur Polizei gehen.

Ein weiterer Zeuge, Yohannes Gebremichael, erhielt ebenfalls laut Mathias’ Aussage noch in der Tatnacht Drohungen vom Täter selbst, von Ermias Tewolde. Im Polizeibericht heißt es: „Angeblich kennen die Zeugen den Beschuldigten. Aus hiesiger Sicht ist es fragwürdig, ob sich die Beteiligten untereinander überhaupt kennen, die ganze Geschichte dem Beschuldigten einfach in die Schuhe geschoben werden soll oder beim Namen des Beschuldigten mit einem anderen Namensgleichheit herrscht.“ Über die Drohungen verliert die Polizei kein Wort. Man stützt sich wohl eher auf die Aussage von Yoseph Gebremichael als auf die des Opfers. Dass sich Gebremichael möglicherweise irrt, wird offenbar nicht in Erwägung gezogen.

Ermias Tewolde Keleta war in der Tatnacht in Gießen

Ermias Tewolde Keleta beteuert in seiner Vernehmung, dass er in der Tatnacht in Gießen übernachtet habe. „Das konnten mehrere Zeugen bestätigen“, sagt er im Gespräch mit der FR. Zu seinem Pech sagt nur einer der drei geladenen Zeug:innen aus. Dieser kann zumindest bestätigen, dass Keleta den ganzen Tag über auf dem Fest war und beim Abbau mithalf.

In einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft in Gießen, zwischen Mai und Juni 2016, als das Ermittlungsverfahren gegen Ermias Tewolde Keleta bereits mehrere Monate läuft, erwähnt das Opfer Mathias wieder, dass es genügend Zeug:innen gebe, die bestätigen könnten, dass der Täter Ermias Tewolde sei. Er habe sogar der Polizei in Frankfurt Fotos des Täters von dessen Facebook-Profil vorgelegt. Auf den Fotos, die der FR vorliegen, ist deutlich zu erkennen, dass es zwischen dem damals 20-jährigen Keleta und dem fast doppelt so alten Tewolde keine Ähnlichkeit gibt.

Dasselbe bestätigen die Gebrüder Gebremichael bei einer weiteren Vernehmung. Als ihnen Fotos von möglichen Tatverdächtigen vorgelegt werden, fragten sie den Beamten, warum sie sich diese Bilder anschauen müssten. „Sie wunderten sich, dass der richtige Täter nicht dabei war“, berichtet Mathias der Staatsanwaltschaft. Dies sei Arbeit der Polizei, reagierten die Beamten daraufhin. Yoseph Gebremichael hat demnach bei seiner ersten Aussage den falschen Namen genannt. Ein Mann in den vorgelegten Fotos war Ermias Tewolde Keleta.

Regierungspräsidium Gießen und Bamf sperren Keleta als Dolmetscher

Zunächst stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Keleta im Mai 2016 ein, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gegen ihn gebe. Im Juni werden die Ermittlungen neu aufgenommen. Der Geschädigte Mathias muss wieder aussagen. Und wieder sagt er, dass der Täter Ermias Tewolde heiße. Dass der Täter etwa 40 Jahre alt sei. Er erkennt ihn auf den Facebook-Bildern und er sagt, dass Tewolde in Frankfurt wohne, Inhaber eines Restaurants sei und einen braunen Audi Q7 fahre.

Die Staatsanwaltschaft stellt im August 2016 die Ermittlungen gegen Ermias Tewolde Keleta ein. Doch die Tortur für den 25-jährigen Eritreer ist damit noch nicht vorbei. Weil die Frankfurter Polizei Keletas Daten nicht aus dem Polizeicomputer löscht, sperrt ihn das Regierungspräsidium Gießen und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) mindestens für 13 Monate als Dolmetscher. Ein dementsprechendes Schreiben des Landeskriminalamts liegt der FR vor.

Beim Bamf sei er sogar 18 Monate gesperrt worden, sagt Keleta. Doch nachweisen kann er das nicht. Dolmetscher:innen erhalten nur eine mündliche Auskunft. Dolmetscherbüros hingegen, für die Dolmetscher:innen freiberuflich arbeiten, erhalten jährlich oder alle zwei Jahre aktuelle Informationen zur Zuverlässigkeitsprüfung, teilt eine Bamf-Sprecherin der FR mit. Keleta entgehen durch die Arbeitssperre monatlich bis zu 1600 Euro.

Gießen: Keleta hat das Vertrauen in die Polizei verloren

Keleta wirft der Frankfurter Polizei und der Staatsanwaltschaft Ermittlungsfehler vor und forderte in einem Schreiben an Innenminister Peter Beuth (CDU) eine Entschädigung für die entgangenen Einnahmen aus der Tätigkeit als Dolmetscher. Doch diese Forderung lehnte das Innenministerium ab, weil Keleta die fehlenden Einnahmen nicht nachweisen kann. Dass Keleta als Freiberufler je nach Auftragslage arbeitet, wird nicht berücksichtigt. Eine entsprechende Anfrage der FR an das Innenministerium bleibt unbeantwortet.

Wegen der Sperre als Dolmetscher erlebt Keleta schwierige Monate. Er muss sich rund 6000 Euro von Freund:innen und Familie leihen, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Er denkt sogar darüber nach, sein Studium abzubrechen. „Ich hatte Angst, dass ich wegen der Anzeige und der Sperre keine Stelle nach dem Studium finde“, sagt er.

Das Vertrauen in die Polizei hat Keleta verloren. Doch schon vor der Strafanzeige und der Dolmetschersperre wurde dieses Vertrauen beschädigt. „Ich wurde ein- bis zweimal im Monat kontrolliert. Zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im Auto“, berichtet er. Damals hatte er noch eine Afro-Frisur. Er erinnert sich an einen Vorfall in Gießen. Er war mit dem Rad unterwegs, eine Polizeistreife hielt ihn an. „Sie wollten wissen, ob ich das Fahrrad geklaut habe.“ Ein älterer Mann sagte zu den Polizisten, dass die Kontrolle nicht in Ordnung sei. Der Polizist antworte ihm, so wie der Junge aussehe, könne er sich kein Fahrrad leisten“, erzählt Keleta. Den Afro trägt er schon lange nicht mehr. „Damit sehe ich noch verdächtiger aus.“

Frankfurt: Keleta hat Angst vor neuen Polizeikontrollen

Seit Beginn der Ermittlungen hat Keleta Angst, nach Frankfurt zu fahren. Angst davor, wieder von der Polizei kontrolliert zu werden. „Wenn es Ärger gibt, womit ich nicht mal etwas zu tun habe, dann weiß ich schon, dass die Polizei wieder mich kontrollieren wird“, sagt er.

Keleta arbeitet wieder als Dolmetscher. Er wohnt weiter in Gießen und studiert. Mittlerweile ist der 25-Jährige auch deutscher Staatsbürger. Bis heute muss Keleta die Anwaltskosten abbezahlen. Und als wäre all das nicht schon belastend genug für ihn, zahlte ihm ein Dolmetscherbüro seinen Lohn von 4000 Euro nicht aus. Wie sich später erst herausstellte, hatte Keleta für einen Betrüger gearbeitet. (Stefan Simon)

Die Regierung verpflichtet sich zum Kampf gegen Rassismus. Gut so, aber wo bleiben die Menschen, die das Thema aus eigener Erfahrung kennen? Die Kolumne.

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