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Die Autorin Monika Böss ist für ihr Buch auf die Suche nach starken Frauen gegangen. 

Rhein-Main

Geschichten von starken Frauen

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Ein neues Buch berichtet von Künstlerinnen, Nonnen, Heldinnen und Räuberbräuten in Rhein-Main.

Werden bedeutende Frauen schneller vergessen als bedeutende Männer? Blättert man durch das neue Buch „Starke Frauen in Rhein-Main“, gerade im Wartberg-Verlag erschienen, staunt man über die vielen interessanten Persönlichkeiten, deren Schicksale die Schriftstellerin Monika Böss recherchiert hat – und wie viele von ihnen heute praktisch unbekannt sind.

Auch wenn einige so prominente Frauen wie die Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ oder die Schriftstellerin Bettina Brentano in Böss’ Buch auftauchen, so sind doch die meisten der hier beschriebenen Nonnen und Schauspielerinnen, Künstlerinnen und Politikerinnen, Sportlerinnen und Räuberinnen, die zwischen Aschaffenburg und Bingen, Fulda und Frankfurt lebten oder immer noch leben, weit weniger bekannt als ihre männliche Kollegen.

Das macht natürlich, zugegeben, einen besonderen Reiz dieses Buches aus, die vielen Entdeckungen, die sich hier machen lassen. Böss hat sie zu einem schön bebilderten, spannenden Lesebuch mit Biografien zusammengefasst. An bedeutenden Frauen, an Frauen, die gegen die Konventionen ihrer Zeit verstießen, herrschte jedenfalls kein Mangel.

„Das war stilistisch eine Gratwanderung zwischen Literatur und Journalismus“, sagt die Autorin, die in Archiven und Museen im Rhein-Main-Gebiet recherchiert hat. Fast gleichzeitig mit ihrem Biografienbuch erschien im selben Verlag ihr ganz anders gearteter Erzählungsband „Dunkle Geschichten aus Rhein-Main“.

„Auch für mich gab es bei der Arbeit an den ‚Starken Frauen‘ viele Entdeckungen. Mich faszinieren Brüche und Aufbrüche in einem Leben, Frauen, die mutige Entscheidungen gefällt haben. Es passten längst nicht alle ausgewählten Biografien in das Buch. Die Region ist ja groß.“

Es sind tragische Schicksale darunter, wie das der Wirtin Margarethe Rücker aus Aschaffenburg, die 1611 nach brutaler Folter in Anwesenheit des Centgrafen als angebliche Zauberin hingerichtet wurde. Eine andere furchtbar gequälte Frau hatte sie im „peinlichen Verhör“ als Wetterhexe angeschwärzt. Der Besitz Rückers sei eingezogen und an die am Prozess Beteiligten verteilt worden, berichtet Böss.

Auch die Räuberbräute der Zeit um 1800 hatten im Taunus und im Nordpfälzer Bergland zwischen Armut und Prostitution, Alkohol, Kriminalität und brutalen Männern kein gutes Schicksal, obwohl die Autorin in ihren kleinen Porträts betont, dass deren Leben doch auch verwegen und durchaus selbstbewusst gewesen sei.

Monika Böss: Starke Frauen in Rhein-Main. Wartberg-Verlag 2019, 15 Euro, ISBN 978-3-8313-3248-9

„Viele der Frauen, die ich porträtiert habe, sind ganz ambivalente Figuren. Ein typisches Schicksal ist für mich das der Komponistin Johanna Senfter“, erzählt Böss. „Sie war ihr Leben lang zu schüchtern, um ihr Talent zu zeigen.“ Dabei war die äußerst musikalische Oppenheimerin eine der wenigen Schülerinnen Max Regers in dessen Kompositionsklasse am „Königlichen Leipziger Konservatorium“ und wurde für ihre Kompositionen auch ausgezeichnet. Mehr als 130 Werke sind von ihr erhalten, von den allerwenigsten gibt es aber Tonaufnahmen.

Besonders fasziniert hat Böss die Biografie der Frankfurterin Meta Quark-Hammerschlag, nach der in ihrer Heimatstadt bisher keine Straße benannt ist. Die aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie stammende Sozialpolitikerin, 1864 geboren, trat 1911 in die SPD ein, war eine Mitbegründerin der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt und saß seit 1919 als erste Frau im Magistrat der Stadt. 1933 wurde sie von den Nazis aus dem Amt gejagt, nach dem Ende der NS-Zeit half sie hochbetagt bei der Neugründung der Arbeiterwohlfahrt. „Vielleicht war sie so einem bürgerlich-öden Frauenschicksal entgangen“, schreibt Böss.

Schön an Böss’ Buch ist, dass sie den Bogen bis in die Gegenwart schlägt. Die hier Porträtierten kommen meist aus Rheinhessen, die Autorin hat einige warmherzige Porträts geschrieben, etwa das von der 100-jährigen Lisel Heise, die sich so über die Schließung des Thielwoogbads in Kirchheimbolanden ärgerte, dass sie 2019 in die Politik einstieg und prompt gewählt wurde. Und auch wenn Heises Heimatstadt nicht mehr unbedingt zum Rhein-Main-Gebiet zählt – wer wird da kleinlich sein. Es wäre doch schade gewesen, auf eine so starke Stimme zu verzichten. „Bei der Frauen-Geschichte hat sich sehr viel entwickelt, da sind viele erschreckende Konventionen verschwunden“, sagt Böss im Gespräch mit der FR.

Dass auch Monika Böss, die in Frankfurt studiert hat und heute in einem rheinland-pfälzischen Dörfchen lebt, eine starke Frau ist, wird wohl niemand bezweifeln. Allein die Tatsache, dass die Statistikerin, Jahrgang 1950, sechs Söhne großgezogen hat, die heute in der ganzen Welt leben, dürfte für sich sprechen.

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