+
Gebäude der Odenwaldschule sind in Ober-Hambach (Hessen) bei Heppenheim hinter einer Wiese zu sehen.

Elite-Internat

Der Glaube an die "heile Welt"

Es gibt eine erste wissenschaftliche Studie zu den Ursachen des Missbrauchs an der Odenwaldschule.

Fast neun Jahre sind vergangen, seit der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim im größeren Umfang bekannt wurde. Erst nachdem ehemalige Schüler des reformpädagogischen, privaten Elite-Internats die Mauer des Schweigens durchbrochen hatten, wurde die Dimension des Missbrauchs zumindest ansatzweise deutlich: Mindestens 132 Schüler waren zwischen 1965 und 1998 sexuellen Übergriffen durch Lehrer ausgesetzt, wie der im Dezember 2010 vorgelegte Abschlussbericht der Wiesbadener Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller und der ehemaligen Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte Tilmann, ergab.

Haupttäter war demnach der im Juli 2010 verstorbene renommierte Pädagoge Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete. Wie konnte sich in dieser Schule, die lange als Vorzeigeprojekt der deutschen Reformpädagogik galt und die es seit ihrer Insolvenz 2015  nicht mehr gibt, ein System des Missbrauchs herausbilden? Eine Antwort darauf versucht nun der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp mit vier weiteren Wissenschaftlern zu geben.

Im Wissenschaftsverlag Springer erscheint jetzt ihr Buch „Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt: Eine sozialpsychologische Perspektive“.

Die Autoren wollten nicht Burgsmüllers und Tilmanns Ermittlungen „fortschreiben“, sondern einen „Deutungsrahmen“ der Geschehnisse geben. Vor allem zwei Faktoren haben die „Freiräume“ für ein sexuelles Missbrauchssystem geschaffen: das „Fehlen eines verbindlichen, regelmäßig überprüften pädagogischen Konzepts“ und der „kaum antastbare Vertrauensvorschuss gegenüber der Odenwaldschule“, die ein Mythos umgeben habe. Der unkritische Glaube an deren „heile Welt“ sei zu wenig hinterfragt worden.

Die traurige Bilanz der Autoren, die sich bei ihrer Analyse auf 62 eigene Interviews, vor allem mit Ex-Schülern und -Lehrkräften, stützen: Es habe in der Geschichte der Schule „mehrere Phasen gegeben, in denen das Missbrauchssystem hätte analysiert und überwunden werden“ können.

Hier liege „ein Jahrzehnte währendes Systemversagen“ vor, das nicht nur an einzelnen Tätern festgemacht werden dürfe. Einen „Mangel an Verantwortung“ sehen die Wissenschaftler auch bei der staatlichen Schul- und Heimaufsicht sowie den Eltern der Odenwaldschüler.

Rückendeckung durch den Vorstand der Odenwaldschule

Gerold Becker, von Schülern als „charismatisch“ geschildert, habe es mit seinen rhetorischen Fähigkeiten vermocht, die Oberhand gegenüber schulinternen Widersachern zu behalten. „Das geschah nicht zuletzt aufgrund der Rückendeckung durch den Vorstand der Odenwaldschule und mittels eines mächtigen schulinternen und externen Netzwerks von Unterstützern“, so die Autoren.

An der Internatsschule habe sich ein „scheinbar progressives Sexualitätsverständnis“ durchsetzen können, in dem „gut getarnt die sexuellen und emotionalen Bedürfnisse Erwachsener häufig Vorrang vor den Bedürfnissen der ihnen anvertrauten Schüler/innen hatten“. Eine offene Auseinandersetzung mit Fragen der Nähe und Distanz in pädagogischen Beziehungen „fand in der Odenwaldschule offensichtlich zu keinem Zeitpunkt statt“. Die Einrichtung sei also zumindest während der Zeit unter Beckers Leitung ein „Gefährdungsmilieu“ gewesen.

Den Eltern habe es an Wissen über sexualisierte Gewalt gefehlt. „Darüber hinaus waren sie von der besonderen Reputation der Odenwaldschule (und ihres Schulleiters) geblendet und nicht bereit, eine Realität anzuerkennen, in der ihre Kinder (die sie teilweise ‚abgeschoben‘ hatten) Opfer sexualisierter Gewalt durch Lehr- und Erziehungspersonal wurden“, so die Buchautoren weiter. Eltern hätten - trotz gegenteiliger Informationen – an der Überzeugung festgehalten, ihre Söhne und Töchter an einem „guten Ort“ untergebracht zu haben.        (Norbert Demuth/kna)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare