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Gute Gags um jeden Preis? ? Nicht mit Rolf Miller. Er findet: "Manchmal ist es glaubwürdiger, etwas nicht zu sagen."

Kabarett

Rolf Miller tritt in Rüsselsheim auf

Der Kabarettist Rolf Miller kommt nach Rüsselsheim. Unser Autor Boris Halva hat zwischen zwei Auftritten mit ihm gesprochen - über den Zauber des Augenblicks und warum Humor vor Sendungsbewusstsein gehen muss.

Authentizität. Rolf Miller spricht dieses Wort aus, als wetzte er Messer. Und gleich nochmal: Authentizität. Schnell, deutlich und präzise sagt er das. Er weiß um das Gewicht dieses Wortes und er wird den Teufel tun, sich darin auch nur ansatzweise zu verheddern. Ein so wichtiges Wort wie die Echtheit muss klar und deutlich ausgesprochen werden.

Weil es bei Figuren immer darum geht, dass sie echt sind. „Nur so wird eine Figur glaubwürdig“, sagt Rolf Miller, also, der echte Miller, der gerade irgendwo in Berlin durch die Straßen läuft. An diesem Abend wird der 50-jährige Kabarettist bei den Wühlmäusen auftreten. „Da freue ich mich drauf“, sagt Miller, „jahrelang habe ich gerackert, um dort einmal vor vollem Haus zu spielen. Und heute ...?“ – er macht eine kurze Pause, im Hintergrund hupt und rauscht es, „heute spiele ich dort auch mal zwei Abende hintereinander vor ausverkauftem Haus.“ Das klingt zufrieden. Und auch ein bisschen stolz. Und: Ist beides angemessen.

Denn seit 25 Jahren mischt er in der deutschen Kabarettszene mit – sein halbes Leben. Seine Bühnenfigur würde Worte wie Authentizität drei Mal hintereinander falsch aussprechen und dann: verwerfen. Weil Miller weiß, wann der Typ, den er da oben gibt, die Klappe halten sollte, obwohl dieser sich gerade so schön um Kopf und Kragen redet. Oder eben die Klappe halten muss, damit die Zuhörer selbst denken, was er jetzt nicht ausspricht.

„Am Anfang eines Satzes weißt du nie, wie er endet“, sagt Miller mit Blick auf das Eigenleben der Gedanken. Und während Hape Kerkeling oder Olli Dittrich ihre Figuren so spielen müssten, dass es so aussieht, als würde ihnen das Gesagte gerade einfallen, so muss Millers Figur immer so aussehen, als würde sie gerade vergessen haben, was sie eigentlich sagen wollte.

Andererseits: „Der echte Gerhard Polt kommt ohne Ähs aus, und trotzdem glaubt man, der Polt auf der Bühne ist wie der Polt in seinem Wohnzimmer“, sagt Miller. Alles Illusion, sagt er. „Es gibt keinen Satiriker, der improvisiert. Das ist alles geschrieben.“ Und muss es auch sein, denn nur wer ernsthaft am Text arbeite, sehe auch, was nicht funktioniert. „Wenn ich eine Idee nur drin lasse, weil ich sie super finde, aber nicht merke, dass sie nicht zu meiner Figur passt, dann holt einer in Rüsselsheim sein Handy raus und schaut, welche Termine er morgen hat. Und wenn du den Ersten verlierst, kannst du es nicht mehr genießen da oben auf der Bühne.“ Und: Nein, anders als jetzt, während des Telefonates, baue er grundsätzlich nie den Namen der Stadt, in der er gerade spielt, ins Programm ein. „Das ist Populismus pur, das geht gar nicht!“

Wenn er also am 13. Dezember in Rüsselsheim auftritt, wird er ohne Opel-Wortspiele auskommen. „Meine Figuren sind ja symptomatisch kaputt, die müssen überall funktionieren.“ Rolf Miller, aufgewachsen im Badischen Odenwald, will sich nicht anbiedern. Er will liefern. Aber nicht so klischeehaft wie der abgezockte Schlagerstar, der sich auf der Bühne Teddys zuwerfen lässt und diese dann in der Garderobe in den Müll wirft, während er sich die Abendkasse bringen lässt. Miller liebt seinen Job: „Ich bin so glücklich, das machen zu können. Und ich will es gut machen. Jeden Abend!“

Deshalb fliegt alles raus, was nicht zur Figur passt. Oder zu brav ist. Derzeit übrigens symptomatisch für den deutschen Humor, wie er findet: „Das ist alles so brav. „Alles muss korrekt sein, alle wollen die Welt retten. Aber Schwarzer Humor ist nicht erwünscht.“ Dass der deutsche Humor derzeit nicht frei sei, mache ihn manchmal wütend, manchmal traurig. Und manchmal, sagt Miller, schaue er sich 20 Jahre alte Harald-Schmidt-Sendungen an, die seien so was wie „ein Seelenpflasterchen“.

Und sein eigenes Programm „Alles andere ist primär“? Wie vermeidet er die seiner Ansicht nach zu gefälligen Themen? Um was geht es überhaupt? Miller lacht kurz in den Hörer. Im besten Falle hätten die Zuschauer am Ende des Abends das Gefühl, „ich habe nichts vergessen“. Trump, Fußball, Jamaika-Sondierungen und Til Schweiger kommen vor, dazwischen lockt er das Publikum mal auf eine falsche Fährte, manches muss aus genannten Gründen leider draußen bleiben, auch wenn es das Thema der Stunde sei.

Die 20 besten Pointen müssen sitzen, sagt er, dann kommt er in einen Flow. „Es geht ja viel um Melodie, so ein Live-Abend funktioniert ja nach musikalischen Gesetzen. Wenn der Klang und der Rhythmus stimmen, dann wird es glaubwürdig.“ Ebenfalls wichtig: die Tagesform. „Selbst wenn du keinen guten Tag hast, muss es so rüberkommen, als hättest du einen guten Tag.“ Hier findet Miller immer wieder Halt in seinen Grundsätzen, die da lauten: „Humor geht vor Sendungsbewusstsein. Keinen Gesinnungsapplaus herbeireden. Keinen Gag, der nicht zur Figur passt!“

Und sollte doch mal was schief gehen, dann müsse man einfach auf den Zauber des Augenblicks vertrauen. „Wir hatten erst kürzlich ein technisches Problem bei einer Show und ich habe das so gut überbrückt, das hat richtig Spaß gemacht.“ Aber wie das so ist mit dem Zauber des Augenblicks: „Danach war es weg. Und wenn es weg ist, kriegst du es nicht mehr so gut hin.“
Klingt nach einem echten Miller.

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