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Solidarisch, wenn es drauf ankommt: Tänzerinnen Su-Mi Jang und Katja Cheraneva.

Frankfurt

Gemeinsam anders

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Solidarität, Mitgefühl, der Umgang von Menschen mit Menschen: Darum dreht sich die Videochoreographie „Harmless Being“, die im Mousonturm Uraufführung feiert.

Sie sind feindselig gesinnt und fühlen sich doch verbunden. Sie belauern sich, taxieren, tanzen. Gegeneinander, füreinander, miteinander. Zwei Frauen, zwei Kontrahentinnen, zwei Verbündete. Sie agieren auf der Bühne vor zwei Videoleinwänden und einem zweigeteilten Publikum, Sie sind gleich, aber anders.

„Same but different“: Diese Formel sei so etwas wie „das tragende Prinzip“ ihres aktuellen Stückes, sagt die Künstlerin und Regisseurin Ayla Pierrot Arendt im Gespräch mit der FR. Mit den Tänzerinnen Su-Mi Jang und Katja Cheraneva hat sie eine Performance geschaffen, die sich um Unterschiede und Gemeinsamkeiten dreht, um Gefühle und Beziehungen, um „alternative Formen“ des Umgangs von Menschen mit Menschen. Und um die Doppelungen und Paradoxien, die jegliches Miteinander gleichsam hervorruft, denn: „Sobald man anfängt, den anderen zu verstehen und einzuschätzen, gibt man ihm weniger Raum, anders zu sein und anders zu fühlen.“

Einfache Kost ist es jedenfalls nicht, die nächste Woche – am Dienstag, Donnerstag und Freitag – im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm kredenzt wird, auch wenn der Titel „Harmless Being“ eben ziemlich harmlos daherkommt. Oder ist diese Unschädlichkeit am Ende nur vorgegaukelt? Choreographie und Narrative basierten im Wesentlichen auf dem japanischen Low-Budget-Erotikfilm „Guerilla Girl Boss“, sagt Ayla Pierrot Arendt. Es gehe um zwei Anführerinnen, die einander gegenüberstünden, sich aber verbündeten, sobald sich ihnen andere Kräfte in den Weg stellten. „Sie sind beide auf dem gleichen Niveau, machen aber alles komplett anders.“ Und sie lösen das Problem auf weibliche Art. Die „sexy Einzelkämpferin, die mit Waffen Rache übt“, sei dabei nicht ihr Ding. Unvereinbares miteinander zu verbinden laufe nicht über Hierarchisierung oder Auslöschung, weiblich sei es, „Feingefühl mitzubringen, etwas Neues zu gestalten“, sagt Ayla Pierrot Arendt und vergleicht es mit dem Mischen von Farben: Eine Farbe dürfe die andere nicht überdecken oder tilgen, „sie müssen gemeinsam eine neue Farbe annehmen“. Und mit Farben kennt sich die 31-Jährige aus.

In Wien hat sie Bildende Kunst und Malerei studiert, bevor sie in Gießen am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Choreographie und Performance draufsetzte. Seit einigen Jahren ist sie in Frankfurt aktiv, mit ihrem Bruder sorgt sie unter dem Namen Don Dyzette & Fullruhm für Musik und Sound von „Harmless Being“, dem zweiten großen Projekt seiner Art.

Seiner Art heißt: eine Videochoreographie, dieses Genre hat Ayla Pierrot Arendt selbst entwickelt. „Video wird nicht nur als Hintergrund und Ergänzung eingesetzt, sondern als Protagonist, also so, dass man permanent mit der Videoperformance konfrontiert ist“, erläutert die Künstlerin. Zwei Leinwände sind schräg vis-à-vis angebracht, das Publikum sitzt in zwei Blöcken jeweils unterhalb davor, zwischen den Blöcken ist die Bühne.

Die beiden Tänzerinnen Su-Mi Jang und Katja Cheraneva tanzen live und sind gleichzeitig im Video auf den Leinwänden zu sehen. „Auf diese Weise sind sechs Frauen anwesend: zwei reale und vier digitale“, sagt Ayla Pierrot Arrendt. Sie habe versucht, ein Zusammenspiel zu schaffen, das Fragen aufwerfe wie: „Was passiert eigentlich? Was ist live? Was verbindet uns mit der Gegenwart und dem realen Geschehen?“

Dabei sei auch die Rolle des Publikums mitgedacht und eingebunden, „indem der Blick der Betrachtenden mit einfließt“. Aufgrund der speziellen Zweiteilung des Zuschauerraums entstehen weitere Doppelungen und Spiegelungen, das Publikum auf der einen Seite muss immer über das Publikum auf der anderen Seite hinwegblicken, um das Geschehen auf den Leinwänden zu verfolgen. Es gehe dabei immer darum, „genug Raum für Assoziationen zu schaffen und den Blick mit der Perspektive der Anderen zusammenzuführen“, sagt Ayla Pierrot Arendt. Diese Zusammenführung gipfelt am Ende des etwa 90-minütigen Stücks in einer überraschenden Wendung, im wahrsten Sinne des Wortes.

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