Yasmin Alinaghi übernimmt heute den Vorsitz der Liga der Wohlfahrtsverbände.
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Yasmin Alinaghi übernimmt heute den Vorsitz der Liga der Wohlfahrtsverbände.

Interview

Gehen Kindergärten in Hessen pleite? Neue Chefin der Liga der Wohlfahrtspflege im Interview

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Die neue Chefin der Liga der Wohlfahrtspflege in Hessen, Yasmin Alinaghi, fürchtet um die soziale Infrastruktur. Auch Tafeln und andere Einrichtungen seien bedroht, wenn nicht umgesteuert werde, warnt sie im FR-Interview.

Am Dienstag übernimmt Yasmin Alinaghi den Vorsitz der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen. Mitten in der Corona-Krise tritt die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ihr Amt an.

Frau Alinaghi, ist die soziale Infrastruktur in der Corona-Krise gewährleistet?
Ich wünschte, ich könnte mit einem klaren Ja antworten. Leider ist sie das nicht. Weder die Finanzierung ist sichergestellt, noch die Ausrüstung mit Schutzkleidung. Unsere Klienten sind außerdem in einer noch schwierigeren Situation als die Bevölkerung insgesamt.

Wie stark sind Einrichtungen von einer finanziellen Schieflage oder sogar von einer Insolvenz bedroht?
Sehr stark. Die Finanzierung läuft in unserem Sektor meistens so, dass erbrachte Leistungen abgerechnet werden. Wenn Leistungen nicht erbracht werden können, weil bestimmte Bereiche schließen müssen, dann fließt normalerweise auch kein Geld. Das müssen wir dringend ändern. Stellen Sie sich vor: Die Corona-Krise ist vorbei, und alle Kindergärten sind pleite.

Das heißt, Sie brauchen eine Grundfinanzierung?
Wir brauchen Unterstützung wie Industrie und Wirtschaft. Deshalb sind wir sehr erleichtert, dass nach einigem Hin und Her soziale Dienste offenbar nun doch beim geplanten Corona-Schutzschirm des Bundes berücksichtigt werden. Wenn finanzielle Belastungen die Existenz von Einrichtungen gefährden, muss das ausgeglichen werden. Wir brauchen auch eine klare Erklärung von Bund, Land und Kommunen sowie anderen Kostenträgern, dass Leistungs- und Zuwendungsbescheide auch bei verminderten Leistungen gültig bleiben.

Die Kranken- und Altenpflege wird jetzt besonders dringend gebraucht. Wie kann das Personal dort entlastet werden?
In erster Linie muss man sicherstellen, dass diese Leute mit Schutzkleidung und Masken ausgestattet werden. Man hat uns da nicht mitgedacht. Im Moment geht es darum, Krankenhäuser damit auszustatten. Aber die Leute in Altenheimen brauchen das auch ganz dringend. Es geht auch um die Notbetreuung der Kinder, auf die ab sofort auch Pflegekräfte Anspruch haben. Da hat das Land zum Glück die Liste der systemrelevanten Berufe ergänzt. Man muss außerdem den Personalschlüssel lockern. Es muss möglich sein, dass einzelne Beschäftigte mehr Klienten betreuen, denn sonst können bestimmte Dienste nicht aufrechterhalten werden.

Sind die Wohlfahrtsverbände in die Gespräche und Entscheidungen eingebunden?
Ja. Im Stab von Sozialminister Klose haben wir einen eigenen Ansprechpartner und können alle Themen einbringen. Was uns allerdings fehlt, ist ein direkter Zugang zum Krisenstab der Landesregierung. Darin hätten wir gerne einen Sitz. Es gibt Themen, bei denen wir im Krisenmodus einfach nicht mitbedacht werden. Ich glaube nicht, dass das aus bösem Willen geschieht. Es ist aber nicht alles bis zum Ende gedacht.

Zur Person

Yasmin Alinaghi amtiert seit 2017 als Geschäftsführerin des Paritätischen Hessen. Als Vorsitzende der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen löst sie am Dienstag Nils Möller vom Deutschen Roten Kreuz ab. Der Vorsitz wechselt alle zwei Jahre.

Die 53-jährige promovierte Politologin begann ihre Laufbahn als Mitarbeiterin im EU-Parlament und beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Später war sie Mitgeschäftsführerin der Carl-Duisberg-Centren in Köln. pit

Wie sieht die Beratungsarbeit Ihrer Einrichtungen aus? Sind die geschlossen oder offen?
Wir versuchen, viele Beratungsangebote auf Onlineberatung umzustellen. In vielen Fällen geht es allerdings nur persönlich. Da stehen unsere Leute auch bereit, ihre Arbeit auszuführen.

Was ist mit Klienten, die keinen Computer oder keinen Anschluss haben?
Alles, was geht, was nicht aus Sicherheitsgründen eingestellt werden muss, läuft weiter. Aber man muss sehen: Wenn diese Einrichtungen aufgeben müssen, weil sie keine Miete für Räume mehr bezahlen können, dann drohen viele gewachsene Strukturen zusammenzubrechen.

Sie nennen die Einrichtungen der Wohlfahrtspflege „systemrelevant“. Wie meinen Sie das?
Wenn die wegbrechen, brechen elementare Dinge weg. Schauen Sie die Tafeln an, die über wesentlich weniger Lebensmittel verfügen. Es sollen jetzt nur noch diejenigen kommen, die wirklich nicht anders über die Runden kommen. Stellen Sie sich vor, die Tafeln sind weg. Dann haben diese Menschen, aber auch der Staat ein großes Problem.

Welche Hilfe brauchen Familien in armen und beengten Verhältnissen?
Die brauchen wirksame, niedrigschwellige Hilfen. Den prekär Beschäftigten droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Dann kommen Mietschulden dazu, Zwangsräumung und die ganze Spirale. Da müssen die Bezüge weiterlaufen. Geld muss fließen, damit sich diese Spirale nicht verschärft.

Ihre Klienten stehen in Corona-Zeiten vor besonderen Problemen. Können Obdachlose überhaupt der Forderung nachkommen, ihr Haus nicht mehr zu verlassen?
Die Forderung ist absurd. Man kann niemanden auffordern, eine Wohnung nicht zu verlassen, die der Betreffende gar nicht hat.

Was kann man tun?
Wohnungen schaffen. Diese Forderung stellen wir seit langer Zeit, und sie muss jetzt noch ernster genommen werden. Auf kurze Sicht muss man Einrichtungen für Menschen öffnen, die dort bisher nicht unterkommen konnten.

Wie steht es mit Frauen in gewalttätigen Beziehungen?
Für sie wird es noch schwerer, Zuflucht in einem Frauenhaus zu finden. Dazu kommt, dass in der Isolation die häusliche Gewalt eskalieren wird. Auch die Fälle von Kindeswohlgefährdung werden steigen.

Vor der Corona-Krise hatten die Wohlfahrtsverbände darunter zu leiden, dass sich bei der Arbeiterwohlfahrt einige Funktionäre schamlos bereichert haben. Wie sehr beschäftigt Sie der AWO-Skandal?
Dieses Thema bleibt sehr wichtig. Bevor wir unsere ganze Kraft auf die Corona-Krise gelenkt haben, haben wir uns mit dem Sozialministerium verständigt, wie wir mehr Transparenz erzeugen wollen. Das Thema ist nicht vergessen. Wir werden daran weiterarbeiten.

Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?
Alle Verbände müssen sich zu Standards bei der Transparenz und Kontrollen verpflichten. Damit solche Dinge nicht im Geheimen wachsen können.

Interview: Pitt von Bebenburg

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