Das geheime Leben der Ben-Alis

Die Familie des tunesischen Ex-Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali hatte sich über die vergangen Jahrzehnte eine Scheinexistenz im Rhein-Main-Gebiet aufgebaut - und kassierte sogar Geld für fingierte Jobs. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt.
Von Achim Ritz
Der Familienclan des tunesischen Ex-Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Rhein-Main-Gebiet eine Scheinexistenz mit Arbeitsplätzen und Haus aufgebaut. Dabei wurde Geld kassiert, ohne jedoch dafür etwas zu tun. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen die Schwester des ehemaligen Machthabers wegen Geldwäsche und Untreue. Wo sich die 58-jährige Hayet Ben Ali und ihr Mann Fathi Refai derzeit aufhalten, sei nicht bekannt, sagt Sebastian Zwiebel, Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt.
Die Schwester des Ex-Herrschers Ben Ali stand nach Informationen der Frankfurter Rundschau bei der Direktion der Fluggesellschaft Tunisair in Frankfurt auf der Gehaltsliste. Ihr Mann Fathi Refai war pro forma beim Fremdenverkehrsamt Tunesien in Frankfurt beschäftigt. Beide sollen bei ihren tunesischen Arbeitgebern keinen auffällig hohen Betrag erhalten, sondern monatlich jeweils rund 3500 Euro netto kassiert haben. Gesehen wurden die Verwandten des tunesischen Ex-Präsidenten bei Tunisair und im Fremdenverkehrsamt allerdings höchst selten. Wie sollte die Schwester von Ben Ali, dessen Konten in Deutschland vom Bundeswirtschaftsministerium eingefroren wurden und der per internationalem Haftbefehl gesucht wird, auch in einem Büro arbeiten können? Nach Darstellung eines Bekannten der Familie war sie Analphabetin.
Das Paar hielt sich in den vergangenen Jahren drei oder viermal im Jahr im Rhein-Main-Gebiet auf. Bei ihren Besuchen machten die Ben Alis im zehn Kilometer vom Frankfurter Flughafen entfernt liegenden Städtchen Dreieich (Kreis Offenbach) in einem bescheidenen Reihenhaus Station. Sie seien immer mit vielen Koffern angereist, sagen Nachbarn, die aber nichts über die Identität der seltenen Besucher wussten. In das Reihenhaus wurde Anfang Februar eingebrochen. Ein tunesischer Bekannter der Familie behauptet, dass der Einbruch fingiert gewesen sei, um die „enormen Geldmengen“, die im Tresor des Buchschlager Reihenhaus lagen, zu holen. Nachdem bekannt wurde, dass die Schwester von Ben Ali dort wohnt und gegen sie Anzeige erstattet worden war, durchsuchte die Polizei das Haus. Geld wurde nach Darstellung der Staatsanwaltschaft Darmstadt in den Räumen aber nicht gefunden.
Ben Alis Schwester und ihr Mann lebten temporär auch mit ihren Kindern in dem Haus in Dreieich. Fathi Refai und Hayet Ben Ali haben eine gemeinsame Tochter namens Kenza. Die Schwester des Ex-Diktators brachte zwei Söhne und eine Tochter mit in die Ehe. Die Namen der Familienmitglieder standen in dem Reihenhaus in Buchschlag alle auf dem Türschild. Darunter war „Villa Kenza“ zu lesen.
Die beiden älteren Söhne sollen Mitte der 90er Jahre deutsche Pässe erhalten haben. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten und das Verfahren zu beschleunigen, sind der zuständigen Verwaltung nach Informationen der FR zwei fingierte Arbeitsbescheinigungen eines Schnellimbisses in der Mörfelder Straße in Frankfurt vorgelegt worden.
Arbeitsverträge wurden nach dem Sturz des Machthabers beendet
Das für Dreieich zuständige Finanzamt Langen nahm 2001 Kontakt zu der Familie des Ex-Staatspräsidenten auf, nachdem sie ein Jahr zuvor das Reihenhaus in Dreieich für umgerechnet 650?000 DM gekauft hatte. Die Behörde erinnerte an die Steuererklärung und wollte von der Schwester und dem Schwager von Ben Ali wissen, wie die Immobilie finanziert wurde. In dem der FR vorliegenden Brief des Finanzamtes wurde die Vorlage der Kreditverträge gefordert. Ferner will die Behörde wissen, warum keine Zinseinkünfte im Ausland angegeben wurden, wenn das Geld für den Hauskauf vielleicht doch aus Tunesien stamme. „Wo ist das Geld umgetauscht worden. Legen Sie Belege vor“, fordert das Finanzamt von der Familie und weist die Ben Alis darauf hin, dass aus Tunesien keine Landeswährung ausgeführt werden dürfe. Die Behörde will außerdem die Pässe der beiden mit den Ein- und Ausreisevermerken sehen, „damit nachvollzogen werden kann, wann Sie das Geld in die BRD eingeführt haben“, schreibt das Finanzamt am 6. März 2001. Der Fall veranlasste die Staatsanwaltschaft aber nicht, Ermittlungen aufzunehmen, sagte ein Sprecher.
Sowohl die Fluggesellschaft Tunisair als auch das tunesische Fremdenverkehrsamt bestätigten auf Anfrage, dass die Schwester des Ex-Diktators und ihr Ehemann beschäftigt waren, ein Gehalt erhielten, das Arbeitsverhältnis aber fingiert gewesen sei. Die Unternehmen betonen, dass Hayet Ben Ali und Fathi Refai „von oben“, also vom tunesischen Staatschef eingesetzt worden seien. Isabel Arnold, Sprecherin von Tunisair, sagt, Hayet Ben Ali stehe seit Januar 2011 nicht mehr auf der Gehaltsliste. „Wir setzen alles daran, dass die Fehler, die in der Vergangenheit unter Druck passiert sind, wieder in Ordnung gebracht werden.“ Ben Alis Schwager war seit 1992 beim tunesischen Fremdenverkehrsverband als „Reisebüroleiter“ eingestellt, sagt eine Sprecherin. Nach der Revolution sei sein Vertrag im Januar sofort beendet worden.