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Gefühl in Vinyl

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Von: Thomas Stillbauer

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Stillbauer schafft: als LP- und CD-Verkäufer auf der Plattenbörse in der Offenbacher Stadthalle.
Stillbauer schafft: als LP- und CD-Verkäufer auf der Plattenbörse in der Offenbacher Stadthalle. © Monika Müller

Verkaufe ich meine Seele, wenn ich meine Plattensammlung verkaufe? Der Selbstversuch eines FR-Redakteurs auf der Schallplattenbörse in Offenbach.

Hm, hm, hm. Man kann sein Einheitswochenende vermutlich aufregender verbringen als im Saal der Offenbacher Stadthalle, fernab vom Tageslicht, den Blick gegen die Wand gerichtet. Und es gibt sicherlich bessere Plätze auf der Schallplattenbörse als diesen. In meinem Rücken: die Kollegen mit ihren Hunderttausenden LPs und CDs, Singles und DVDs. Ebenfalls in meinem Rücken: eine Bandscheibe, die sich bitterlich beschwert, weil ich waschkörbeweise meine Jugend aus dem Haus geschleppt habe. Meine Plattensammlung – oder das, was von ihr übrig ist. Da steht sie vor mir auf zwei laufenden Metern Tisch. 242 Alben und Maxi-Singles. Die sollen mich heute verlassen. Oh mein Gott. Was mache ich hier bloß?

Die Sache ist ja so: Wir alle, Sie und ich, haben vor ein paar Jahren unsere erste Schallplatte geschenkt bekommen. Okay, vor ein paar Jahrzehnten. Bei mir war es entweder „S.O.S.“ von Abba oder „Fox On The Run“ von The Sweet, das ist heute umstritten, und als Langspielplatte: „20 Power Hits“ von K-Tel. Was darauf folgte, war eine lange, lange, laaaange Liebesgeschichte.

Man kaufte sich eine Schallplatte, man brachte sie nach Hause, behutsam wie einen Schatz. Man legte sie auf den Plattenteller, noch behutsamer, setzte die Nadel drauf, behutsamer ging’s gar nicht. Und dann hatte man eine Beschäftigung für drei Wochen: Man saß auf dem Bett seines Jugendzimmers, die Plattenhülle in der Hand, lauschte und lernte alles auswendig, jeden Ton, jede Silbe. Habe ich Englisch in der Schule gelernt? Ach was, bei den Beatles habe ich Englisch gelernt. Musik hören, das lief nicht nebenher – das war Hauptbeschäftigung. Vielleicht liefen mal die Hausaufgaben nebenher. Möglich. Aber die neu erworbene Schallplatte war das Wichtigste im Leben. Wecken Sie mich nachts um drei, ich singe und pfeife Ihnen jedes noch so kleine Detail vom roten oder blauen Beatles-Doppelalbum, das Solo aus „Hotel California“ rückwärts und alles von den Talking Heads und den Stranglers.

Gut. Dann kam die CD. Die musste man nicht rumdrehen. Die knackte nicht, die rauschte nicht. Die konnte man mit ins Auto nehmen. Zack, stand die Schallplatte ganz schön doof da. Seien wir ehrlich: Seit Anfang der 90er Jahre stehen die Schallplatten bei uns im Schrank und sind schöne Erinnerungen. Jetzt leiert auch noch mein Plattenspieler. Die Frage ist: Kaufe ich mir einen neuen, nur um ungefähr eine Schallplatte pro Jahr aufzulegen? Oder verkaufe ich meine Plattensammlung?

Um elf geht die Plattenbörse in Offenbach für Besucher los. Als ich um zehn ankomme, ist drinnen schon alles aufgebaut. Die Freaks haben riesige Stände, breit wie die Batschkapp-Bühne, mit meterhohen Ausläufern, an denen sie ihre Raritäten preisen. Ich schleppe meine drei Körbe rein, dazu erklingt als Einlaufmusik: „Fuchs geh voran“, ein ganz frühes Werk der Scorpions – Ihre Version von „Fox On The Run“. Das muss ein Zeichen sein.

10.20 Uhr: Fertig. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Da müssen wir jetzt durch, meine Jugend und ich. Es kommt, was kommen muss und was jeder kennt, der schon mal auf dem Flohmarkt verkauft hat: Als Erste sind die Verkäuferkollegen da und plündern meinen Stand. Wer sich niemals intensiv mit dem Marktwert von Schallplatten beschäftigt hat, steht hilflos davor. Ein Mann mit Bart hat im Handumdrehen zusammengeklaubt, was sich mit Gewinn weiterveräußern lässt: Siouxsie and the Banshees, Peter and the Test Tube Babies, Pink Floyd, Devo, Bauhaus, Ramones, die Maxi „This Charming Man“ von den Smiths – alles zusammen bin ich für 50 Euro los. Und den Tränen nahe.

Mein Standnachbar Rolf aus Stuttgart nimmt mir zwei Smiths-LPs ab und sagt anschließend, dass er die für mindestens 20 Euro verkaufen wird. Pro Stück. Was er mir gegeben hat? Ich möchte nicht drüber sprechen. Es war ja mein Preis. Er hat mich nicht mal runtergehandelt. Aber Rolf ist schon in Ordnung, er wird mir dafür im Lauf des Tages noch sehr viel helfen mit seiner Erfahrung. Alle Kollegen, die ich in der Stadthalle kennenlerne, sind total freundlich und hilfsbereit. Und ziemlich verrückt.

Der Mann da drüben. Sieben Meter Schallplatten aller Art, Rock, Soul, Wave und, äh, „Sexy Cover“? Aha, da hat er Alben, die nackte Frauen zeigen. Wo kommt er her? Aus Nordfrankreich, erzählt er auf Englisch. Angereist, um in Mannheim, Offenbach, Dortmund seine Scheiben anzubieten. Wieso macht er das nicht in Frankreich? „Paris: 300 Euro für zwei Meter“, sagt er. In Offenbach bezahlt man 40 für den denselben Standplatz.

Pierre, so heißt der französische Kollege, hat schon in Sydney Platten verkauft und, kein Witz, in Fukushima. Es kommt noch besser: Dort, in Japan, erwarb Pierre zwei Alben, auf denen er Freddy Quinn zu erkennen glaubte. Wie sich herausstellte, war es eine Promo-Pressung, auf der tatsächlich Freddy sang – japanisch. 50 Mark investierte er. Zurück in Europa, duellierten sich ein österreichischer und ein deutscher Freddy-Fan um die Raritäten. Pierre bekam am Ende 2500 Mark dafür. Das waren Zeiten. Und heute? „Fucking Internet killed the market.“

11 Uhr: Ich glaube, die Kollegen haben mir alles abgekauft, was interessant war. Jetzt kommt die normale Kundschaft, und ich sitze mit den Ladenhütern da. Sechs oder sieben Platten habe ich abseits hingestellt: Das sind welche, die ich nur hergebe, wenn mir jemand ein Haus oder ein Tesla-Elektroauto dafür anbietet. Na gut, oder mehr als 20 Euro. Das Weiße Album zum Beispiel, mit Originalposter und allen vier großformatigen Fotos von John, Paul, George und Ringo, das bringt locker 25 Euro, sagt Rolf. Und „Welcome To The Pleasuredome“ von Frankie goes to Hollywood lasse ich auch nicht für einen Appel und ein Ei weg. Die ist so schön, auch optisch. Ha!, lacht einer im Vorbeigehen, „die steht doch überall in den Sonderangebotsständern!“

Mir egal. Die ist trotzdem schön. Findet Christian auch, ein netter Kollege mit einem noch blöderen Standplatz ganz in der letzten Ecke. „Bei der Frankie gehe ich auch nicht mit dem Preis runter. Die ist echt so schön.“ Christian hat einst seine Plattensammlung wegen eines Umzugs halbieren wollen – und dann Gefallen an den Börsen gefunden. Jetzt kauft er wieder zu und ist regelmäßig mit seiner Sammlung unterwegs.

Dieses Internet. Viel schneller als die Schallplatte hat es die CD umgebracht. „Die CD ist tot“, sagen alle, die in Offenbach meine kleine Zusatzbox sehen, in der ich ein paar Silberlinge anbiete. Keine einzige werde ich heute verkaufen. Zu teuer, sagen die Kollegen. Einen Euro, höchstens zwei kriege man noch dafür. Tot, die CD. „Kannst du vergessen.“

Die LP dagegen ist auferstanden. „Es gab immer Leute, die an die Schallplatte geglaubt haben“, sagt Rolf. Besonders die jungen Hörer stehen darauf. Viele Bands produzieren ihre neuen Lieder auf Vinyl, manche mit Bonus-Tracks, die es auf der CD nicht gibt. Aber neue Platten spielen auf der Börse keine Rolle. Hier gehen vor allem ältere Punk-, New-Wave-, Heavy-Metal-Alben. Wenn sie gut erhalten sind.

Meine LPs habe ich einst in spezielle „Unterhosen“ geschoben, in wachsbeschichtete Innenhüllen, damit nicht das geringste Kratzerchen drankommt. Leider ließ ich oft das Preisschild von Musikladen oder Ralphs Records, von Phonohaus, Radio Diehl, Main Radio, Saturn Hansa oder WOM auf dem Cover kleben. Das schmälert heute bei Sammlern den Verkaufspreis. Schildchen 30 Jahre später abziehen: keine gute Idee. Dabei reißt die Plattenhülle ein. Das schmälert den Verkaufspreis noch viel mehr.

12.30 Uhr: „Das hier ist eine Welt, die von Männern bevölkert ist, die immer älter werden“, sagt Rolf. Er ist 67 und hat ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich. „Jeden Tag Konferenzen. Als ich in Rente gegangen bin und plötzlich mit den drei Katzen daheim war, musste ich mir was überlegen.“ Der Kontakt zu den Leuten ist ihm wichtig. Das Geld nicht so sehr. 6000 Platten hat er in seinem Haus in Stuttgart, mit 1200 Stück fährt er durch die Lande, alle einzeln gewaschen und in Plastiküberzüge gesteckt. Eine wertvolle, tonnenschwere Fracht, viel zu schleppen. Und der Rücken? „Scheiße.“

Wie verkaufe ich meine Platten? Vor Jahren habe ich sie in den Second-Hand-Laden getragen. Kann man machen. Da bekommt man zwei Euro pro Stück. Muss nicht sein. Also Börse. Die in der Frankfurter Jahrhunderthalle war schon einen Monat zuvor ausgebucht. Also Offenbach. Der Veranstalter ist derselbe, Wolfgang Korte, genannt Wolly, ein Mann mit großem Organisationstalent und noch mehr Gemütsruhe.

Dann: Welche Platte zu welchem Preis? Und von welcher meiner etwa 250 Herzensangelegenheiten kann ich mich keinesfalls trennen? Erster Durchlauf: Knapp 50 können weg, von 200 werde ich mich keinesfalls trennen.

So geht das nicht. Überleg mal. Du hast alle deine Platten digitalisiert. Nächtelang hast du dagesessen, die Alben in den Computer laufen lassen, auf CDs gebrannt, die CDs in Mp3-Dateien verwandelt. Du hast alle deine Lieder sicher und Kopien auf der externen Festplatte. Du brauchst das Vinyl nicht mehr. Aber …

Nix aber.

13.30 Uhr: Fachgespräche. Rolfs Schallplattenwaschmaschine (ja, eine Schallplattenwaschmaschine!) „saugt von unten“, was auch immer das bedeutet. „Meine saugt von oben“, sagt der Mann auf der anderen Seite. „Laut! Ich habe dabei Ohrenschützer auf.“ Es gebe sogar Apparaturen, die verbogene Scheiben wieder gerade machen. „Und was kost’ das Gerät?“, fragt Rolf. „Ei ja, 2000 Euro.“ Wie gesagt: Freaks.

Ich soll die Preisschilder umstellen, sagen die Profis: hinter die Platten, nicht davor. Ob das plausibel ist, frage ich den nächsten Kunden. „Ja, ist besser“, sagt er. Und geht weg, ohne was zu kaufen. Ich sehe von hinten sowieso nicht, aus welchem meiner Fächer die Leute eine LP ziehen: fünf, sieben oder zehn Euro. Egal. Alles Verhandlungssache.

14.15 Uhr: Hunger. Notiz an mich selbst: Käsebrot NICHT stundenlang zusammen mit dem Pullover im Rucksack lassen.

14.30 Uhr: Betrieb lässt stark nach jetzt. Ich schaue mich mal um. Hui: Da drüben bietet jemand ein Werk der Band Out of Focus (Krautrock) für 500 Euro an. Und „Red Sea“ von Warhorse für 350. Eine einzelne Schallplatte! Oder hier: eine Single von David Bowie, „The Prettiest Star“, für sage und schreibe 40 Euro.

Bei Rolf sind gerade „die berühmten Russen“, flüstert er mir zu. Die kaufen überall und bieten die Ware dann teuer im Internet an. Kraut-rock, heißt es, gehe gerade wie geschnitten Kohl im Netz. Der Russe telefoniert beim Blättern in den Plattenstapeln.

Der Lärmpegel ist schon immens in der Halle. Andy am Nachbarstand schaut mich an, Bruder im Geiste, wir verdrehen genervt, aber grinsend die Augen. Überall läuft Musik, vorne „Johnny B. Goode“, hinten „Shine On You Crazy Diamond“. Drei Meter weiter schaut Mutti jetzt eine Comedy auf dem Smartphone an, bei voller Lautstärke. Ihr Gatte führt Verkaufsverhandlungen: „Ich gebe ihnen auch eine Tüte dazu. Oder eine CD von Mariah Carey!“ – „Nee, danke.“

Richtig schöne Plattenbörsen hat Andy erlebt, in Belgien, Holland, dreitägige Festivals mit Livemusik. „Da kommen dann ganze Familien mit Kindern hin, eine tolle Stimmung ist das.“

16 Uhr: In Offenbach war es eher nüchtern und geschäftig. Der Markt ist aus, wir gehn nach Haus, rabimmel, rabammel, rabumm. Nicht mal Chaos auf dem Parkplatz. Mit den Einnahmen bin ich auch ganz zufrieden. Es ist zwar deutlich weniger, als andere Leute mit nur einer einzigen Warhorse-LP einnehmen, aber hey: Ich hab’ meine Unkosten wieder raus. Und schleppe die meisten Platten wieder mit nach Hause, einschließlich Weißem Album und Frankie. Vielleicht biete ich die jetzt mal im Netz an. Das Internet hat zwar den Markt und die CD getötet – aber irgendwer muss die beiden ja rächen.

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