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Gefäße für Pizza und Burger gesucht

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Von: Madeleine Reckmann

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So könnte eine nachhaltige Verpackung aussehen.
So könnte eine nachhaltige Verpackung aussehen. © PantherMedia / Gamjai

Restaurants und Lieferdienste müssen demnächst Mehrweggeschirr für Speisen zum Mitnehmen anbieten. Umweltministerium strebt deutschlandweit einheitliches System an.

Kunststoff oder Edelstahl? Durchsichtig oder farbig? Mit oder ohne Füllstrich und mit oder ohne Trennsteg? Aaron Bühler, Geschäftsführer der vier unter Wiesbaden-eats firmierenden Restaurants, steht vor schwierigen Fragen. Von Januar 2023 an müssen Betriebe, die Speisen und Getränke zum Mitnehmen verkaufen, ihren Kunden neben Einwegverpackungen auch wiederverwendbare Becher, Schüsseln und Teller anbieten. Dazu zählen Restaurants, Pizzerien, Lieferdienste, Café-Bars, Caterer-Unternehmen oder heiße Theken. Bühler hat sich bereits intensiv mit den Angeboten beschäftigt. Sein Fazit: „Wir haben noch kein System gesehen, das unsere Gerichte präsentiert, wie wir uns das vorstellen“.

Zu seinem Unternehmen zählen eine Pizzeria und ein Burger-Restaurant, für deren Speisen jeweils besondere Gefäße nötig sind. Die im Handel erhältlichen Schüsseln sind für die Burger zu breit; Brötchen und Fleischklops würden beim Transport verrutschen und an Appetitlichkeit verlieren, klagt Bühler. Für die Pizzas gebe es noch keine passenden Behältnisse. „Wir machen eine neapolitanische Pizza mit dünnem Boden und großem dicken Rand“, erklärt er. Er habe noch keine Mehrweg-Verpackung gefunden, die dafür geeignet wäre.

Ein eigenes Pfandsystem

Für seinen Imbiss, der verschiedene Speisen und Tapas anbietet, bräuchte er zudem Schüsseln in ganz anderen Größen. Da Bühler auf dem Markt kein geeignetes System findet, überlegt er, ein eigenes Pfandgeschirr zu entwickeln. Aber eigentlich wünscht er sich ein einheitliches System für die ganze Stadt. Denn das würde den Kunden die Rückgabe erheblich erleichtern.

Mehrwegverpackung

Die Richtlinie der Europäischen Union zur Verringerung bestimmter Kunststoffprodukte in der Umwelt tritt am 3. Juli 2019 in Kraft. In Deutschland regelt die Novelle des Verpackungsgesetzes die nächsten Schritte. Für Letztvertreiber:innen gilt, vom 1. Januar 2023 an Mehrwegverpackungen als Alternative für To-go-Waren anzubieten. Dies soll Abfälle vermeiden, Rohstoffe sparen und die Umwelt schützen.

Die Regelung gilt für alle „Letztvertreiber:innen“, die Speisen und Getränke zum Mitnehmen anbieten. Neben Caterern, Lieferdiensten und Restaurants sind dies auch etwa Heiße Theken, Kaffee-Bars, Sushi-Bars oder Eis-Theken. Die Ware im Mehrwegsystem darf nicht teurer als die in der Einwegverpackung sein.

Ausnahmen gibt es für kleine Betriebe mit maximal fünf Beschäftigten und 80 Quadratmetern Verkaufsfläche, etwa Imbissbuden. Kleine Betriebe können ihre Pflicht zur Mehrwegverpackung auch erfüllen, indem sie von Kunden mitgebrachte Behältnisse befüllen.

Da die Verordnung Plastikprodukte reduzieren möchte, sind Verpackungen aus Pappe oder Papier ohne Kunststoffschicht ausgenommen. mre

Die Landeshauptstadt Wiesbaden hat jetzt entschieden, einen Austausch unter den Gastro-Betrieben in Gang zu setzen, um über die Vorteile eines einheitlichen Pfandsystems zu informieren. Der Vorteil wäre, dass Getränkebecher und Take-away-Gefäße für Essen flexibel bei unterschiedlichen Betrieben in Wiesbaden oder sogar anderen Städten abgegeben werden können, so die Begründung. Zudem soll über eine städtische Anschubfinanzierung nachgedacht werden.

Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gastronomieverbands Hessen, begrüßt es, wenn Kommunen die Gastronomiebetriebe finanziell unterstützen. Wenn es um die Auswahl der Anbieter gehe, wünsche er sich aber Zurückhaltung. „Es sollte nicht in den Markt eingegriffen werden. Die Unternehmen sollen selbst entscheiden, welches System zu ihnen passt“, erklärt er. Noch sei man in der „Phase der Information“. Die Anbieter von Mehrwegsystemen seien gerade „rege am Markt“. In drei großen Veranstaltungen habe die Dehoga den Mitgliedsbetrieben die Vorteile von unterschiedlichen Anbietern vorgestellt. „Es muss zum Betrieb und der Kundschaft passen“, sagt Wagner. Es sei also viel zu bedenken.

Zumal Mehrweggeschirre weitere Fragen mit sich bringen: Wie soll das Pfandsystem organisiert werden? Haben Kund:innen bei der Ausgabe ein Pfand zu zahlen oder zahlen sie erst bei Nicht-Rückgabe, was eine App voraussetzen würde? Wagner zählt eine Reihe weiterer Probleme auf: Soll die App über die Annahmestellen informieren? Und wie viele Spülgänge müssen die Gefäße aushalten: 200 oder 3000? Wo werden sie gereinigt? Und wie groß ist der CO2-Fußabdruck, wenn die Gefäße nicht im Restaurant, sondern beim Pfandsystem-Anbieter gereinigt werden? Ein Mehrweg-Geschirr einzuführen, so hört es sich an, ist eine komplizierte Angelegenheit.

Mehrweg muss einfach sein

Gemeinsam mit dem Umweltministerium arbeitet die Dehoga an einer Handreichung für Kommunen, die an die Gastronomen weitergereicht werden kann. Grundsätzlich plädiert Wagner für ein einheitliches Mehrwegsystem. Und das nicht nur innerhalb einer Stadt. „Das Beste wäre ein großes Kreislaufsystem für ganz Deutschland“, sagt Wagner. Dann könnten etwa Kund:innen in Wiesbaden einen Kaffee to go kaufen und den Becher in Frankfurt oder Berlin abgeben. Dies ist auch die Auffassung der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Hessen hat bei der Verbraucherschutzministerkonferenz Mitte Juni in Weimar einen entsprechenden Vorschlag eingebracht. „Wir bitten die Bundesregierung darum, Möglichkeiten der Standardisierung und Erweiterung der Rücknahmepflichten sowie die Einführung eines Pfandsystems zu prüfen und entsprechende Vorschläge zu erarbeiten“, teilt das Ministerium in Hinz’ Namen mit. Mehrwegangebote sollten am Ende in der Praxis so verbraucherfreundlich wie möglich sein. Mehrweg müsse genauso günstig und komfortabel sein wie Einweg. Ein deutschlandweites System aber, so Wagners Einschätzung, ist Zukunftsmusik. „Aber es ist das Ziel.“ Bis dahin müssen sich die Unternehmer:innen und Kommunen Gedanken machen.

Es gibt zu viel Verpackungsreste, hier von Fertigmahlzeiten. epd
Es gibt zu viel Verpackungsreste, hier von Fertigmahlzeiten. epd © epd-bild/imageBROKER/Jochen Tack

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