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Gefährliche Spiele im Wehrmachtsbahnhof

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Von: Claudia Kabel

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Manche, vermutlich meist jüngere Besucher, sehen das Gelände als tollen Abenteuerspielplatz.
Manche, vermutlich meist jüngere Besucher, sehen das Gelände als tollen Abenteuerspielplatz. © Renate Hoyer

Jugendliche bringen sich auf dem ehemaligen Munitionsdepot bei Münster regelmäßig in Lebensgefahr. Jetzt werden Bahnhof und Heizkraftwerk abgerissen.

Der Geocache lag im Schlot des 40 Meter hohen Schornsteins des alten Heizkraftwerks aus dem zweiten Weltkrieg. Nur über eine verrostete Leiter an der Außenwand zu erreichen. „Lebensgefährlich“, sagt Matthias Pollmeier, stellvertretender Betriebsleiter des Bundesforstbetriebs Schwarzenborn und Projektleiter beim Liegenschaftsverwalter, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

In den vergangenen Jahren habe man „zunehmend mit Jugendlichen zu tun, die Abenteuer spielen wollen“. Was eignet sich dazu besser als ein sogenannter Lost Place – ein verlassener Ort – wie der ehemalige Wehrmachtsbahnhof auf dem Muna-Gelände in Breitefeld bei Münster in Internetforen genannt wird?

Der vom Reichsarbeitsdienst 1939 erbaute Güterbahnhof lockt heute Abenteurer, Paintballspieler und sonstige Lebensmüde an. Kein Wunder: Dunkle, weitverzweigte Gänge, zahlreiche kleinere Räume und größere Hallen – garantieren Gruselfeeling mitten im wildwuchernden Wald.

Die maroden Gebäude sind krakenförmig auf dem etwa einen Hektar großen Bereich angesiedelt. „Alles ist komplett unterkellert“, sagt Bundesförster Harald Fuhrländer. Auch Kriechgänge gibt es, die als Fluchtwege einige Dutzend Meter in den Wald führen. Rote Markierungen an den Bäumen rundherum zeigen, wo die teils eingestürzten unterirdischen Fluchtwege enden. Sie stehen allerdings, wie die Kellerräume, unter Wasser. Vom Hauptgebäude zweigen vier Gänge – die Sektionen A bis D – ab, wie Schriftzüge der Amerikaner zeigen.

„Die Amerikaner nutzten die Räume auf eine rustikale Art“, sagt Fuhrländer und zeigt auf ein großes Loch, das als Öffnung in die Wand gesprengt wurde. Sie verlegten neue Stromkabel und schlossen Ölöfen an, denn das alte Heizkraftwerk funktionierte nicht mehr. Es sei von der Wehrmacht genutzt worden, um Strom für die Munitionsherstellung zu erzeugen, so Pollmeier. Sämtliche Überbleibsel aus der Nazizeit sind entfernt oder überpinselt worden. Nur in den ehemaligen Toiletten steht noch gut leserlich: „Spülung langsam ziehen nicht reißen“.

Von der Nazizeit zeugen höchstens noch ein Heizkörper oder eine Lampenfassung. Vielleicht ist dies ein Grund, warum der Muna-Bahnhof „kein Schwerpunkt“ für rechtsnational gesinnte Gruppen ist, wie Pollmeier sagt.

Dass aber Jugendliche hier regelmäßig herkommen, beweisen die mannigfaltigen Graffitisprühereien an den Wänden, leere Bierflaschen, Getränkedosen und sonstiger Unrat.

In einem Gang hat jemand aus alten Möbeln der Amerikaner eine Art Parcours zum Paintball- oder Gotchaspielen aufgebaut. Der Gang ist übersäht mit feiner Plastikmunition von Softairpistolen, auf der man leicht ausrutschen kann.

Kleckse von Duellen mit Farbkanonen zieren die Wände. Das ehemalige Büro des Sergeants wurde angezündet. Davon zeugt ein Haufen verbrannter Holzmöbel. „Obwohl wir Tag und Nacht vor Ort sind, entdecken wir immer neue Sachen“, sagt Fuhrländer. Gerade hat irgendjemand die Außenumrandungen der Fenster einer Sektion in Neongrün angesprüht. Pollmeier zeigt draußen auf dem schlammigen Weg, neben dem früher Gleise verliefen, auf frische Spuren eines Motorrads: „Das macht mich echt sauer!“

Denn die Möglichkeit, dass hier ein Jugendlicher aus Abenteuerlust den Tod findet, ist für Pollmeier ein Alptraum. Die alten Gebäude sind nicht nur baufällig und bergen zahlreiche Absturzgefahren. Das 250 Hektar große Areal ist auch mit Munition verseucht.

In der Munitionsanstalt (kurz Muna) der deutschen Luftwaffe wurde während des zweiten Weltkriegs Munition hergestellt, gelagert und am depoteigenen Bahnhof verladen.

Als die Amerikaner 1945 in Münster einmarschierten – nicht wissend, dass es die Muna überhaupt gab –, sprengte die Wehrmacht ihre Bestände, damit dem Feind nichts in die Hände fallen sollte. Der Effekt: Das hochexplosive Material wurde über das gesamte Gelände verteilt, zahlreiche Sprengtrichter entstanden, die sich mit Wasser füllten und heute als Teiche Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen bieten.

Nach dem Krieg nutzte die US-Army das Areal samt seiner Gebäude als Munitionsdepot und später als Nachschubdepot für Sonderwaffen, wo auch Nuklearsprengköpfe gelagert worden sein sollen. Während des ersten und zweiten Golfkriegs hätten die Amerikaner den Bahnhof noch genutzt, so Fuhrländer. 1995 gaben sie das Depot samt Kaserne auf. Der letzte Zug fuhr 1997 Richtung Eppertshausen ab.

Seitdem wurden bereits 150 Tonnen Wehrmachtsmunition geräumt: Granaten, Flugabwehr- und Leuchtspurmunition. Doch der größte Teil des Geländes ist weiterhin mit Munition verseucht. „Wenn da ein Jugendlicher drauftritt und verletzt wird, werden wir haftbar gemacht“, sagt Pollmeier. Denn der Eigentümer, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, habe die Verkehrssicherungspflicht. Früher habe es ausgereicht, solche Gebiete einzuzäunen, doch in Zeiten des Internets würden sich Jugendliche immer öfter hier verabreden. „In dem Moment, wo wir davon Kenntnis haben, liegt es in unserer Verantwortung“, so Pollmeier. Deshalb ist er froh, dass das Regierungspräsidium Darmstadt jetzt grünes Licht für den Abriss des alten Bahnhofs und des Heizkraftwerks gegeben hat. Das Zentraldepot mit Überwachungsturm wurde bereits vor Monaten abgerissen. Damit sei der Weg frei für das Wisentgehege, das hier im Frühjahr 2019 entstehen soll.

Den Abriss übernehmen laut Pollmeier regionale Firmen im Auftrag des Landesbetriebs Bau und Immobilien für 650 000 Euro. Gestartet wird Ende April. Danach soll das Gelände eingeebnet und mit einem Unterstand für die Fütterung und tierärztliche Betreuung der Wisente versehen werden. „Die wilden Rinder werden als Abschreckung gegen das illegale Betreten dienen“, ist Pollmeier überzeugt. Dass diese selbst verletzt werden könnten, hält er indes für unwahrscheinlich: Im Gegensatz zu Jugendlichen seien Tiere nicht risikofreudig und würden einen seltsamen Gegenstand meiden, statt ihn aufzuheben. Damit trotzdem niemand unbefugt das Gelände betritt, werde derzeit gemeinsam mit der Gemeinde Münster eine Gefahrenabwehrverordnung erstellt. Denn die Bundesbehörde habe zwar die Sicherungspflicht, sei aber hier nicht hoheitlich tätig, erklärt Pollmeier.

Geplant sei, das Wisent- und Wildpferdgehege für die Öffentlichkeit zumindest in begleiteten Führungen zugänglich zu machen. Von den ehemaligen Militärgebäuden werden dann nur noch einige überirdische Bunker verblieben sein, die als Ausstellungs- oder Aufenthaltsräume genutzt werden. Alles andere geht an die Natur zurück.

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