Gedenken an Opfer

Trauerfeier nach Anschlag in Hanau: Tausende stehen zusammmen

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Hanau gedenkt der Opfer des rassistischen Terrors: Rund 2500 Menschen verfolgen die Trauerfeier auf den Videowänden - und senden ein Zeichen.

  • Am 19. Februar erschütterte ein rassistisch motivierter Terror-Anschlag Hanau
  • Neun Menschen mit Migrationshintergrund und die Mutter des Täters wurden durch Schüsse ermordet
  • In Hanau kamen nun tausende Menschen zur zentralen Trauerfeier, um der Opfern zu gedenken

Hanau - Die beiden Plätze in der Hanauer Innenstadt mit den großen Videowänden, auf denen die Übertragung der zentralen Trauerfeier aus dem Congress Park live zu sehen ist, haben sich nur zögerlich gefüllt. Etwa 2500 Mensche n mögen es schließlich sein, die gemeinsam der Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar gedenken.

Das sind deutlich weniger, als von den Veranstaltern erwartet. Es mag der kalte Regen gewesen sein, vielleicht die Angst vor dem Coronavirus oder die Möglichkeit, auch am heimischen Monitor dem Geschehen folgen zu können, die einem größeren Andrang entgegenstanden. Glaubt jedenfalls Bernd Michel vom Organisationsteam der Stadt.

Trauerfeier in Hanau: Casandra Steen singt „Gib mir mein Leben zurück“

Jene, die gekommen sind, verharren mit ernsten Gesichtern in der einbrechenden Dämmerung, viele zu zweit oder in kleinen Grüppchen, manche halten einander die Hände, als die Soulsängerin Casandra Steen zur Eröffnung der Trauerfeier singt „Gib mir mein Leben zurück“.

„Wir sind hier, weil es so traurig ist, was passiert ist“, sagt Samia. Die 13-Jährige steht mit ihrer Freundin Melda (14) direkt neben dem Denkmal für die Brüder Grimm, die in Hanau geboren sind. Der Sockel des Denkmals ist über und über mit Blumen, Kerzen, Briefen und anderen Beileidsbekundungen bedeckt. „Wir sind einfach da“, sagt Melda, „weil wir mittrauern wollen.“

Birgitta Degoutrie (67) ist in ihrem Stadtteil Steinheim Vorsitzende des Carneval-Vereins. Zum Feiern war ihr an Fastnacht kaum zumute. „Wir wollen heute Solidarität zeigen vor allem mit den Angehörigen der Opfer in ihrer Trauer, zeigen, dass es wichtig ist, jetzt zusammenzustehen“, erzählt sie. Dieser Gedenktag, der solle kein Abschluss sein, sondern ein Beginn.

Trauerfeier in Hanau: Den anderen ansehen, auch das kann Angst abbauen

Sie hofft, dass es den Menschen in der Stadt, den verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit und ohne Migrationsgeschichte, gelingen möge, sich mehr als bisher zu begegnen. „Wir müssen auf die anderen zugehen, und sie müssen sich mehr für uns öffnen“ sagt Birgitta Degoutrie.

„Ich bin erschüttert, das so etwas bei uns, so nahe, passieren konnte“, sagt Margarete Jorda (62). Ja, es habe sich etwas verändert in der Stadt. „Ich habe den Eindruck, dass die Menschen sich mehr ins Gesicht schauen, dass sie sich bemühen, sich freundlicher zu begegnen“, sagt sie. Das Gegenüber anzusehen, wohlwollend, das sei auch ein Mittel, gegen die Verunsicherung und Angst anzugehen.

Trauerfeier in Hanau: Die Opfer waren keine Fremden“

Während der Reden, die aus dem Congress Park übertragen werden, bleibt es auf den Plätzen in der Innenstadt ganz ruhig. Kaum jemand spricht, nur wenige laufen umher, selbst die allermeisten Handys bleiben in den Hosen- oder Manteltaschen. Kaum jemand scheint ein Foto oder einen Video zu benötigen, um zu dokumentieren, dass er hier war.

Den ganzen Tag über ist es in der Stadt auffallend ruhig gewesen. Am Heumarkt, wo die ersten Opfer von Tobias R. starben, haben immer wieder Menschen Kerzen aufgestellt und Blumen abgelegt. Viele Geschäfte haben schon am frühen Nachmittag geschlossen oder gar nicht erst geöffnet, wie ein Juwelier in der Fahrstraße, „als Zeichen der Anteilnahme“, wie auf einem DIN-A-4-Blatt steht. Jene, die geöffnet blieben, sind auffallend leer. In vielen Schaufenstern hängen die von der Stadt verbreiteten Plakate mit Kerzen und der Aufschrift „Wir sind alle gleich“ oder „Die Opfer waren keine Fremden“.

Trauerfeier in Hanau: Sicherheitsaufgebot ist groß, es bleibt friedlich

Sema Güven (42) und ihr Mann sind extra für diesen Tag aus Innsbruck angereist, wo sie die letzten Wochen verbrachten. Güvens Familie stammt aus Ost-Anatolien, wie sie erzählt, sie aber ist in Innsbruck geboren und mit 18, „der Liebe wegen“, nach Hanau gezogen. „Wir sind Hanauer, wir lieben diese Stadt, unsere Tochter ist hier geboren“, sagt sie. Die Familie ihres Mannes lebe hier seit mehr als 50 Jahren. „Nie hätte ich erwartet, dass hier so etwas passieren kann.“ Eines der Opfer, Ferhat, war der Sohn eines guten Freundes, ein anderer, Fatih, lebte in der Nachbarschaft. Auch sie haben Blumen am Denkmal der Brüder Grimm abgelegt. Einige der Lichter, die die Menschen hier abgestellt haben, leuchten in die anbrechende Nacht hinein.

Die Polizei hat die Zufahrtswege zu den zentralen Versammlungsorten mit Müllfahrzeugen blockieren lassen. Ein von der Stadt beauftragter privater Wachdienst hat die Zuschauer und Zuschauerinnen beim Einlass auf die Plätze kontrolliert. Die Polizissten haben sich während der gesamten Veranstaltung im Hintergrund gehalten, auch wenn das Bemühen um größtmögliche Sicherheit ob der großen Zahl der rundum abgestellten Einsatzfahrzeuge nicht zu übersehen ist.

Trauerfeier in Hanau: Die Trauer war tief, die Anteilnahme ernst

Es ist alles ruhig geblieben an diesem Abend. Niemand war nach Krawall zumute. Die Trauer war tief, die Anteilnahme ernst. Der Anschlag hat die Stadt verändert. 2500 Menschen haben an diesem Tag gezeigt, dass sie zusammenstehen wollen.

Am Rande des Platzes wehen drei Flaggen im schwachen Wind. Es sind die deutsche Fahne, die hessische und die Hanauer, auf der groß das Stadtwappen prangt. Die Opfer waren keine Fremden, es waren Hanauer, scheint das zu bedeuten.

Von Peter Hanack

Die Kurdische Gemeinde Deutschland beklagt einen ursprünglichen Ausschluss von der Trauerfeier für die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau. Sie mutmaßt über den Einfluss türkischer Regierungsvertreter.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Andreas Arnold

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