Wiesbaden Gedenken Die Aktionskünstlerin Katharina Müller sammelte 500 Schuhe, um an ertrunkene Flüchtlinge zu erinnern.
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Die Aktionskünstlerin Katharina Müller sammelte 500 Schuhe, um an ertrunkene Flüchtlinge zu erinnern.

Wiesbaden

Gedenken an Geflüchtete

  • vonMirjam Ulrich
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Die Bewegung Seebrücke Wiesbaden und der Flüchtlingsrat fordern die Stadt zum Handeln auf.

Ein einzelner Flip-Flop, rot-weiß gestreift mit kleinen blauen Ankern erinnert an ihn: „Junior, 29 Jahre alt, ertrunken im Mittelmeer am 4. Februar 2018“, steht auf einem schmalen Papierstreifen, der an dem Badelatschen hängt. Ein paar Schritte weiter steht ein rosafarbener Clog mit Schmetterlingen, Ranken und Glitzer in Größe 22. Er gemahnt an ein Kind, das am 11. Januar dieses Jahres ertrank.

Wie bei den meisten ertrunkenen Flüchtlingen bleibt sein Name unbekannt. Rund 500 Badesandalen und Gummischuhe hat die Darmstädter Aktionskünstlerin Katharina Müller gesammelt, um zumindest einem Teil der Menschen zu gedenken, die zwischen 2018 und April 2020 auf der Flucht über das Meer umkamen. Mit dieser Kunstaktion bei einer Kundgebung auf dem Dern’schen Gelände am Samstagnachmittag wollen der Flüchtlingsrat sowie die Seebrücke Wiesbaden ihrer Forderung Nachdruck verleihen, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

„Ich finde es absurd, dass es in Frage gestellt wird, ob man Menschenleben rettet“, begründet das Frauke von Seebrücke Wiesbaden, die ihren vollständigen Namen in der Zeitung nicht lesen will. „Für mich ist es klar, dass man das tut und ihnen dann auch hilft.“ Die 18-Jährige hat die Gruppe Ende Juni initiiert, bislang zählt sie 15 Mitglieder — vom 16-jährigen Schüler bis zu jungen Berufstätigen. Alle 14 Tage treffen sie sich zum Plenum mit Abstand im Freien. Die Kundgebung ist die erste Aktion der Wiesbadener Gruppe, weitere sollen folgen. Für die Protestveranstaltung malten sie am Abend vorher eigens Abstandsmarkierungen auf das Pflaster des Dern’schen Geländes und kündigten eine Maskenpflicht an.

Seebrücke 

Die Bewegung gründete sich im Juni 2018 als das Seenotrettungsschiff „Lifeline“ mit 234 Menschen an Bord in keinem europäischen Hafen anlegen durfte und daher tagelang auf hoher See ausharren musste.

Bundesweit gibt es aktuell 123 Lokalgruppen, die Bewegung ist international in insgesamt sechs europäischen Ländern vertreten.

In Wiesbaden ist die Lokalgruppe per E-Mail über wiesbaden@seebruecke.org zu erreichen. Zudem ist sie auf Facebook sowie Instagram zu finden:

www.instagram.com/seebruecke_wiesbaden. miu

Die gut 50 Teilnehmenden halten sich daran. Einige Passanten bleiben jedoch spontan und daher ohne Maske am Rand stehen, um bei der Lesung von vier der „Briefe an die Welt aus Moria“ zuzuhören. Verfasst hat sie Parwana Amiri aus Afghanistan. Die 16-Jährige strandete auf der Flucht 2019 mit ihrer Familie zunächst im Flüchtlingslager Moira auf Lesbos, in dem 17 000 Menschen vegetieren, obwohl es nur für 3000 ausgelegt ist. Diese Briefe hat Seebrücke Wiesbaden auch auf 60 Plakate gedruckt und in den vergangenen Wochen in der Stadt aufgehängt. Tatsächlich schloss sich die Landeshauptstadt bereits Mitte Dezember 2018 einer Initiative der Städte Düsseldorf, Köln und Bonn an, um Geflüchtete aus der Seenotrettung im Mittelmeer aufzunehmen.

Wiesbaden zählt zu den inzwischen 169 „sicheren Häfen“ in Deutschland. Im Mai 2020 erklärte sich die Stadt gemeinsam mit dem Land Hessen zudem bereit, bis zu 100 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus griechischen Flüchtlingslagern zusätzlich aufzunehmen. Doch bislang ist das nicht geschehen. Als Grund nannte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) am Donnerstag auf Anfrage der Frankfurter Rundschau die „restriktive Flüchtlingspolitik“ der Bundesregierung, die nur eine kleine Zahl ins Land lasse.

„Oberbürgermeister Mende muss deutlich gegen Seehofers Entscheidung protestieren“, fordert Frauke von Seebrücke Wiesbaden. Sonst sei die Bezeichnung „sicherer Hafen“ nichts wert. Ohnehin sei die Anzahl von 100 zusätzlichen Flüchtlingen viel zu gering, ergänzt Bettina Lehmann vom Flüchtlingsrat Wiesbaden. Sie kennt Fälle, in denen Kinder von ihren Eltern oder Familien voneinander getrennt sind, weil sie in Griechenland festsitzen. Sie fordert ein großzügigeres Landesaufnahmeprogramm, um jährlich 1500 geflüchtete und besonders verletzliche Menschen nach Hessen zu lassen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verbot vergangene Woche Thüringen, 500 zusätzliche Flüchtlinge aus den griechischen Lager aufzunehmen, nachdem er bereits das Aufnahmeprogramm des Landes Berlin verhinderte. „Dass Seehofer das von deutscher Seite so aktiv blockiert, empört mich“, sagt Frauke. „Anstatt Teil der Lösung zu sein, ist Deutschland Teil des Problems.“

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