Mehrere Hundert Menschen halten bei der offiziellen Gedenkveranstaltung Schilder mit den Fotos von Opfern in den Händen.
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Mehrere Hundert Menschen halten bei der offiziellen Gedenkveranstaltung Schilder mit den Fotos von Opfern in den Händen.

Kundgebung

Hanau: Gedenken trotz Pandemie

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Angehörigen der Opfer des Anschlags in Hanau vor einem halben Jahr fordern unabhängige antirassistische Stellen und den Rücktritt von Innenminister Peter Beuth. 250 Menschen versammeln sich auf dem Freiheitsplatz.

Vili Viorel Paun trifft um 21.53 Uhr auf seinen Mörder. Er kam gerade von der Arbeit und suchte einen Parkplatz, erzählt sein Vater. Der Attentäter von Hanau schießt dreimal auf Pauns Auto, viermal ruft Paun die Polizei an, aber er kommt nicht durch. Er versucht offenbar noch, mit seinem Auto den Weg des Attentäters zu blockieren, ihn zu stoppen. „Mein Sohn fand seinen Tod am Kurt-Schumacher-Platz“, sagt sein Vater.

Sedat Gürbüz liebte den Sommer, erzählt Marion Bayer, eine Freundin von Sedats Mutter Emis. Sie selbst hat heute keine Kraft über ihren Sohn zu sprechen, deswegen liest Bayer Emis Rede vor. „Sedat war unser erstes Kind. Wir sind kaputt, dieses Land hat uns zu Opfern gemacht. Sedat liegt jetzt unter der Erde, dort wo kein Licht hinkommt. Der Friedhof ist mein Wohnzimmer geworden.“

Es ist still am Samstagnachmittag auf dem Freiheitsplatz, als Angehörige und Freunde über ihre Brüder, Kinder, Schwestern, Freunde reden, über Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Was die Angehörigen eint ist der gemeinsame Schmerz. Sie befürchten, dass die Tat nie ganz aufgeklärt wird und die Namen der Opfer in Vergessenheit geraten. Manche Familien fordern, dass Deutschland endlich aufwachen müsse im Umgang mit Rassismus. Andere betonen deutlich, dass auch sie Deutsche seien.

250 Menschen sind an diesem Samstagnachmittag auf den Freiheitsplatz in die Hanauer Innenstadt gekommen, um der Opfer vom 19. Februar zu gedenken, um sich für eine lückenlose Aufklärung und für einen entschlossenen Kampf gegen Rassismus starkzumachen. Während der Kundgebung halten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Schilder mit den Gesichtern der neun Ermordeten in den Händen, tragen weiße T-Shirts mit deren Namen und dem Hashtag #SayTheirNames.

„Noch heute blutet mein Herz, wenn ich an den Tag zurückdenke.“

Carlos Manuel Martos, Freund eines der Opfer

Eigentlich wollten 3000, 4000 oder vielleicht sogar 5000 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik durch die Straßen von Hanau ziehen. Doch am Freitagabend wurde die Demo von der Stadt verboten, weil die Zahl der Neuinfizierten je 100 000 Einwohner im 7-Tage-Rückblick in Hanau auf 49 hochgeschnellt ist. Tags zuvor lag diese Zahl noch bei 36. Es sei nicht zu verantworten, mit einer Demonstration von bis zu 5000 Menschen zur weiteren Ausbreitung der Pandemie beizutragen, hieß es vonseiten der Stadt.

Die Veranstalterin der Kundgebung, die „Initiative 19. Februar“, reagierte prompt und verhandelte mit der Stadt, in welchem Rahmen die Kundgebung doch stattfinden könne. Innerhalb weniger Stunden solidarisierten sich am Freitagabend bundesweit antirassistische Initiativen und Kollektive, die für die Demonstration mobilisierten und kündigten an, den Livestream von der Kundgebung am Freiheitsplatz in ihren Städten auf zentralen Plätzen auszustrahlen. Allein in Frankfurt gab es elf Kundgebungen, bundesweit waren es über 50 Städte, die sich daran beteiligten, wie Newroz Duman von der Initiative sagte.

Immer wieder bedanken sich die Angehörigen auf der Bühne für diese Solidarität, dass sie nicht alleine sind. Immer wieder betonen sie lautstark, dass Rassismus keinen Platz in dieser Gesellschaft habe, das Rassismus die Gesellschaft vergifte. „Ihr Tod muss das Ende von Rassismus sein und der Anfang ohne Rassismus“, sagt Nesrin Unvar, die Schwester des getöteten Ferhat. Und sein kleiner Bruder Mirza ergänzt: „Jeder Mensch ist gleich, niemand braucht Waffen. Ruhe in Frieden.“

Ein Freund von Ferhat Unvar betritt die Bühne. „Es fällt mir schwer, heute hier zu sein“, sagt Carlos Manuel Martos mit zittriger Stimme. Täglich schaue er auf sein Smartphone und warte auf Ferhats Nachricht, dass sie rausgingen und über Gott und die Welt redeten. „Noch heute blutet mein Herz, wenn ich an den Tag zurückdenke“, sagt er.

Alle Verantwortlichen, die versagt hätten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden, fordert Çetin Gültekin, der Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin. Er hält eine kämpferische Rede, reißt die Menschen am Friedensplatz mit. „Wir brauchen unabhängige antirassistische Stellen bei der Polizei. Es muss endlich eine komplette Entnazifizierung in den Behörden und im Bundestag geben.“ Gültekin fragt, warum der rassistische Mörder und sein Vater mehrere Jahre Dauergäste beim Amtsgericht gewesen seien. „Wie kann es sein, dass er seinen Waffenschein behalten konnte? Und dass er sogar noch einen internationalen Waffenschein bekommen hat?“ Gültekin sagt weiter: „Wir erleben eine Kette des Versagens, vor, während und nach des Anschlags. Wir fordern deshalb den Rückritt von Innenminister Peter Beuth.“ Dafür erntet Gültekin lautstarken Applaus auf dem Friedensplatz.

Es wird eine Mammutaufgabe der Polizei und der staatlichen Behörden sein, nur ansatzweise das Vertrauen der Betroffenen und Angehörigen zurückzuerlangen, ja, vielleicht wird es sogar nie gelingen. Piter Mannemann wird der Polizei wohl nie mehr vertrauen können. Er war am 19. Februar in der Midnight Bar, gemeinsam mit seinen Freunden. Er hat als Einziger den Anschlag überlebt.

„Am Tag, als meine Freunde erschossen wurden, hat die Polizei mich nicht ernst genommen“, sagt er. Mannemann erzählt, wie er an dem Abend aus der Midnight Bar rannte und noch den Attentäter sah. Er merkte sich das Autokennzeichen und rief die Polizei. „Der Attentäter benötigte 12 Minuten und hatte dann noch 300 Schuss Munition. Eine Stunde nach meinem Anruf kam die Polizei. Was hätte in dieser Stunde noch alles passieren können?“, fragt sich Mannemann. Er erzählte den Beamten, dass Menschen erschossen wurden. „Ich hatte das Gefühl mit einer Wand zu reden. Erst nach zehn Minuten sind die Polizisten in die Bar gerannt.“

Als dann jemand aus dem Fenster gegenüber der Midnight Bar rief, dass der Attentäter zurückkomme, „konnte ich die Angst in den Augen der Polizisten sehen“, sagt Mannemann.

Dann, zum Ende der Kundgebung, rufen die 250 Menschen auf dem Friedensplatz die Namen der neun Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar auf. Ihre Namen sind: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. „Wir werden nicht zulassen, dass diese Namen in Vergessenheit geraten“, sagt Duman.

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