Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Unterricht an einer Schule für Hörgeschädigte und Gehörlose.
+
Unterricht an einer Schule für Hörgeschädigte und Gehörlose.

Sprachwissenschaftlerin Helen Leuninger

„Gebärdensprache kann heilen“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
    schließen

Sprachwissenschaftlerin Helen Leuninger spricht im Interview über die Pläne für ein neues Schulfach.

Alle Schulen sollen künftig Gebärdensprache unterrichten können – auch wenn keine Gehörlosen diese Schulen besuchen. Das will der hessische Landtag am Donnerstag beschließen. Hessen war 1998 das erste Bundesland, das Gebärdensprache offiziell als das wichtigste Kommunikationsmittel von gehörlosen Menschen anerkannt hat. Zusammen mit Gehörlosen und ihren Vertretungen hat Helen Leuninger maßgeblich 1998 an der Anerkennung der Sprache mitgewirkt, unterstützt von den Grünen. Schüler und Schülerinnen können diese Sprache nun zusätzlich zu ihrem Pflichtunterricht belegen, wenn es ihre Schule denn anbietet. Das ist ein Fortschritt. Helen Leuninger, die sich seit langem für die Anerkennung der Gebärdensprache einsetzt, geht das nicht weit genug. Zumal Gebärdensprache weit mehr ist als ein Kommunikationsmittel für Menschen mit einer Hörbehinderung, wie sie sagt.

Frau Leuninger, in Hessen soll Gebärdensprache schon bald an allen Schulen als Wahlfach angeboten werden können. Freuen Sie sich darüber?
Ja, schon. Noch schöner aber wäre es gewesen, wenn sie zum Wahlpflichtfach würde. Das hätte klargemacht, dass man Gebärdensprache nicht als ein rein freiwilliges Angebot betrachtet, sondern als eigene Sprache wirklich wertschätzt und auf die gleiche Stufe wie andere Fächer stellt, beispielsweise Spanisch oder Französisch.

Hätten Sie sich jetzt mehr von der Regierungspartei Grüne erhofft, die den Antrag zusammen mit der CDU eingebracht hat? Die SPD jedenfalls will ein Wahlpflichtfach.
Ich nehme an, dass der Kompromiss, die Gebärdensprache immerhin als Wahlfach einzuführen, daran liegt, dass die Grünen zusammen mit der CDU regieren.

Kultusminister Alexander Lorz, der der CDU angehört, sagt, es gebe nicht genug interessierte Schülerinnen und Schüler. Die Nachfrage sei zu gering.
Wenn man allein die gehörlosen Schüler nimmt, mag das ja vielleicht zutreffen. Aber Gebärdensprache ist für viel mehr Personen interessant. Zum Beispiel wollen viele spätere Erzieherinnen darauf vorbereitet sein, sich in inklusiven Kindergärten mit gehörlosen Jungen oder Mädchen unterhalten zu können. Es muss aber noch nicht einmal eine inklusive Einrichtung sein. Ich kenne einen gehörlosen Erzieher, der in einem nichtinklusiven Kindergarten arbeitet. Am Anfang waren die Eltern skeptisch, ob das sinnvoll sei. Inzwischen sind sie richtig begeistert, weil dieser Mann gerade mit Kinder sehr gut zurechtkommt, die an dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom leiden.

Warum das?
Diese Kinder reagieren sehr positiv darauf, wenn mit ihnen auf diese visuelle Art kommuniziert wird. Sie konzentrieren sich darauf, sind richtig gefesselt. Es wäre gut, wenn noch mehr Erzieher das beherrschen würden. Das hat therapeutische Wirkung. Die gibt es übrigens auch noch an anderer Stelle.

Was meinen Sie?
Manche Sprachtherapeuten nutzen Gebärdensprache, um Kinder, die zwar gut hören, aber dennoch nicht sprechen wollen, zum Reden zu bringen. Sie üben mit ihnen zuerst die Gebärden, und es passiert häufig, dass die Kinder dann auch tatsächlich zu sprechen beginnen. Man kann damit die Sprechblockade aufbrechen.

Manche Eltern wollen ja auch, dass ihre Kinder Chinesisch lernen, weil das so ein interessantes fremdes System ist, dessen Erlernen die kognitiven Fähigkeiten schulen soll. Gelingt das auch mit Gebärdensprache?
Natürlich, man hat nicht nur ein anderes Sprachsystem, sondern auch eine andere Kultur. Wenn Gehörlose eine Geschichte erzählen, dann gehört zu der Sprache, dass man gedanklich zuerst eine Art Bühne aufbaut, wo man die handelnden Personen platziert. Man entwirft Ort, Zeit, das ganze Setting und hat dann die Geschichte quasi vor Augen. Gebärdensprache funktioniert nicht linear wie die gesprochene Sprache, sondern wirkt durch die Gesten dreidimensional, räumlich. Das ist auch für Nichtgehörlose spannend und bereichernd.

Sie beherrschen die deutsche Gebärdensprache?
Ja. Ich mache hier am Telefon auch ständig Gesten, wenn ich etwas erkläre, dabei können Sie das ja gar nicht sehen (lacht).

Lässt man sich in der Gebärdensprache eigentlich gegenseitig ausreden? Oder fällt man sich da auch ständig ins Wort, wie das ja viele Menschen tun?
Natürlich machen das Gehörlose auch. Man muss dann signalisieren, stopp, ich bin noch nicht fertig. Höflich ist das Unterbrechen nicht. Man kann übrigens auch lauter oder leiser kommunizieren, indem man die Größe der Gesten verändert.

Wie lange haben Sie gebraucht, die Gebärdensprache zu erlernen?
Mindestens so lange wie für eine andere Fremdsprache auch. So sieben Jahre, bis man es wirklich gut kann. Man muss neben den Gesten ja auch noch die Mimik viel stärker nutzen, als wir das als Hörende gewohnt sind. Das Problem ist nur, es gibt kein Gehörlosenland. Man kann also nicht zum Sprachurlaub fahren. Deshalb ist es wichtig, mit möglichst vielen Menschen zu kommunizieren, die ebenfalls die Gebärdensprache beherrschen.

Sie sammeln Versprecher, habe ich in Ihrer Vita gelesen. Gibt es Versprecher auch in der Gebärdensprache?
Sicher. Die können mal mehr, mal weniger lustig sein. Ich nenne das dann Vergebärdler. Es gibt da Vertauschungen von Handformen, so wie es Vertauschungen von Lauten gibt, also etwa Kussverletzungen am Schopf statt Schussverletzungen am Kopf.

Ein Beispiel?
Okay. Die Gebärde für Computer war früher ähnlich wie die für Laub. So hat dann eine junge Frau die Gebärde ein wenig verdreht und in einem Gespräch bedeutet, „ich kehre jetzt den Computer zusammen“, statt eben das Laub.

Interview: Peter Hanack

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare