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So ein richtiger Star weiß sich halt geschickt in Szene zu setzen.

Tiere in Hessen

Der Super-Star aus dem Spessart

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Gut 2000 Kilometer flog der Star, den FR-Autor Stephan Börnecke in seinem Garten im Spessart beringte.

Stephan Börnecke ist ein toller Coup gelungen. Er kann jetzt sozusagen Star-Ruhm ernten. Warum? Weil er einen Welt-Star kennengelernt hat: den am weitesten in den Osten geflogenen Sturnus vulgaris, der je in Deutschland beringt wurde. Und das kam so. 

Am 13. Dezember 2017, also vor ziemlich genau einem Jahr, verpasste Börnecke einem Star in seinem Garten im Spessart einen Ring. Das macht er öfter mal, ziemlich oft sogar, denn er lebt und arbeitet mit der Natur. Im vorigen Jahr also fand er den Star, wog ihn, vermaß ihn, beringte ihn und ließ ihn wieder frei. Anschließend ging beziehungsweise flog jeder seiner Wege, man hörte nichts mehr voneinander. 

Bis zum 7. Juni 2018. Da knallte unser Spessart-Star mit der Ringnummer „Helgoland 7971151“ gegen ein Haus. Den Aufprall überlebte er leider nicht. Und doch ist er jetzt unsterblich, denn jenes Haus steht in der Stadt Stupino – in Russland. Etwa 100 Kilometer von Moskau entfernt. Und sage und schreibe 2006 Kilometer von Flörsbachtal-Mosborn, dem Dorf, in dem Börnecke wohnt. 

Seit mehr als 100 Jahren beringen die Vogelschutzwarten in Deutschland Stare, berichtet das Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Und noch nie fand man einen Star, der so weit zu seinem Brutplatz in den Osten gezogen war. Eine Sensation also. 

Star war 2018 Vogel des Jahres

„Ich finde das großartig“, sagt der 1954 geborene Börnecke, der seit vielen Jahren für die Frankfurter Rundschau über Umwelt- und Ernährungsthemen schreibt. „Das war mein erster Vogel, der anderswo auf der Weltkugel wiedergefunden wurde – und dann gleich der weiteste überhaupt.“

Jetzt fragt sich die ornithologisch interessierte, aber im Beringen ungeübte Menschheit: Wie kriegt man denn bitte einen Ring ans Bein eines freilebenden Vogels? „Ich habe hier im Garten neun Meter Netz“, sagt Börnecke, „und draußen auf der Höhe in der Saison noch weitere 30 bis 40 Meter.“ Netze? Aber – die armen Vögel! „Nein, nein“, beruhigt der Kundige. „Die Netze geben nach, sind ganz weich, der Vogel fällt in eine Falte, und ich bin ja direkt da, um ihn zu befreien.“ Das Netz im Garten hat er vom Schreibtisch aus im Blick, die anderen lässt er während des Betriebs auch nicht aus den Augen und wenn er wegfährt, sind die Fangstationen geschlossen. 

Hauptsächlich Stare gehen Börnecke ins Netz, in diesem Jahr freilich etwas weniger. Es kommen aber auch Meisen, Rotkehlchen, Buchfinken, Goldammern und jüngst ein Mittelspecht, der vor lauter Empörung das ganze Dorf zusammenschrie, ehe er wieder losziehen durfte, einen schicken neuen Ring am Fuß. 

Das Markieren und Registrieren der Vögel auf der ganzen Welt liefert wichtige Erkenntnisse über Zugwege und Anzahl der Tiere, über das Klima und den Zustand der Ökosysteme. Die althergebrachte Methode mit den Fußringen fasziniert Börnecke nach all den Jahren immer noch. „Trotz aller modernen Errungenschaften hat die Beringung nach wie vor Sinn“, sagt er. Das ist eine Erkenntnis, so einen Vogel wiederzufinden.“ Schon wirtschaftlich ungleich günstiger als etwa Geolokatoren, die an den Tieren angebracht werden müssen, und erheblich leichter. „Die Beeinträchtigung durch den Ring ist viel geringer.“ Wobei die elektronischen Varianten natürlich mehr Daten liefern, etwa über die Routen. 

In den geraden Jahren bekommen die Vögel ihren Ring ans rechte Bein, in ungeraden ans linke. Fliegen die dann öfter mal wieder ins Netz? „Die beringten Stare nicht“, sagt Börnecke, „aber ihre Kumpels. Da funktioniert die Kommunikation nicht gut.“ Andere Arten warnten einander durchaus. So habe sich etwa eine ganze Schwanzmeisenfamilie um das Netz herum niedergelassen und das Blaue vom Himmel heruntergezetert, bis das Familienmitglied im Netz wieder frei war.

„Die Vögel, die hier im Garten wohnen, kennen das Netz“, sagt der Freund der Geflügelten. Was er übrigens nie wieder machen würde: einen Turmfalken ohne Handschuhe beringen. „Die Krallen sind furchtbar.“ 

Kurios findet Börnecke übrigens, dass der Super-Star eine Woche vor Beginn der Fußball-WM in Russland gegen die Wand flog. „Wohl in Vorahnung auf das dann Folgende“, unkt er. Ein Gespür fürs Timing hatte der weitestgereiste Star auf jeden Fall: Der Sturnus vulgaris ist schließlich Vogel des Jahres 2018. 

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