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Frankfurter Straße in Trümmern: das Lokal „Zur Traube“, das es heute wieder gibt.

Geschichte

„Gardinen Müller in Bad Vilbel war komplett weg“

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Die Naturfreunde erinnerten mit einem Rundgang an den 75. Jahrestag der Bombardierung der Stadt.

Vor 75 Jahren und zwei Tagen flogen in Bad Vilbel die Ziegel von den Dächern oder gleich ganze Obergeschosse weg, drückten binnen Sekunden ungeheuerliche Windstöße Häuser zu Trümmerhaufen. Als nach schier endlos dauernden Minuten alles vorbei war, waren knapp 50 Menschen tot und ebenso viele Gebäude entlang der Frankfurter Straße, damals Adolf-Hitler-Straße, Schutthalden. Der Naturfreundeverein Bad Vilbel ging am Samstag zum 75. Jahrestag der Bombardierung der Stadt die Orte der Zerstörung ab. Mehr als 30 Personen folgten, darunter manch ein Zeitzeuge, der damals ein kleines Kind war.

„Wir sind ein vielfältig aufgestellter Verein“, sagt Norbert Nakoinz auf die Frage, warum sich die Naturfreunde diesem Thema in Form einer Führung angenommen haben. Der Vorsitzende verweist aber auch auf die Verbindungslinie von Vereinshistorie und Drittes Reich. Als Arbeiterverein wurden die Naturfreunde verboten. Das Vereinshaus am Glauberg wurde beschlagnahmt und kurz vor Kriegsende von den Nazis zerstört.

Aber nicht allein deshalb lautete das Motto des Rundgangs am Samstag „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“. Nach dem Bombenangriff vom 2. März 1944 lagen ein erheblicher Teil der Häuser entlang der Durchgangsstraße in Trümmern. Mehrfach werden während der Tour an den Orten Fotografien hoch gehalten, wo die Druckwelle der Sprengbomben vor allem die Fachwerkhäuser zusammenbrechen ließ. In der Bergstraße kamen elf Menschen in einem Keller um. In der Frankfurter Straße 18 gab es zwei Tote, sagt Nakoinz. Das Haus daneben wurde ohne Menschenopfer in seine Bestandteile zerlegt. Jeder will die Trümmerberge auf den Fotos sehen, um sie mit dem realen Bild zu vergleichen. Manch einer weiß noch was zur Standortbestimmung zu ergänzen, andere blicken stumm auf die oft menschenleeren Szenen in Schwarzweiß.

An der Ecke Frankfurter Straße/Wiesengasse heißt es: „Gardinen Müller war komplett weg.“ Aber die Wiesengasse selbst war auch nahezu komplett weg. Der Backsteinbau gegenüber von Müller steht auf dem Foto noch so wie heute, nur dass die Druckwelle alles aus dem Haus herausgefegt hatte.

Vom Bahnhofsgebäude am Südbahnhof, das laut Nakoinz größer war als das des Nordbahnhofs, war weniger als die Hälfte übriggeblieben. „Arbeiter, die am Abend dort mit dem Zug zurück kamen, waren erstaunt, dass der Bahnhof nicht mehr da stand.“ Auf dem Areal daneben, auf dem heute der Rewe steht, lag kein Stein der Dr.-Lenz-Quelle und der Gaststätte „Stadt Darmstadt“ mehr auf dem anderen.

Mangels rüstungsrelevanter Betriebe war Vilbel nie ein Ziel der Alliierten. Es war das Pech der Stadt, dass am Vormittag des 2. März 1944 der Himmel bewölkt war, Schneefall einsetzte und den Bomberbesatzungen mutmaßlich ein Navigationsfehler unterlief. Die offenbar von England aus gestarteten Maschinen sollten ihre 1000 Tonnen explosive Fracht über Frankfurt auf das Hauptwerk der Alfred Teves GmbH entladen, was auch in einem späteren Angriff gelang. Am 2. März fiel die jedoch über den damals unbewohnten Heilsberg bis hin zum Alten Rathaus in der Kernstadt. Die Sirenen warnten die rund 4000 Vilbeler zudem zu spät. Gegen Mitte der Tour am Samstag jaulten sie wieder auf. Keine akustische Halluzination ob der bereits seit einer Stunde dauernden, eindringlichen Schilderungen. Es war der Probealarm der Feuerwehr.

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