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Karl Heinz Wagner in seiner Galerie.

Dietzenbach

Die Galerie im Kuhstall

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Die FR ist zu Besuch bei dem 91-jährigen Künstler Karl Heinz Wagner. Er macht aus einem Kuhstall in Dietzenbach eine Galerie.

Es ist ein langes Leben. Und es ist voller Bilder. In Karl Heinz Wagners Galerie in der Schäfergasse stehen sie auf dem Boden und auf Simsen, hängen an den Wänden: Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, Lithografien, Collagen, Holzschnitte und, und, und. Der 91-jährige Künstler hat viel und gern experimentiert: „Ich habe alles gemacht“, sagt er. Neben den vielen Stadtansichten, die in der Galerie im einstigen Stall seines fast 300 Jahre alten Hauses zu sehen sind, gibt es auch abstrakte und surreal anmutende Bilder, Stillleben, Porträts. Expressionistische Holzschnitte aus den Nachkriegsjahren. Und das allerletzte Bild, das der Dietzenbacher vor einem Jahr gemalt hat: eine wilde Gewitterstimmung über der Stadt.

Nach einem Unfall, bei dem er sich die Hüfte gebrochen hat, und dem langen Reha-Prozess kann Wagner seine Kunst, die ihn seit der frühen Jugend im heutigen Tschechien begleitet hat, nicht mehr ausüben. Auf einem alten Foto, das der Künstler zeigt, ist er als 14-Jähriger an einer Staffelei zu sehen. Und weil er so gern zeichnete und malte, ging er bei einem Zimmermaler in seiner Heimat Komotau in Böhmen in die handwerkliche Lehre. Sein Handwerk hielt Wagner auch über Wasser, als er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ebenso wie seine Mutter und Geschwister ausgewiesen wurde.

Im sachsen-anhaltinischen Schwanebeck, wo die Familie hingebracht wurde, verdiente sich der junge Künstler dann auf kuriose Weise etwas hinzu: „Für einen Kunstmaler malte ich Bilder, die der dann unter seinem Namen verkaufte“, erinnert sich Wagner. „Mir war das egal, ich malte, was er sagte, und bekam pro Bild 100 Mark.“ Als er sich irgendwann selbst Pinsel und Farben leisten konnte, verkaufte er die ersten Bilder auf eigene Rechnung.

Städel-Abendschule besucht

In dem Harzstädtchen lernte Wagner auch seine spätere Frau Lilo kennen. 1947 heirateten die beiden. Sie blieben zusammen, bis Lilo Wagner vor neun Jahren starb. Ende der 1940er Jahre besuchte der Autodidakt einen ersten Zeichenkurs an einer Volkshochschule und fand Kontakt zu anderen Künstlern. 1950, der junge Maler war inzwischen Vater einer Tochter, fasste er den Entschluss, die DDR zu verlassen.

Beinahe von der Volkspolizei erwischt, gelang es ihm, nachts während eines Gewitters unbemerkt einen Grenzfluss zu überqueren. Mit Fahrrad und per Anhalter schlug er sich zu Verwandten durch, die in der Nähe von Marburg wohnten. Dort blieb die Familie – Wagner holte Frau und Kind nach – einige Jahre, bis ein Bekannter ihm ein Zimmer in Offenbach anbot, wo es bessere Arbeitsmöglichkeiten gab.

Wagner arbeitete dort wieder als Maler, besuchte aber auch die Städel-Abendschule in Frankfurt. Bei dem Beckmann-Schüler Walter Hergenhahn lernte er Aktzeichnen, Porträts und Stillleben. Später kamen Kurse für Lithografie und Radierung hinzu. Erste Ausstellungen folgten Anfang der 1960er Jahre. „Seither habe ich immer ausgestellt, im In- und Ausland“, sagt der Künstler.

Beruflich hatte sich Wagner verändert: Als Reklamemaler – „da lernte ich auch den Siebdruck kennen“ – und Offset-Drucker arbeitete er jetzt. In den zehn Jahren in Offenbach wurde er regional bekannt, „ich stand oft in der Zeitung, mein Chef war schon neidisch“. Im Flur der kleinen Wohnung – mittlerweile war auch sein zweites Kind, ein Sohn, geboren – stapelten sich indes die Bilder. Eine Lösung musste her.

Fachwerkhaus restauriert

Die fand Wagner in Dietzenbach: Das Fachwerkhaus in der Schäfergasse kaufte er 1964. „Es war in einem schlechten Zustand, ich musste es erst restaurieren“, erzählt er. 1965 wurde der einstige Kuhstall umgebaut und der Maler begann, dort Werke regionaler, aber auch internationaler Künstler auszustellen. In den Folgejahren war er in Vereinen aktiv, malte für Vereinsfeste, arbeitete im Geschichts- und Heimatverein mit, knüpfte Kontakte zu anderen Künstlern. 1983 schließlich gründete er mit drei anderen den Dietzenbacher Künstlerkreis. Das alles machte der rührige Mann nebenberuflich. „Scheinbar habe ich Tag und Nacht gearbeitet“, sagt der alte Herr fröhlich und ein bisschen erstaunt. „Ich hatte fast jeden Monat eine neue Ausstellung in meiner Galerie.“

Das umtriebige Leben forderte seinen Tribut: Nach zwei Herzinfarkten ging Wagner mit 60 Jahren in Rente. Fortan konnte er sich vollständig der Kunst widmen. Da hatte er sich aber längst einen Namen gemacht, Preise erhalten wie den Kulturpreis des Kreises Offenbach, den der Stadt Dietzenbach oder den Studienfahrtpreis der Stadt Frankfurt.

Heute kümmert er sich noch um seine umfangreiche Homepage, wo man einen Eindruck von seinen Werken gewinnen kann. Und wer neugierig ist, für den öffnet Wagner gern die Tür zu seiner Galerie im ehemaligen Kuhstall.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.galerie-wagner.de.

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