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Gänseessen wird teuer

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Rotkohl gehört für Nicole und Mark Ducksworth zum Gänsegericht dazu.
Rotkohl gehört für Nicole und Mark Ducksworth zum Gänsegericht dazu. schuchardt (3) © Harald Schuchardt

Der heutige Martinstag ist auch der Start in die Gänsesaison. In einem Restaurant Martins- oder Weihnachtsgans zu essen, gehört für viele Menschen in der dunklen Jahreszeit dazu. Doch das wird in diesem Jahr ein teures Vergnügen, und spontanes Gänseessen geht so gut wie gar nicht - wie eine Umfrage dieser Zeitung ergeben hat.

Nicole und Mark Duckworth, die Inhaber des Restaurants „Ducky’s“ in Bad Nauheim haben derzeit viel zu tun. Zusammen mit ihren Mitarbeitenden telefonieren sie alle Reservierungen ab dem 11. November ab und fragen, ob Gans gewünscht wird. „Gänse gibt es in diesem Jahr nur auf Vorbestellung“, sagt Mark Duckworth. Grund dafür ist zum einen der um das Doppelte gestiegene Einkaufspreis, zum anderen gibt es wesentlich weniger Gänse als im Vorjahr. Ein Grund dafür ist die Vogelgrippe, die in den vergangenen Monaten vor allem im Norden und im Osten Deutschlands sowie in Polen - einem der Hauptgänselieferanten - gewütet hat.

Wer sich für eine Portion Gänsebrust mit Blaukraut und Knödel entscheidet, muss 36 statt der 28 Euro im Vorjahr bezahlen. „Die komplette Kostensteigerung können wir gar nicht weitergeben“, sagt Nicole Duckworth, und ihr Ehemann ergänzt: „Dazukommt noch die Mindestlohnerhöhung und ab Januar die gestiegenen Energiekosten. Was da auf uns zukommt, weiß keiner so genau.“ Die Nachfrage jedoch ist groß, nur wenige schreckt der Preis ab, die meisten Gäste haben Verständnis für die Erhöhung. Für die beiden Aktionen „Gans aus dem Smoker“ am 18. November und am 9. Dezember gibt es jede Menge Anfragen. „Der erste Termin ist fast voll“, freut sich Nicole Duckworth.

Am morgigen Samstag beginnt im „Landhaus Bavaria“ in Bad Nauheim die Gänsesaison. Das entsprechende Schild steht am Eingang. 32 statt der 24 Euro im Vorjahr kostet die Portion Brust oder Keule von der Gans, die Inhaberin Ivonne Jungnickel-Taran über Züchter, die dem Label „Nature and Respect“ angehören, bezieht. „Wir bezahlen im Einkauf fast das Dreifache, das können wir gar nicht weitergeben. Verdienen tun wir so gut wie nichts“, sagt Murat Taran, Ehemann der Besitzerin und Chefkoch im „Landhaus“.

Lange haben sich die beiden überlegt, ob sie Gänse überhaupt auf die Karte nehmen, doch die Nachfrage sei groß gewesen, und die Gäste akzeptierten den Preis. „Wir machen das in diesem Jahr für unsere vielen Stammkunden“, sagt die Inhaberin, Ihr Ehemann fügt hinzu: „Wenn wir in Zeiten wie diesen auf alles Schöne verzichten, dann ist das Leben irgendwann nicht mehr lebenswert.“ Im „Bavaria“ gibt es die Portion Gans samt Blaukraut und Kartoffelknödeln oder auch eine komplette Gans für vier Personen nur „auf Vorbestellung“, wie auf dem Schild zu lesen ist.

Im Ockstädter Bürgerhaus wird es ab kommenden Sonntag Gänsebrust und -keule geben, obwohl Inhaberin Stojanka Pursch schon das „Aus“ für die Gänse beschlossen hatte. Doch der Widerstand bei den Gästen führte zu einem Umdenken bei der Bürgerhaus-Wirtin, die nach 35 Jahren Ende März nächsten Jahres aufhören wird. „Jetzt freue ich mich doch, weil ich selbst gerne Gans esse und weil wir in all den Jahren immer Gans angeboten haben“, sagt Pursch, die ebenfalls nur einen Teil der gestiegenen Kosten an ihre Gäste weitergeben wird. Die Portion kostet 35 Euro. Und auch im Bürgerhaus Ockstadt bekommt nur derjenige eine Portion Gans, der sie vorbestellt hat.

Nur auf Bestellungen angewiesen ist Sascha Neumann, seit elf Jahren Inhaber von „Neumann’s Party & Cateringservice“ in Oppershofen. „Die Nachfrage ist unglaublich hoch, nur einem einzigen Anrufer war unser Angebot zu teuer“, sagt der gelernte Koch, der Gans in mehreren Variationen anbietet. Auch Neumann zahlt gut doppelt so viel an seinen Lieferanten wie im Vorjahr. Und auch er gibt die gestiegenen Energie- und Personalkosten nicht ganz an seine Kunden weiter. Seine Preiserhöhungen sind ähnlich hoch wie in Restaurants. „Eigentlich müssten wir, je nach Gericht, bis zu 20 Euro mehr nehmen,“ sagt Neumann, der sich über das Verständnis seiner Kunden freut. Ob es auch an Weihnachten noch Gänse gibt, ist fraglich. „Wir können ja nicht mehr einfach vorbestellen. Wenn unser Lieferant keine Gänse mehr hat, dann gibt es bei uns auch keine Weihnachtsgans“, erläutert Mark Duckworth. Stojanka Pursch sagt: „Ich hoffe doch sehr, dass es Weihnachten noch Gänse gibt.“ Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt.

Ivonne Jungnickel-Taran mit Hinweistafel aufs Gänseessen.
Ivonne Jungnickel-Taran mit Hinweistafel aufs Gänseessen. © Harald Schuchardt
Noch laufen diese Gänse frei herum.
Noch laufen diese Gänse frei herum. © privat

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