+
Schicht für Schicht legen Mitarbeiter des Senckenberg-Instituts Gestein in den Ölschieferfeldern am Boden der Grube Messel bei Darmstadt frei.

Grube Messel

600 Funde bei Grabungen

Studenten sitzen mit großen Messern vor Ölschieferplatten und tragen Schicht für Schicht ab. Sie sind mit ihren Grabungsleitern auf der Suche nach Fossilien.

Die Grube wirkt zunächst unscheinbar, doch in ihrem Boden liegen Schätze der Erdgeschichte. In dem meterdicken, feingeschichteten Ölschiefer der zum Unesco-Weltnaturerbe gehörenden Grube Messel erzählen Fossilien, wie die Welt vor 48 Millionen Jahren aussah. Vor zwei Jahren war hier für die Wissenschaftler zunächst Schluss mit Forschung. Nach neuen Richtlinien musste zunächst einmal geklärt werden, wie Grabungsarbeiten und Denkmalschutz unter einen Hut gebracht werden können.

Vor einem Monat fiel dann der Startschuss für offizielle neue Grabungen. Vier Wochen lang trugen Forscher des Senckenberg-Forschungsinstituts mit Hilfe von vier Studenten der Geowissenschaften an genau vermessenen Punkten, fein säuberlich das Erdreich ab und suchten nach Spuren früheren Lebens.

"In den vier Wochen haben wir mehr als 600 Funde", sagt Sonja Wedmann aus der Abteilung Messelforschung im Senckenberg-Institut. Darunter seien viele Pflanzen und Insekten. "Wir haben aber auch einen kleinen Vogel gefunden." Der wird nach Angaben von Grabungsleiter Bruno Behr nun noch feinsäuberlich mit kleinen Nadeln präpariert. Kleine Vögel seien nicht sehr häufig. "Der Kopf ist weg, warum auch immer."

Nach einer Probegrabung im vergangenen Jahr konnten Ende Juni die Forschungsarbeiten in einer der reichsten Säugetier-Fossilien-Lagerstätten der Welt wieder beginnen. Hintergrund sei die Frage gewesen, wie man der Forschung und dem Denkmalschutz gleichermaßen gerecht werden kann. "Nicht, dass da irgendetwas kaputt geforscht wird", sagt der Sprecher des hessischen Wissenschaftsministerium, Christoph Schlein. Das Weltnaturerbe gehört seit 1992 dem Land Hessen und wird von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt betrieben. Das Areal wurde 1995 erstes Weltnaturerbe in Deutschland auf der Liste der Weltkulturorganisation UNESCO. Im Jahr 2018 förderte das Land die Welterbe Grube mit 326 567 Euro.

Reste eines fossilen Vogels sind in einem Stück Gestein aus den Ölschieferfeldern am Boden der Grube Messel bei Darmstadt zutage getreten.

Um den Spagat zwischen Forschung und Denkmalschutz gerecht zu werden, messen die Wissenschaftler die Grabungsflächen jetzt mit einem Hightech-GPS-Gerät aus. Früher wurde großflächiger gearbeitet. Zudem werden die Funde noch viel genauer dokumentiert. "Wir sind auf einem guten gemeinsamen Weg, die Interessen beider Seiten zu berücksichtigen", sagt Wedmann.

Seit 1975 wird in der Grube geforscht. Zu den spektakulärsten Funden zählen Foxterrier große Urpferdchen, der Halbaffe "Ida", Krokodile mit fast fünf Metern Länge und faustgroße Ameisen. Auch eine fossile Nahrungskette entdeckten die Wissenschaftler - einen Käfer in einer versteinerten Echse im Magen einer fossilen Schlange. Die meisten Funde sind Wedmann zufolge aber Insekten und Pflanzen.

Nach vulkanischen Aktivitäten bedeckte vor 48 Millionen Jahren ein tiefer See das heutige Gelände. Das Klima glich damals dem eines Regenwaldes. Tierkadaver sanken auf den sauerstofffreien Grund und versteinerten in der Tiefe in dem Ölschiefer. Sie sind teils so gut konserviert, dass man noch heute Farbpigmentierungen erkennen kann.

Seit Beginn der Grabungen sammelten die Wissenschaftler rund 18 000 Insekten, mehr als 30 000 fossile Pflanzen, dazu mehrere tausend Wirbeltiere. "Das spiegelt aber nicht Eins zu Eins den Lebensraum wieder. Wir könnten jeden Tag eine neue Art finden", erzählt Wedmann. Es sei auch noch kein sehr großes Säugetier gefunden worden. Nur was damals in den See fiel und versteinerte, kann heute auch aus dem Boden geborgen werden.

In diesem Jahr soll noch einmal vom 2. bis zum 27. September gegraben werden. Auch dann werden wieder Studenten helfen. Für das kommende Jahr hoffen die Forscher Wedmann zufolge auf drei bis vier Grabungen. "Das hängt aber von der Manpower ab." (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare