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Ein Lieferando-Fahrer bei der Arbeit.
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Ein Lieferando-Fahrer bei der Arbeit.

Wirtschaft

Kritik vom Betriebsrat: „Für Lieferando bist du ein Verbrauchsgegenstand“

  • VonTomas Cabanis
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Das Unternehmen prüfte die Räder seiner Kuriere jahrelang nicht auf Verkehrstauglichkeit. Für Reparaturen sollen die Beschäftigten größtenteils selbst aufkommen.

David tritt in die Pedale seines Fahrrads. Schnell soll es gehen, sagt der 21-Jährige. Im Frankfurter Stadtgebiet kennt der Fahrradkurier, der beim Lieferdienstunternehmen Lieferando arbeitet, mittlerweile jede Ecke. „Ich muss Geld verdienen, um mein Studium zu finanzieren“, sagt der junge Mann, der aus Kroatien an den Main kam.

Laut Betriebsrat herrscht derzeit Chaos unter der Belegschaft. Neuerdings kontrolliere Lieferando die Verkehrssicherheit der Fahrräder. Jahrelang sei dies dem Unternehmen völlig egal gewesen. Weil die Arbeitnehmer:innen aber selbst für Reparaturen aufkommen sollen, will der Betriebsrat rechtlich vorgehen.

„Während das Geschäft wegen Corona explodiert, hält Lieferando die einfachsten Arbeitsrichtlinien nicht ein“, sagt Betriebsrat Chayan Díaz Fuentes. Das sei Ergebnis einer Betriebsbegehung im Dezember gewesen, bei der das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt die Frankfurter Lieferando-Zentrale, auch „Hub“ genannt, besuchte. Kein Fahrrad war auf Sicherheitsmängel überprüft, eine für Betriebe verpflichtende Gefährdungsbeurteilung gab es nicht. Die Toiletten waren nicht funktionsfähig, und die Küche von Kakerlaken befallen.

Das RP forderte daraufhin Sicherheitsauflagen. Lieferando solle alle Fahrräder außer Betrieb nehmen und erst wieder freigeben, nachdem sie auf Mängel überprüft worden seien. Um diese Stilllegung zu verhindern, organisierte die Firma Anfang Februar eine Inspektion der Räder. Ein Großteil, sowohl dem Betrieb gehörende als auch private, stellte sich als nicht verkehrssicher heraus. Aber für die unsicheren Fahrräder gibt es keinen Ersatz: „Manche, die kein eigenes Fahrrad haben, arbeiten schon seit zwei Wochen nicht“, berichtet Díaz Fuentes. Eigentlich dürfen nur diejenigen mit als sicher eingestuften Fahrrädern weiterfahren. Manche Kuriere führen aber trotzdem „hinter dem Rücken der Behörden“ mit ihren unsicheren oder ungeprüften privaten Fahrrädern, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende António Fernandes Coelho. Mit der Begründung, sie seien selbst für ihre Räder verantwortlich.

Ein neuer Fahrer sei an seinem ersten Arbeitstag in die Inspektion geraten, erzählt Díaz Fuentes. Ergebnis: Er wurde gleich wieder weggeschickt, um sein Fahrrad für viel Geld reparieren zu lassen. Der Betriebsrat zeigt sich empört: „Er muss bezahlen, um im Niedriglohnsektor arbeiten zu dürfen.“

Lieferando bezuschusst nötige Reparaturen mit zehn Cent pro gefahrenem Kilometer. Klingt nicht schlecht, endet aber bei 44 Euro im Monat. Und das reiche bei weitem nicht, um die Kosten zu decken. „Du bist bei Lieferando ein Verbrauchsgegenstand, genauso wie die Arbeitsmittel“, formuliert es Díaz Fuentes. Und: Grundlage des Geschäfts sei „das Ausnutzen fremder Fahrräder“. Der Arbeitgeber müsse Arbeitsmittel kostenfrei zur Verfügung stellen und die Räder auch warten, ohne dass es die Arbeitnehmer:innen etwas koste, fordert der Betriebsrat.

Lieferando in Frankfurt und Offenbach

In Frankfurt und Offenbach arbeiten mindestens 600 Fahrerinnen und Fahrer für Lieferando, darunter viele Migrant:innen, People of Color und ausländische Student:innen. Genaue Zahlen hat der Betriebsrat allerdings nicht, auch wegen des ständigen Wechsels der Mitarbeiter:innen. Der Betriebsrat schätzt, dass pro Woche zwischen 350 und 450 Rider für Lieferando Essen ausliefern.

Die Fahrerinnen und Fahrer nutzen für die Arbeit entweder E-Bikes des Unternehmens oder ihre eigenen Räder.

Einen Betriebsrat in Frankfurt gibt es bei Lieferando seit 2018. Dieser war zuerst bei der früheren Konkurrenz Foodora entstanden und wurde bei der Fusion der Lieferdienste beibehalten. prla

Falls Lieferando die vom RP gemachten Auflagen nicht erfüllt, droht dem Unternehmen zunächst ein Bußgeld von 5000 Euro. Die Frankfurter SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen hält das nicht für zielführend. „Der gute Ruf des Unternehmens ist viel teurer“, sagt sie in Solidarität mit den Fahrradkurieren, deren Arbeitsbedingungen sie „sehr erschrecken“.

Sicherheit auf den Straßen sei relevant, zumal es in Frankfurt vermehrt zu Unfällen von Fahrradkurieren gekommen sei, erläutert Handrik Hallier, Sekretär der Sektion Rhein-Main der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), der den Lieferando-Betriebsrat betreut. Im November vorigen Jahres gab es auch einen Todesfall. Genaue Unfalldaten erfasse Lieferando aber nicht, moniert der Betriebsrat. Auch hier ziehe Lieferando sich aus der Verantwortung, kritisiert Hallier.

Oliver Malsch, der Leiter der Frankfurter Lieferando-Niederlassung, möchte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Er verweist auf die Zentrale in Berlin, was allerdings nichts bringt. In Berlin könne man nichts über die Situation in Frankfurt sagen, erklärt Pressesprecher Oliver Klug.

Innerhalb der Belegschaft habe es auch schon Corona-Fälle gegeben, berichtet Gewerkschaftssekretär Hallier. Wo die Fahrer:innen sich angesteckt haben, sei nicht klar, doch sei das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, im Lieferdienst höher als etwa bei einem Bürojob. Fahrer:innen hätten zum Beispiel viele Kontakte, wenn sie in Häuser von Kund:innen gehen. Demnach müsse noch mehr für den Gesundheitsschutz getan werden. Ein Anliegen der Gewerkschaft, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, sei, Kund:innen in der App darauf hinzuweisen, Masken zu tragen, wenn sie das Essen in Empfang nehmen.

Einiges habe sich in dieser Hinsicht auch schon gebessert: Mittlerweile stelle Lieferando die Kosten für Desinfektionsmittel und Masken, sagt Hallier. Zu Beginn der Pandemie sei das noch anders gewesen.

„Vor Corona habe ich keine Angst“, sagt der 21-jährige David. Dass sein Fahrrad einwandfrei verkehrstauglich ist, glaubt er aber nicht. Vor ein paar Tagen sei eine Lampe beim Fahren abgefallen. „Aber Lieferando ist das doch egal.“

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